Bella Wismar

Reisesplitter IV (Nachtrag)

In Wismar flanieren wir durch eine ruhige, an diesem Vormittag seltsam reservierte Innenstadt. 1991 waren wir zum ersten und bisher einzigen Mal hier, heute nur auf der Durchreise. Wir wollen sehen, ob wir die Stadt, die wir damals so kurz nach der Wende besuchten, heute noch wiedererkennen. Wie viele andere Städte der ehemaligen DDR hat sich auch Wismar sehr gemausert. Wie andere Hansestädte bekam Wismar aber wohl auch weniger von der sozialistischen Gleichgültigkeit gegenüber schmucker, historischer Bausubstanz zu spüren als solche weiter südlich, besonders in der grauen bis verpesteten Einheitsödnis des Arbeiter- und Bauernstaates. Weiterlesen

Naiv

Da ist er wieder: der Neid, der sich seit der Schule durch mein Leben zieht, nur selten unterbrochen durch Phasen von Erfolg und Euphorie. Ganz bei sich sein, selbstzufrieden, glücklich vom prickelnden Kopf bis in die heißen Zehenspitzen. In solchen Momenten fühle ich mich überlegen, satt und sicher. Doch schon bald kippt das Hochgefühl, beginnt das Nagen. Erste Abnutzungserscheinungen, sich ausdehnendes Hinterfragen, eine zitternde Nervosität und schließlich die Flucht in Alltagsroutinen. Dort aber lauert Gefahr: glückliche Menschen. Und mein Neid auf sie. Weiterlesen

Stillleben

Still steht es da. Viel zu lange schon. Sie hat das Glas nicht ausgetrunken. Als käme sie gleich zurück. Doch sie kommt nicht zurück. Vorhin hat es in dem Glas noch geperlt. Kein stilles Wasser. Kein Stillleben. Die Gasperlen waren winzig, wären auf einem Ölgemälde schwer darstellbar gewesen. Vielleicht hätte ein begnadeter Maler das „Leben“, das Sich-Regende herbeigezaubert, ein Fotograf dafür das Licht geschickt ausgenutzt. Nichts davon käme mir in den Sinn. Das Glas ist schon halb Erinnerung. Ich werde es auskippen, spülen und in den Schrank stellen. Alle Spuren verwischen. Weiterlesen

Ein böser Duft

Erst hatte er sie gar nicht bemerkt. Sie kam schleichend. Und so kann er jetzt, am Ende seines Leidens nicht mehr sagen, wann alles begonnen hatte und vor allem wie. Die Ursache für seine Hypersensibilität würde er nicht mehr erfahren. Es hätte ihn interessiert, nicht weil er noch an eine Therapie oder gar Heilung geglaubt hätte, sondern einfach, um wenigstens wissend abzutreten. Zwar hätte ihm dieses Wissen keine Macht gegeben, aber es hätte jene Macht abgemildert, die die seltsame Krankheit über ihn hatte. Weiterlesen

Rauchmeister

Ein Brandmeister ist, anders als der Name missverstanden werden könnte, nicht ein meisterlicher Feuermacher, sondern ein Meister der Brandabwehr und -bekämpfung. Es ist ein Dienstgrad der Feuerwehr, eine Amtsbezeichnung, die sich durch ein „Ober“ und ein „Haupt“ noch veredeln und besser vergüten lässt. Dahinter stehen nicht selten besondere Verdienste, Mut und Kampfgeist. Menschen, die sich diese Dienstgrade verdienen, sind Menschen von Ehre. Der Brandmeister steht mitten in der Gesellschaft wie ein Fels in der Brandung. Er hat es mit Bränden zu tun, mitunter auch mit angrenzenden Aufgaben des Katastophenschutzes, immer aber mit dem einen Ziel: die Bevölkerung vor Gefahren zu schützen und auch einen möglichen Sachschaden möglichst gering zu halten. All das ist ein Rauchmeister nicht. Weiterlesen

Nur ein Friseur

„Euer Ehren, ich war immer schon und werde immer bleiben, was ich bin: ein Friseur. Nicht mehr und nicht weniger.“
Das Lachen der Klägerinnen ist grausam. So grausam wie die Anklage. Er versteht die Welt nicht mehr. Erst recht nicht, nach allem, was er durchgemacht, was er verloren hat. Was werfen sie ihm vor? Unmöglich habe er sie gemacht, heißt es, in den Ruin habe er sie getrieben. Aber was machen sie mit ihm? Rufmord, nein Mord, ist das! Was hat er denn noch? Friseur zu sein ist sein Leben. Er ist ein guter Friseur. Der beste! Und alle wollten ihn doch. Alle wollten das vollkommene Glück – aus seinen Händen … Weiterlesen

Alter Mann

Die Stadtbahn ist schon wieder zu voll. Viel zu voll für diese Zeit – für diese Zeiten. Da nützen auch keine Masken. Wie gut, dass ich bereits geimpft bin. Prio 2, Risikogruppe – die Zipperlein eben. Noch bin ich keine sechzig. Ein Jahr bleibt mir noch. Ein weiteres verlorenes Jahr? Ich gebe zu: Dieser runde Geburtstag ist eine Bank, eine Schlachtbank. Mit sechzig ist man alt. In zehn Monaten werde ich ein alter Mann sein. Endgültig. Unabänderlich. Die Grauzone bekommt ein neues Mitglied. Sieh dir das Gruselkabinett doch an: Wie Zombies sitzen sie da, stumm, ausdruckslos, ihre schlaffen Leiber nur in Bewegung durch die ruckelnde Bahn. Die Masken verbergen nur wenig von dem Elend. Die Bahn hält. Niemand steigt aus, eine alte Frau drängt herein. Meine Chance! Weiterlesen

Spanner

Er ist ein Spanner, das sagt er selbst. Kein Grund, sich beschimpfen zu lassen, meint er. Er stehe dazu, denn es tue niemandem weh. Vielleicht seiner Frau, wenn sie von seinen geheimen Gedanken wüsste, seinen seelisch-sinnlichen Abwegen. Aber sie ist auch kein Unschuldsengel, weißgott nicht. Weiterlesen

Schutzmaske

Wir sind bereit. Die Gasmaske – „Wie heißt das, Soldat?!“ „ABC-Schutzmaske!“- schneidet mir in die Haut, die beiden Sichtfenster beschlagen. Das Atmen fällt mir schwer. Ich verfluche dieses Scheißding. Gut, dass wir nicht rennen müssen, nicht durch hohes Gras robben. Diesmal nicht. Diesmal geht es in den ABC-Übungsraum. „Gaskammer“ raunen die Rekruten pietätlos, einer gluckst was von „Café Eichmann“. Ich hasse diesen zynischen Jargon. Hasse mich selbst, nicht den Kriegsdienst verweigert zu haben. Wie unwürdig das alles ist.

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Traumgesichte (VI)

Endlich klappt es mit dem Laden. Lange hat eine Freundin von uns gesucht, gefeilscht und sich mit den Behörden herumgeschlagen. Heute sitzen wir zum ersten Mal in ihrer „Waffles Bakery“. Nein, nicht in dem neuen Lokal, sondern draußen. Es ist eine laue Nacht hier in Manhattan, die Außenbeleuchtung ist noch nicht installiert. Nur eine nackte Glühbirne hängt da, aber New York hat immer genügend Licht für alle. Weiterlesen

On demand

„Darf ich fragen, ob es noch lange dauert?“ Peer erschrickt selbst über den ungehaltenen Ton in seiner Stimme. Weshalb regt er sich auf? Hat er nicht alle Zeit der Welt?
„Darf ich Sie noch einen Moment um Geduld bitten? Frau von Langenbach hat noch zu tun.“ Die Hausdienerin scheint Übung im Umgang mit Gästen wie ihm zu haben, so kühl und distanziert, wie sie ihn abfertigt. Berufserfahrung, denkt Peer und ist zugleich befremdet davon, dass es diesen Beruf noch gibt, sogar jene Uniform, die er eigentlich nur aus alten Filmen kennt oder vielleicht noch von Kellnerinnen in altmodischen Cafés. Überhaupt kommt ihm die Situation unwirklich vor, aber er hat es so gewollt. Wer kann schon behaupten, je in diesem Haus gewesen zu sein? Weiterlesen

Am Abgrund

Wenn er je einen Freund hatte, dann ihn. Ein Lichtblick unter den grauen Gestalten der Nachtschicht. Dabei war ein Job bei der Post nicht das schlechteste, zumal für einen Studenten wie Gabriel. Zehn Stunden die Woche reichten ihm für sein Budget. Allein sechs davon arbeitete er zwischen Mitternacht und Montagfrüh. Richtig zur Sache ging es nur in der ersten und in der letzten Stunde: erst Pakete in die Rollwägen mit den Postleitzahlen, später im Betriebshof alles in die gelben Transporter. Zwischen Hektik und Hektik lagen fast vier Stunden Leerlauf, die die Männer im kargen, neonhellen und überheizten Pausenraum verbrachten. Zeit, die sich endlos dehnte – bis Daniel auftauchte. Daniel, sein einziger Freund in diesen leeren Nächten. Damals ahnte Gabriel nicht, was mit ihm geschehen, was Daniels Geschenk auslösen würde – Jahrzehnte später, als ihm dieses seltsame Buch wieder in die Hände fiel. Weiterlesen