Ist es das?

An der Bushaltestelle stehen zwei junge Frauen schon Minuten in inniger Umarmung – eine Insel im Meer der Großstadt. Wenige Meter entfernt sitzt ein Bettler vor einem Laden und reckt den Kopf zu dem Paar. In seinen Augen kein Armutsblick mehr, nichts Mitleid Erregendes, etwas Waches, etwas wie Verlangen. Ist es das, was er braucht, was die beiden Frauen haben und noch bewahren über den Abschied hinaus?
Die eine, die bleibt, winkt dem Bus hinterher, wendet sich dem Laden zu. Gedankenverloren kramt sie in ihrer Manteltasche, findet etwas Kleingeld, wirft es dem Bettler in den Korb. Wie gebannt sieht er sie an, ihr Lächeln, das ihn verzaubert, ihre glitzernden Augen. Ist es das, was er will? Eine Träne, wertvoller als Gold, wenn auch nicht für ihn …

©Martin Bensen

Showtime

Bevor Sie sich langweilen bei edlem Ambiente, feinstem Essen und guten Tropfen, sich dadurch nicht packen lassen, nicht durch die Show, die großartig wird, mit mir als Superstar, mit wem auch sonst, bevor das alles nicht mehr zieht und womöglich noch hässliche Fragen kommen, undankbares Pack, bevor die Party kippt, noch ehe sie beginnt, geht es endlich los, sorry, da muss ich grinsen, ich freu mich so – Showtime, Knall und Fall, wieder mal, zur besten Zeit, mit allem Drum und Dran, das Volk wird mich wieder lieben, denn ihr wollt es doch auch, das war schon immer so, ja, euch wird das Lachen noch vergehen, ein paar von euch weinen schon, ja weint nur, ihr armen Irren, ich bin unangreifbar, ich werde siegen, I’m bigger than all of you, oh my god, don’t stop, the show must go on.

©Martin Bensen

Only fiction! What else in this theatre?

Das Glockenseil von Tarragona

Glöckner zu sein, ist heutzutage nichts Besonderes mehr, vielleicht war es das nie, außer in Victor Hugos historischem Roman und den kitschigen Film- und Musical-Ablegern. Der Mann, der an diesem Freitag pünktlich um 12 Uhr in der Kathedrale von Tarragona die Glocke läutet, ist ein unscheinbarer Herr mittleren Alters von gepflegter Erscheinung und in Alltagskleidung. Er zieht nur zweimal an dem dünnen, langen Seil unterhalb der kleinen, aber hochgelegenen Kuppel nahe dem Altar, von unten eine luzide Rosette mit einem kleinen Loch in der Mitte. Noch während der dünnen Glockenschläge führt der Mann das Seil zur Linken des Hauptschiffs, befestigt das Ende unterhalb der Kanzel an einem Haken und entfernt sich auf den leisen Sohlen seiner Sneakers. Das kann ich eigentlich auch, denke ich, und strecke meine Hand nach der Kordel aus …
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Zuwendung, schließlich

Nachts, wenn er ihre Nähe, die gleichzeitige Ferne nicht erträgt, wendet er sich immer wieder ab, spürt dann, wenn auch schwach, einen Anflug von Verlassenheit, fürchtet aber schon die Ahnung, wirklich verlassen zu sein, weswegen er sich doch wieder zu ihr, seiner Liebe, hinwendet, seine Hand flach unter ihren Po gleiten lässt, behutsam, nichts fordernd, um sie nicht zu wecken, denn wie kann er sicher sein, dass sie ihn noch liebt, weniger als am Anfang, gewiss, das fühlt auch er, und doch so, dass sie noch verbunden sind, ein Paar, aneinander gewöhnt, vereint nach außen, einander gewiss nach innen, und doch schon eine Weile ohne Leidenschaft, ersetzt durch ein Gefühl der Leere, das am Tag weniger bedrückend, jedoch nachts umso beängstigender Raum nimmt, sodass ihm das Atmen schwerfällt und er sich also rasch wieder abwendet, dann daran denkt, wie ihn früher Tränen fast erstickten, wenn ihm ganz bange wurde vor der Zukunft, die nun hinter ihnen liegt, nicht mehr schmerzt, wie sein abgestorbener Zahn, wegen dem er morgen unter gleißendem Licht sitzen wird, einsam, ohne Trost, anders als jetzt, mit ihrer schläfrigen Wärme, die wohl Träume befeuern, welche fragt er sich, wo sie doch so reglos daliegt, sich der Schemen ihres Körpers vor dem schwachen Licht der Nacht abzeichnet, so fein und zart, als schwebte er über dem Bett, so leicht wie ihre regelmäßigen Atemzüge, die ihn trösten, ihm Sicherheit geben, ihn animieren, sich ihr wieder zuzuwenden, um nun endlich in den Schlaf des Vergessens zu fallen.

©Martin Bensen

Kreislauf des Lebens

Jahrein, jahraus das gleiche Spiel: Immer zum Ende blickt alles zurück, erinnert sich, stößt uns mit der Nase drauf – es gibt kein Entkommen, außer vielleicht am Nordpol, in der Wüste oder  – mit viel Willenskraft – im  digitalen Entzug, im Kloster oder an einem Ort, zu einer Zeit, in der man ganz bei sich sein kann. Denn wenn ich mich gar nicht erinnern will? Einfach nur leer sein, einfach auslaufen will?
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Kulturschock

Er war schon einige hundert Mal in der Galerie gewesen, doch heute starrten die Bilder zurück, so sehr, dass er sie nach dem ersten Schock fragte, was sie von ihm wollten, woraufhin er natürlich keine Antwort bekam, stattdessen starrten sie nur weiter, was sie zunehmend dümmlich aussehen und ihn zugleich ratlos werden ließ, sodass er beschloss, die Galerie auf schnellstem Wege und für immer zu verlassen.

©Martin Bensen

Dein Schwan

Zwei Ehepaare im fortgeschrittenen Rentenalter sitzen beim Hotelfrühstück am See. Gedämpfte Gespräche, Hüsteln hier und da, ein tiefes Räuspern des einen Herrn.

Der andere Herr stößt seine Dame an, deutet auf den See.
Sagt der eine vernehmlich: »Dein Schwan sitzt neben dir.«

©Martin Bensen

Frühling in …

… Stutthof – so harmlos klingt Vernichtung. Menschen, gehalten nicht wie Pferde, nicht einmal wie Vieh. Abgeschlachtet. Der Himmel hilft nicht. Unerreichbar weit, blau mit weißen Wattewölkchen, friedlich, harmlos. Der Wind in den Wipfeln, ungebunden und verspielt. Er heult um die Barracken, rauscht und raschelt in den Birken dort draußen. Die Wipfel biegen, die Blätter kräuseln sich, zittern an bleichen Knochenästen.

… Mauerwald – so passend ist der Name. Stahlbeton, gleich meterdick. Von Moos getarnte Bunker. Täter und ihr düsteres Werk. Geschützt nicht um zu schützen, doch zu morden. Millionenfach, vom Reißbrett aus. Morgenlicht strömt rot durch Ahornbäume, in deren Kronen Amseln rufen. Gewärmt, beduftet, umschwärmt. Vor allem frei. Anders die in Uniformen, blass und müde steigen sie hinab in ihre feuchte, kalte Gruft.

©Martin Bensen