Waldesruh

Die Pedale stehen jetzt still, endlich kann er es laufen lassen. Nach einigen Kilometern bergauf geht es nur noch ein paar hundert Meter durch den Stadtwald nach Hause. Die Frühlingssonne flimmert durch das frisch begrünte Astwerk, Vogelstimmen überall, hier und da knackt es im Unterholz. Die leicht abschüssige Straße entlang zieht sich ein bröckelnder und stark vermooster Gehweg, unterhalb säumt ein langer Graben mit einem Krötenzaun den talwärts liegenden Wald.

Einige Autos überholen ihn mit reichlich Abstand, trotzdem drückt sich der Radfahrer so dicht wie möglich an die Bordsteinkante: Die Straße ist nicht allzu breit, hat einige unübersichtliche Kurven und doch ist Tempo 60 den meisten Autofahrern erkennbar zu wenig. Viele bringen es auf 80 und mehr. Froh, endlich vorbei zu kommen, lassen die Fahrer die Motoren aufbrausen, rotzen Abgasfahnen in die Luft. So mancher Zeitgenosse, ist der Radfahrer überzeugt, tritt mit dem Gaspedal auch sein schlechtes Gewissen, zeigt sich und allen ausgemachten Losern, wie man den Feierabend rockt. Zeit ist kostbar, ein Rad gefälligst aus Carbon und die wahre Challenge sowieso nur der Mont Ventoux.

Kreischende Reifen, ein heftiger Stoß, er hebt ab. Zeitraffer. Grasgrün, wolkenweiß, himmelblau, ein roter Blitz, schwarz –

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Ein Passant hat die Leiche am frühen Abend im dichten Unterholz entdeckt. Zuvor war ihm der plattgewalzte Krötenzaun aufgefallen und dann auch das verbeulte Rad im Graben. Die Polizei geht von einem Unfall mit Fahrerflucht aus, sie rekonstruiert den Hergang so: Das Auto einer bisher unbekannten Person fährt in einer Kurve mit hoher Geschwindigkeit auf einen vorausfahrenden 50jährigen Radfahrer auf. Durch die Wucht des Aufpralls wird dieser von seinem Rad geschleudert. Er stürzt die Böschung hinab und kommt so unglücklich auf, dass die eiserne Haltestange eines dort befindlichen Krötenzaunes sein Genick durchbohrt. Der Radfahrer ist sofort tot. Die Fahndung nach dem Unfallflüchtigen verläuft ergebnislos. Ebenso der öffentliche Zeugenaufruf. Im Lokalblatt noch eine schlichte Polizeimeldung, die Welt dreht sich weiter um ihre Krisen, um Terror, Krieg und Seuchen. Der Wald ruht friedlich.

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Ein Mann stapft durch das alte Laub, er trägt eine Warnweste. In seiner Hand baumelt ein schwarzer Eimer. Der Weg führt den frühen Spaziergänger am Krötenzaun entlang. Wie immer zu dieser Jahreszeit schauen Ehrenamtliche täglich nach dem Rechten, sammeln Kröten aus den eingegrabenen Auffangbehältern und setzen sie hinter dem Zaun der anderen Straßenseite wieder aus. Es ist noch kühl an diesem sonnigen Morgen, Tau bedeckt den Boden, überzieht das dunkelgrüne Absperrband mit einer Perlenschnur aus Tausenden glitzernder Tropfen. Ein Stück weiter ist der Zauber zerstört, die Plastikplane liegt nass und schwer am Boden, aus der Verankerung gerissen und zertrampelt. Der Mann flucht, schleudert den noch leeren Eimer wütend zu Boden. Ein Vogel flattert aus dem Geäst, schafft es gerade noch über das Dach eines vorbeirauschenden Kleinlasters. Irgendwo tackert ein Specht. Der Mann macht kehrt. Gut, dass er vorhin noch ein paar Ersatzstangen ins Auto gepackt hat. Der Wald ruht still.

©Martin Bensen, Oktober 2014

Sharing is caring

Neulich in der Straßenbahn: Ein junger Mann, gepflegte Erscheinung, niest zweimal diskret zur Seite. Zwei Sitzreihen dahinter erhebt sich eine ältere Dame, reicht ihm ein Tempo und weist ihn streng an, das nächste Mal doch bitte ein Taschentuch zu benutzen. Ein verlegenes Lächeln, amüsierte Gesichter, eine Zeitung mit Ebola-Schlagzeile…

©Martin Bensen, Oktober 2014

Drei Blicke und ein Wink

Der Radfahrer

Gleich oben. Mein Atem geht schnell, aber gleichmäßig. Ich radle in einem mittleren Gang, ruhig und routiniert. Meine Feierabendstrecke. Die Straße glänzt schon etwas weicher in der tiefstehenden Spätsommersonne.  Alles wirkt friedlich hier abseits der Hauptstraße. Oder doch nicht? Von weiter oben dringen Stimmen an mein Ohr. Ein paar Leute hasten mir entgegen den abschüssigen Gehweg herunter, zwei Frauen vorne weg, ein Mann mit einem Kind auf den Schultern. Die beiden Frauen scheinen zu streiten, sie gestikulieren, ich höre “Mutter”, “Wohnung aufgeben”, “Pflegeheim”, blicke jetzt in angespannte Gesichter, die Augen starr geradeaus. Nur das Kind lächelt, scheint den Ritt auf den Schultern zu genießen. Das hellblonde Haar des kleinen Jungen wippt im Takt der schnellen Schritte. Gerade als ich meinen Blick wieder abwenden will, reißt der Junge einen Arm hoch, winkt mir freundlich lachend zu und ruft mit glockenklarer Stimme: “Haaallo!” Fast reflexartig hebe auch ich den Arm und winke zurück. Unwillkürlich muss ich lachen und brauche doch einen Moment, um zu merken, wie wundervoll das gerade war. Noch immer lächelnd schaue ich zurück, sehe sie jetzt einen Vorgarten betreten – drei Erwachsene mit einem Engel. Ob sie es wissen?

Der Mann 

Schon wieder. Die immer gleichen Rituale, ein weiterer nutzloser Abend bei der Schwiegermama. Heute gab es ausnahmsweise mal einen Parkplatz in der Nähe. Aber sonst ist alles wie immer. Meine Frau und ihre Schwester streiten. Ich kann es nicht mehr hören. Wenn es nach mir ginge, hätten wir schon längst eine Entscheidung. Was soll eine alte Frau jenseits der Achtzig noch in einer Wohnung ganz alleine? Gut, meine Schwägerin, Essen auf Rädern, der ambulante Pflegedienst – sie ist versorgt. Aber was will sich die alte Dame beweisen? Warum klebt sie so an ihrer kleinen erbärmlichen Welt? Nicht mal die beherrscht sie mehr. Die Küche schon lange kalt, wenig mehr Bewegung als ein paar zittrige Meter zwischen Bad und Schlafzimmer, das jetzt auch ihr Wohnzimmer ist. An manchen Tage verlässt sie ihr Bett schon gar nicht mehr. Wir brauchen eine Lösung! Doch ich dringe nicht durch. Die beiden Schwestern sind hin- und hergerissen. Sie sind ja nicht blind. Und doch: “Wenn wir ihr das jetzt auch noch nehmen, die vertraute Umgebung, das letzte bisschen Selbstbestimmung, ihre Ehre, ihr Leben…” Die Zeit arbeitet nun mal dagegen. Was wackelst du da oben denn so? Gleich läufst du selber, wirst mir eh zu schwer. Es wird mir alles zu viel, man hechelt nur noch durchs Leben – wie dieser Radfahrer gerade. Strampeln, immer nur strampeln. Am Ende fällt man in die Klappe und das war’s. Das Gartentor quietscht. Wofür das alles?

Das Kind 

Wie schön! Ich sitze hier oben auf meinem Pferd. Papa ist so groß und stark. Da habe ich keine Angst, bin ganz oben. Ich mag unsere Fahrten in die Stadt. Erst bei meiner Tante vorbei, dann mit ihr zusammen zu Oma. Meistens müssen wir noch etwas laufen. Dann darf ich immer auf die Schulter. Klar kann ich selber gehen, aber Reiten ist schöner. Und Papa scheint es auch zu gefallen, er hebt mich schon ganz automatisch hoch, sobald wir aus dem Auto steigen. Warum rennen die denn so? Meine Tante redet wieder so laut. Immer regen sie sich auf. Warum können sie nicht einfach mal nett sein? Später bei Oma ist immer alles gut. Da höre ich sie ganz normal reden. Dinge, die ich nicht verstehe. Dann gehe ich einfach zur Spielekiste beim Kachelofen, Oma hat ganz viele alte Sachen und Bilderbücher. Die kenne ich schon auswendig, aber es macht Spaß in der großen Kiste zu wühlen und manchmal entdecke ich sogar noch eine weiße Malbuchseite… Oma geht es nicht gut. Sie lacht nicht mehr wie sonst. Meistens schaut sie ernst, schaut mich gar nicht mehr an. Ich bin doch da! Mache extra Grimassen und lustige Verrenkungen, will, dass sie wieder lacht. Da, so wie jetzt: Der Mann auf dem Fahrrad schaut zu uns rüber. Hallo! Hat geklappt, er winkt zurück und lacht. Papa greift mir unter die Arme. Gleich sind wir da. Mama öffnet das Tor, dann sind alle still. Papa lässt mich runter.

©Martin Bensen, 10. September 2014

Alte Liebe

Düsseldorf Hauptbahnhof. Es ist später Nachmittag und der größte Teil der Reise liegt bereits hinter mir. Inzwischen habe ich den Großraumwagen des IC ganz für mich allein, die meisten Reisenden sind in Köln ausgestiegen. Eigentlich hätte es längst weitergehen sollen, aber der Zug steht immer noch. Zum Glück, denn sonst hätte es das ältere Paar nicht mehr geschafft – und ich hätte diese Geschichte nicht zu erzählen. Eine wahre Geschichte.
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Was soll das?

Immer wieder begegnen mir Menschen in besonderen Situationen. Oder ich sehe etwas, das mich bewegt, meine Phantasie anregt. Schon in den 1980ern habe ich angefangen, daraus kleine Geschichten zu machen – ohne Anspruch auf Realitätsnähe oder Authentizität. Im Gegenteil: Die Menschen und Dinge in diesen Geschichten entwickeln immer ein fiktionales Eigenleben, eine neue Identität oder bekommen ein anderes Aussehen und sind damit eben nicht mehr real. Viele Geschichten nehmen auch eine ganz neue Wendung, wenn meine Phantasie es so will – sie ist nur allzu bereitwillig… Und manchmal bin es auch nur ich, dessen Erlebnis der Ausgangspunkt einer Geschichte wird. Richtig „ichig“ wird’s dann bei Gedankensplittern und Lyrikversuchen, oje… 😉

Was das soll? Keine Ahnung, Freude am gelegentlichen Schreiben, am Leben – vielleicht auch am Lesen?

©Martin Bensen