Worte aus Murretanien

Ein nasskalter Samstagmorgen in einer schwäbischen Stadt. Menschen gehen an mir vorbei, und immer dann, wenn sie mich passieren, dringen ihre Worte an mein Ohr, rausgebrochen aus Konversationen wie Rohgestein. Ich will es nicht bearbeiten, werfe die Brocken hier hin. Schon diese wenigen Steinchen formen sich zu einem kleinen Mosaik – keine Größe steckt darin, sondern Alltag.

Mürrische Geschwätzfetzen an einem faden Samstagmorgen in einer schwäbischen Stadt, in der schon größere Geister wohnten:

… und er hat ja lange keine Frau gefunden, weil er …

… und wohnt in einem Gebiet, wo auch wirklich gute Leute sind …

… mr muaß halt etz amol gucka, dass d’Richtiga regieret …

… ich lass mich nicht täuschen …

… im Buch kann man alles machen …

… ich will ja gar nicht mehr alles wissen


Martin Bensen

Nichtmeinland

Nichtmeinland, du mürrisches
Wieder murrst du statt zu helfen
Aus dem Murr wächst die Wut

Nichtmeinland, du schändliches
Wieder lügst du statt zu klären
Aus der Lüge wächst der Hass

Nichtmeinland, du hässliches
Wieder hasst du statt zu denken
Aus dem Hass wächst nichts
Als Vernichtung

©Martin Bensen





Showtime

Bevor Sie sich langweilen bei edlem Ambiente, feinstem Essen und guten Tropfen, sich dadurch nicht packen lassen, nicht durch die Show, die großartig wird, mit mir als Superstar, mit wem auch sonst, bevor das alles nicht mehr zieht und womöglich noch hässliche Fragen kommen, undankbares Pack, bevor die Party kippt, noch ehe sie beginnt, geht es endlich los, sorry, da muss ich grinsen, ich freu mich so – Showtime, Knall und Fall, wieder mal, zur besten Zeit, mit allem Drum und Dran, das Volk wird mich wieder lieben, denn ihr wollt es doch auch, das war schon immer so, ja, euch wird das Lachen noch vergehen, ein paar von euch weinen schon, ja weint nur, ihr armen Irren, ich bin unangreifbar, ich werde siegen, I’m bigger than all of you, oh my god, don’t stop, the show must go on.

©Martin Bensen

Only fiction! What else in this theatre?

Wandel (Harz)

Ein Hohlweg von jungem Grün
Weiter bergan ein kahlerer Wald
Stämme schwarz von Nässe
Verkohlte Äste, Rußgerippe

Es hat gebrannt am Steinberg
Doch nicht alles starb im Sommer
Nebel verhüllt, was wieder lebt
Zaghaft zart aus Dunkelholz

Kaum Blätter, sammeln sie schon
Aus tiefen Wolken Regentropfen
Zu düster ist mir nun der Wald
Der Rückweg eine bange Flucht

Unten endlich Lichter, Abendstille
Hier reicht der Blick noch weit genug
Hinüber zu rasierten Hängen
Ein anderer Tod, ein anderer Harz

Und wieder der Wald anderntags
Sonne auf Haut, kaum versöhnlich
Wirst du jemals wieder, der du warst
Niemals, sagt der Wald, und du?

©Martin Bensen

Fliederlied

Im Blütenmeer will ich baden
Dabei am Flieder emporschauen
Weißer Riese vor klarem Blau
Ein Plüschmors labt sich süß
Alleinbeteiligt, kleiner Brummgesell
Irgendwie auch ein Rabauke
Ein Flower Power People Pleaser
Und dann der Gedanke
Befruchtung heißt Vergängnis
Blüten verwehen, Früchte kommen
Das Geplänkel der Jahreszeiten
Dieser ganze Kladderadatsch
Kuddelmuddel Hummeldummel
So singe ich mein Fliederlied
Gegen die Naturvergessenheit

©Martin Bensen

Eine lustige Übung im sehr ersprießlichen Schreibseminar unter der Leitung von Kea Schwarzfeld im Bildungshaus Zeppelin & Steinberg in Goslar. Aus der von den Teilnehmenden bestückten Wörterkiste binnen 15 Minuten einen Text schreiben. Ich habe mich für ein Gedicht entschieden (verwendete Wörter kursiv).

Deine Spuren in uns

Aus der Vergängnis, dem Frostgefängnis
Bricht es wieder aus: neues, buntes Leben
Alle Farben dieser Welt, endlich helles Licht
Als wärs ein Bild von dir, mein Bruder

Und wenn der Wind durch Blattgrün rauscht
In mein Haar, so grau wie deins, mich tröstet
Der Gedanke, es hat dich bloß hinausgeweht
Luftig leicht, in eine andere, bunte Welt

Niemand hält den Wind, das Leben fest
Doch überall sind seine Spuren – deine!
So viele Bilder und Worte, die bleiben
Wie die Liebe – deine Spuren in uns

©Martin Bensen

Für meinen Bruder Reiner (8.7.1963 – 2.4.2026)

Der wahre Wolf

Heute, am 1. April, schicke ich meine Lesenden nicht in den wetterlaunischen Monat, sondern in die Sechziger zurück, das Jahrzehnt meiner Kindheit. Was habe ich in der Zwischenzeit nicht alles verloren, meinen naiven Glauben an Märchen, den Osterhasen, Weihnachten, ja, auch den lieben Gott, dessen kleine Welt mir als Kind vollkommen schien. An einem 1. April gegen Ende der Sechziger verirrte sich sogar ein Wolf darin.
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Buddharoid

Ein sokratischer Dialog mit einer KI – von einer KI

Gibt es so etwas wie die »Summe der menschlichen Philosophie«. Ist sie zentral gespeichert, jederzeit abrufbar? Das legt jedenfalls Gemini nahe. Ich habe die KI von Google mit einem fiktiven philosophischen Dialog beauftragt, den ich hier auch gerne abbilden möchte. Doch am Ende habe ich mich und dann auch Gemini gefragt, ob die KI den Dialog zu ihrem oder zu meinem Gefallen geschrieben hat. Und da gab es zwei erwartbare, aber auch eine überraschende Antwort.
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