Untergang kann jeder

Als das Sonnenlicht ins Rötliche wechselte, begaben sie sich an den Strand, weit weg von den letzten Badegästen, die nun auch ihre Sachen zusammenpackten. Die Beiden hielten sich an den Händen, gingen bedächtig, in einem wiegenden Gleichschritt, als würden sie tanzen, ihre Gesichter dem Meer zugewandt und der Sonne, die sich allmählich mit Dunst umhüllte, langsam blutrot wurde und bald nur noch knapp über dem Horizont stand. Aus der Ferne betrachtet schienen sie ein glücklich verliebtes Paar zu sein, das sich in diesem Augenblick, immer noch an den Händen haltend, in den Sand setzte.

Sie zitterte, hielt seine Hand noch fester, als sie sich in den warmen Sand niederließen. Er erwiderte ihren Händedruck und als sie eng aneinandergeschmiegt saßen, legte er seinen Arm um sie. Er hatte nichts dabei, um sie zu wärmen, doch er wusste, dass sie nicht vor Kälte fror. Es war ihr letzter Abend.

Sie hatten beschlossen, diesen Abend und die Nacht über vollkommen allein zu sein. An einem Ort, wo sie niemand stören und wo es schön sein würde. Sie liebten beide das Meer, vor allem dann, wenn sie es nur für sich hatten. „Lass uns die Nacht am Strand verbringen, uns noch einmal richtig haben, voll und ganz bei uns sein, eins sein, bis der Morgen graut…“, hatte er gesagt und mit abwesender Miene gemurmelt: „Untergang kann jeder.“

Sie hatte sofort eingewilligt, wollte jede Sekunde mit ihm genießen. Schließlich war es nicht sie, die so entschieden hatte, obwohl auch sie einsah, dass sie nicht zusammenbleiben konnten. Wie oft war sie in Gedanken alle Möglichkeiten durchgegangen, hatte von einer einsamen Insel geträumt, auf der es nur sie beide geben würde. Ja, sogar an Weitergehendes hatte sie gedacht, doch dazu wäre sie niemals wirklich in der Lage gewesen.

Er hatte ihre dunklen Gedanken wohl erahnt, aber so sehr er auch bekundete, sie zu lieben und ihr mit jeder Geste, jeder Berührung so viel Nähe und Wärme gab, so wenig vermochte er sie aufmuntern. Wie denn auch? Ihre Beziehung war zum Scheitern verurteilt, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Und so versuchte er „stärker“ zu sein, das Schicksal „wie ein Mann“ zu nehmen, überhaupt das Schicksal entscheiden zu lassen. Er glaubte daran, auch wenn er wusste, dass es nicht damit getan war, nichts zu tun. Handeln oder nicht handeln waren immer die beiden Optionen, wie das digitale Gegensatzpaar „An“ oder „Aus“ – nur dass der Programmcode des Lebens den Lebenden selbst verborgen blieb und selbst aus Erinnerungen und Erfahrungen schwer zu verstehen war. Sie glaubte auch an Schicksal, doch sie war der Meinung, dass nicht alles für alle Zeiten festgelegt war, sondern dass alle Menschen, alle Lebewesen fortwährend an diesem „Programmcode“ schrieben und, weniger wissend als träumend und von Instinkten getrieben, ihr Schicksal doch selbst in die Hand nahmen. Sie hatte es versucht, war trotz vieler Zweifel auf ihn zugegangen, hatte ihrem liebesschweren Herzen einen Stoß gegeben.

In dieser Nacht würden sie nicht mehr über diese Dinge nachdenken, die Würfel waren gefallen, er hatte sich entschieden, hatte für sie beide entschieden: Nicht „symbolträchtig“ bei Sonnenuntergang, sondern bei Tagesanbruch würden sie sich trennen, als Zeichen dafür, dass es irgendwie weitergehen würde, vielleicht sogar eines Tages mit ihnen beiden. „Wie romantisch!“, hatte sie verächtlich entgegnet. „Warum gehst du nicht gleich?“ Und obwohl sie heftig dagegen angekämpft hatte, hatten sich ihre Augen mit Tränen gefüllt, war ihre Umarmung von heftigen Weinkrämpfen erschüttert worden. So waren sie dagestanden, beide schließlich mit Tränen auf den Wangen, hatten sich wieder und wieder geküsst und am Ende damit getröstet, eine letzte schöne Nacht noch vor sich zu haben.

Und so lagen sie hier am Strand, umhüllt von Dunkelheit und tropischer Wärme, die sich auch die Nacht über halten würde. Ihr Zittern hatte aufgehört, jetzt bebten beide vor Erregung, nackt aneinander geschmiegt, von einer Wollust in die nächste gleitend gaben sie sich ihrer Begierde hin, die immer wieder stürmisch aufbrauste, um langsam doch abzuebben und sich einer sinnlichen Entspannung zu ergeben.

Sie musste eingeschlafen sein, mit jähem Erschrecken setzte sie sich auf, blinzelte in die Morgenröte. Sie spürte ihn nicht mehr. Sie blickte neben sich, auf die leere Stelle im Sand, nur noch der Abdruck seines Körpers war darin zu sehen. Er war fort.

Sie hatte es nicht eilig, zum Gästehaus zurück zu kommen. Er würde nicht mehr da sein, das war ihr klar. Sie genoss den schmeichelnd rieselnden Sand an ihren Füßen, noch war es leer am Strand, die Sonne war gerade aufgegangen, schien noch schwach in ihr Gesicht, kitzelte in ihrer Nase, während sie gemächlichen Schrittes auf die Promenade zusteuerte. Die Natur versucht mich aufzumuntern, dachte sie und fühlte sich merkwürdig leicht, gar nicht so unglücklich, wie sie es befürchtet hatte. Während sie allmählich in den Tag hineinwuchs, wich langsam der Schleier der Nacht zurück. Ihrer Nacht. Sie war vollkommen gewesen. Mehr ging nicht. Mehr würde aber auch nicht sein. Ein Grummeln kam aus ihrem Bauch, sie verspürte Hunger, beinahe Heißhunger. Auf was, wusste sie noch nicht. Aber sie wusste, sie würde leben, das Leben weiter genießen, auch ohne ihn. Drüben an der Mole standen einige Angler, schauten zu ihr herüber, lächelten wissend. Sie lächelte zurück und sie merkte, dass sie sie jetzt gerade bestaunten, vielleicht sogar bewunderten. Da musste sie laut lachen. „Untergang kann jeder!“, rief sie ihnen zu. Die alten Männer blickten sich erst verdutzt an, brachen dann in ein vielstimmiges Gelächter aus – und schauten ihr lange nach.

©Martin Bensen

Alt

Kennst du diese alten Männer, die einsam ihre Runden drehen, nach dem rechten sehen, in ihrem Revier, ihrer kleinen, immer kleiner werdenden Welt, mit Stock oder ohne, manche tief gebeugt, langsamen Schrittes, die Sohlen über das Pflaster schleifend? Haben die alten Männer in unserer Stadt nicht viel mehr zu sehen als auf dem Land, wo es nicht mal mehr einen Dorfkern, einen Brunnen, Bänke, eine schattige Linde gibt, wo selbst ein Hund nichts mehr zum Schnüffeln findet?

Vielleicht waren da zu viele Penner gewesen, Alkoholiker, schräge Alte, die das Dorfbild verschandelt hatten. Dann lieber sauber und seelenlos, ein Altenheim am Ortsrand, ein gutes Gewissen. In der Stadt haben sich Fassaden und Plätze herausgeputzt. Edler Glanz blendet die Augen, Wind pfeift um die Ecken, macht kleine Wirbelstürmchen mit dem Unrat der Nacht, kein Baum spendet Schatten, verzinkte Gittersitze voller Taubendreck, die Betonstufen voller Skater, die ihre Bretter abwetzen, für etwas Leben sorgen.

Kein Platz für alte Männer. Was wollen sie auch hier, warum sind sie nicht bei ihren Frauen, immer allein unterwegs, wieso verbünden sich sie sich nicht, unterhalten sich wenigstens?

©Martin Bensen

Hast du diesen alten Mann gesehen, der an der vielbefahrenen Straße entlang schlurft, die Hände auf dem krummen Rücken verschränkt, in speckiger Jacke und schlabbrig-weiter Cordhose, eine Schiebermütze auf dem Kopf? Siehst du sein gelbes, faltiges Gesicht, seine starren Augen? Jetzt bleibt er stehen, dreht sich steif zur Seite, starrt lange zur anderen Straßenseite. Was hat er entdeckt? Schaust du auch hinüber? Siehst du etwas? Nein, du siehst nichts. Weil dort nichts ist. Was sieht dieser alte Mann also? Ist er es nur leid auf die kaputten Pflastersteine zu blicken? Braucht er eine Verschnaufpause, die er mit einem scheinbaren Anlass, einer „wichtigen Beobachtung“ kaschiert?

Siehst du ihn wieder weitertrotten, wie er konzentriert den einen Fuß vor den anderen setzt, nur langsam wieder in Gang kommt? Du hast keine Zeit mehr, dich mit derart unwichtigen Fragen abzugeben? Du hast keine Zeit für sowas? Hast überhaupt keine Zeit? Und er? Wieviel hat er wohl noch? Ist dir egal, sagst du? Willst niemals so werden wie dieser alte Mann? Wirst vielleicht auch gar nicht so alt werden. Doch das hörst du nicht mehr. Keine Zeit…

Hey du (an der Haltestelle)

>> Hey du, schau nicht weg! Lass dich anlächeln. Ja, du! <<

>> Meint sie mich? Sicher nicht… Oder doch? Doch, sie lächelt mich an! <<

>> Jetzt fährt die Bahn weiter. Ciao, du Augenblicksmensch! Das Lächeln war für dich… <<

>> Schade, sie meinte wirklich mich. Danke, hat gutgetan. Hätte es dir gern gesagt. Mit meinem Lächeln… <<