An die Mauer

„Wasser marsch“, sagt mein Freund. Und: „Ahhh …“
Wir stehen an der alten, mondbeschienenen Friedhofsmauer, die helle Glocke der Kirchturmuhr hat dreimal geschlagen; es ist wieder spät geworden. Wir haben das Wasser nicht mehr halten können, die nächstbeste Stelle gesucht. Wie immer nach unserer Kneipentour sind wir ganz schön besoffen. Ein Spaziergang würde uns jetzt gut tun, haben wir uns gesagt. Nur ein paar hundert Meter weiter beginnt schon der Wald. Ein besserer Ort für sowas. Aber der Druck war zu groß. Ausgerechnet die Friedhofsmauer. Durch meinen Nebel steigt Scham auf. Ich beginne zu schwanken.

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Ein Flügelschlag

Da sitzen sie, stecken ihre Köpfe zusammen. Die Espressotassen auf dem Tisch sind längst ausgetrunken. Während der Kaffeesatz eintrocknet, sprudeln Worte aus den Männern. Eigentlich redet nur einer, ein junger, leicht untersetzter Typ, hemdsärmlig, gestikulierend. Er spricht italienisch. So schnell, dass ich nur Bruchstücke verstehe und fast nichts von jener schwärmerischen Melodik dieser schönen Sprache wiedererkenne, für die ich die mediterranen Europäer so beneide – neben vielem anderem. Ist es das ruppige Wetter in Deutschland, die immer noch steife Draußenkultur, überhaupt das ganze stocksteife Deutschtum? Oder warum ist er so in Aufregung, sind die Gesichter seiner beiden Zuhörer so ernst? Was um alles in der Welt ist denn so wichtig, so schlecht, dass alle drei Männer beinahe verschwörerisch dasitzen, vornübergebeugt, einander zugetan? Immerhin das. Weiterlesen

Drehspieß

„Na, wieder Stunk daheim? Feuchte Wände?“
„Ja hallo! Komm her, du Arsch!“
Die beiden Männer fallen sich in die Arme, kurz und kernig, klopfen sich auf die Schultern, lassen einen Abstand zwischen sich und sind schon wieder auseinander.
„Hey, Klimbim, wie immer!“
Der Mann im Kabuff schüttelt den Kopf. Dass er Salim heißt, sagt er schon lange nicht mehr. Am Anfang ist ihm das noch wichtig gewesen. Da hat er solche Typen noch verflucht. Leise nur, weil er keinen Ärger wollte, wie auch heute nicht. Weiterlesen

Im Turm

In meinem Turm habe ich eine Rundum-Sicht. Ich blicke vom höchsten Punkt in den Talkessel von Stuttgart, auf die gegenüberliegenden Höhen. Ich stelle mir vor, das da unten sei mein Königreich, die Niederungen des Lebens, über die ich herrsche, ich, der ich eigentlich immer noch nicht glauben kann, in einem solchen Anwesen wohnen zu dürfen – in einer eigenen Burg mit Turm, nur ich allein. Und meine Frau. Meine Frau, die damit hadert … Weiterlesen

Das Leben endet beim Discounter

Bleiche Gestalten im Novembergrau
Freudlose Gesichter im Neonlicht
Der fahle Morgen gehört ihnen
Den Nutzlosen und Aussortierten
Manche wollen nur etwas Wärme
Andere kaufen gerade das Nötigste
Was sie zum Leben noch brauchen
Das so trostlos wie die Ladenregale
So unüberlebenswichtig
So sterbenslangweilig ist

©Martin Bensen

Endstation Bäckertheke

Die Tasse längst geleert
Auf dem Teller noch
Ein Bissen zum Bleiben
Bis die Theke schließt

So sitzen drei Gestalten
Je an einem Bistrotisch
In der dunklen Nische
Gleich an der Besenkammer

Vorn im hellen Licht
Regt sich noch Broterwerb
Das Leben hier macht
Dort den Winkel tot

Macht sie zu Zombies
Die nichts mehr erwarten
Oder bestenfalls noch das
Was vom Tage übrigbleibt

©Martin Bensen

Schlaf noch schön

Dreh dich ruhig um und schlaf noch schön

Auch morgen geht die Sonne auf
Dreht sich die Welt in ihrem Lauf
Weckt der Wind verträumte Seen
Liebkosen Bienen Orchideen

Auch morgen gehen Lichter aus
Erdulden müde Pendler Staus
Und später von Computertischen
Gehen Brunnenvergifter Menschen fischen

Auch morgen ist auf diese Welt Verlass
Schürt der Wind des Wechsels großen Hass
Wünscht die Mehrheit sich es wäre bald
Erwacht die jetzt noch schläfrige Gewalt

Dreh dich ruhig um und schlaf noch schön

©Martin Bensen