Wald satt

Im Wald ist es früh schon wieder still
Vorbei das Singen, Flattern, Werben
Kaum dass die Tage länger waren
Legt sich Trägheit auf die Wipfel

Ich weiß ja, ihr seid dort irgendwo
Doch Schweigen macht einsam
Nur der Wind geht mich an, heiß
Hitze sickert ein ins Unterholz

Keine Kühlung also, kein frischer Trost
Gegen die Schwere in meinem Kopf
Sieh dich satt an dem Grün, sagst du
Satt sind wir, sag ich, das ist es ja

©Martin Bensen

Nichtmeinland

Nichtmeinland, du mürrisches
Wieder murrst du statt zu helfen
Aus dem Murr wächst die Wut

Nichtmeinland, du schändliches
Wieder lügst du statt zu klären
Aus der Lüge wächst der Hass

Nichtmeinland, du hässliches
Wieder hasst du statt zu denken
Aus dem Hass wächst nichts
Als Vernichtung

©Martin Bensen





Wandel (Harz)

Ein Hohlweg von jungem Grün
Weiter bergan ein kahlerer Wald
Stämme schwarz von Nässe
Verkohlte Äste, Rußgerippe

Es hat gebrannt am Steinberg
Doch nicht alles starb im Sommer
Nebel verhüllt, was wieder lebt
Zaghaft zart aus Dunkelholz

Kaum Blätter, sammeln sie schon
Aus tiefen Wolken Regentropfen
Zu düster ist mir nun der Wald
Der Rückweg eine bange Flucht

Unten endlich Lichter, Abendstille
Hier reicht der Blick noch weit genug
Hinüber zu rasierten Hängen
Ein anderer Tod, ein anderer Harz

Und wieder der Wald anderntags
Sonne auf Haut, kaum versöhnlich
Wirst du jemals wieder, der du warst
Niemals, sagt der Wald, und du?

©Martin Bensen

Fliederlied

Im Blütenmeer will ich baden
Dabei am Flieder emporschauen
Weißer Riese vor klarem Blau
Ein Plüschmors labt sich süß
Alleinbeteiligt, kleiner Brummgesell
Irgendwie auch ein Rabauke
Ein Flower Power People Pleaser
Und dann der Gedanke
Befruchtung heißt Vergängnis
Blüten verwehen, Früchte kommen
Das Geplänkel der Jahreszeiten
Dieser ganze Kladderadatsch
Kuddelmuddel Hummeldummel
So singe ich mein Fliederlied
Gegen die Naturvergessenheit

©Martin Bensen

Eine lustige Übung im sehr ersprießlichen Schreibseminar unter der Leitung von Kea Schwarzfeld im Bildungshaus Zeppelin & Steinberg in Goslar. Aus der von den Teilnehmenden bestückten Wörterkiste binnen 15 Minuten einen Text schreiben. Ich habe mich für ein Gedicht entschieden (verwendete Wörter kursiv).

Deine Spuren in uns

Aus der Vergängnis, dem Frostgefängnis
Bricht es wieder aus: neues, buntes Leben
Alle Farben dieser Welt, endlich helles Licht
Als wärs ein Bild von dir, mein Bruder

Und wenn der Wind durch Blattgrün rauscht
In mein Haar, so grau wie deins, mich tröstet
Der Gedanke, es hat dich bloß hinausgeweht
Luftig leicht, in eine andere, bunte Welt

Niemand hält den Wind, das Leben fest
Doch überall sind seine Spuren – deine!
So viele Bilder und Worte, die bleiben
Wie die Liebe – deine Spuren in uns

©Martin Bensen

Für meinen Bruder Reiner (8.7.1963 – 2.4.2026)

Traum

Das Personal in meinen Träumen
Ist unfreundlich, nicht menschlich
Kein Wunder, es sind Träume
Sagst du dort, wo du sonst nie bist
Nicht bist wie du – nicht du bist
Wie all das geträumte Personal
Unfassbar, unnahbar, unwirklich
Anders als in jeder Erzählung
Vielleicht, weil jeder Traum
Auch den Träumenden erzählt
Schon Gedanke, stößt er mich
In die wache Welt

©Martin Bensen

Herbstlaub

Ein Stückchen

Beim Altenheim kommt der Herbst früher.
»Das ist die Natur«, sagt der Gärtner. »Die jungen Bäume kriegen ihr Laub schneller, dafür verfärbt es sich früher wie bei den alten.«
»Als! Hm, aber ja«, sagt der Passant. »Sehr früh, würde ich sagen. Der September ist ja kaum rum. Zum Glück ist das bei uns Menschen anders.« Er deutet auf seine blonde Fönfrisur und auf das schüttere graue Haar des Gärtners.
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