Er war einen großen Umweg gegangen, unfreiwillig. Alles schien verändert. Eigentlich kein Wunder nach einem Vierteljahrhundert. So lange war er nicht mehr hier gewesen. Warum auch? Warum jetzt? Selbst als er sich dem Studentenwohnhaus näherte, scheinbar zielgerichtet, dachte er immer noch an Umkehr, erst vor dem Eingang überwog die Neugier das Gefühl, besser wieder zu gehen. Hätte er es nur getan, hätte er die Vergangenheit doch ruhen lassen.
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Schicksal
Liebe – warum?
Warum sollte ich dich lieben?
Unsere Begegnung im Wald so schattenhaft. Als wäre sie nicht wahr. Als wärest du nicht wahr. Dünn. Blass. Todesgleich. Lebst du überhaupt?
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Wunderwasser
Ein Märchen
Einmal in der Woche, immer sonnabends zogen die älteren Männer des Dorfes in aller Frühe hinauf auf ihren Hausberg. Sie taten dies bei jedem Wetter und selbst im tiefsten Winter. Dann war der Weg so beschwerlich, dass sie der Aufstieg gut und gerne einen halben Tag kostete. Nur einmal in der Geschichte des Dorfes blieb den Männern der Aufstieg drei Wochen lang verwehrt, zu widrig waren die Umstände, zu groß die Lawinengefahr, sodass sie um Leib und Leben fürchten mussten. In jenen Tagen strickten die Frauen ihnen Mützen aus Schafwolle, die zwar wärmten, aber doch auch gehörig kratzten, sodass die Männer den Abend herbeisehnten, an dem sie die wollenen gegen ihre leichten Nachtmützen aus lindernden Leinen tauschen konnten. In jenen drei Wochen trugen alle älteren Männer jenes Dorfes Tag und Nacht Mützen. Aber nicht wegen der Kälte allein taten sie das, denn ihre Häuser waren warm und draußen war zu dieser Jahreszeit ohnehin nichts zu tun. An Holz zum Heizen herrschte auch kein Mangel. Es gab einen anderen Grund für das Behüten ihrer Köpfe. Weiterlesen
Die Frau im Astloch
Er kriegte sie nicht mehr aus dem Kopf. Ihr Anblick hatte sich ihm eingebrannt. Warum war er nicht stehengeblieben? Wenigstens umkehren hätte er doch können, dachte er verärgert. Jetzt war es zu spät; sie würde längst nicht mehr da sein. Er hatte schon das Tal erreicht.
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Liebe meines Lebens
Wie lange habe ich Rebecca nicht gesehen? Jetzt sitzt sie tatsächlich vor mir. Wir haben uns den stillsten Winkel des Cafés ausgesucht. Frischer Kaffee dampft in unseren Tassen. Doch wir wollen uns nicht den Mund verbrennen. Um ehrlich zu sein: Wir können uns nicht satt sehen aneinander. Dabei müssen sich unsere Blicke noch aneinander gewöhnen, zögernd, fast schüchtern, suchen wir den lieben Menschen aus vergangenen Tagen. Zehn Jahre ist es her, dass Rebecca mich verlassen hat, uns verlassen hat. Jetzt, wo es mich zum Studieren in eine andere Stadt gezogen hat, das unverhoffte Wiedersehen. Ich weiß nicht, ob es Zufall war oder ob sie nach mir gesucht hat. Jedenfalls stand sie plötzlich vor mir, als ich mein Rad aufschließen wollte. Weiterlesen
Dass wir noch da sind
Immer wieder sehen wir nach uns
Vergewissern uns unserer Liebe
Erfreuen uns am jeweils anderen
Daran dass wir noch da sind
Immer wieder trennen wir uns
Durchfliegen Turbulenzen des Lebens
Und reiben uns jedes Mal die Augen
Darüber dass wir heil gelandet sind
Das Karwendel-Geheimnis
Es war ihr Lächeln. Ein Lächeln, das nicht zu den traurigen Augen passte. Sie hatte ihn nur kurz angeblickt. Nein, eigentlich hatte er nur kurz aufgeblickt. Zu sehr war er damit beschäftigt gewesen, nicht auszurutschen. Gerade an der steilsten Stelle war der geschmolzende Schnee zu einer Eisbahn geworden. Nur mit Mühe und mit Hilfe des verwitterten Handlaufs schaffte er es. Weiterlesen
Ratlos
Mit hilflos winkenden Armen
Steht der junge Mann vor ihm
Dem weisen Vater der ihm stets
Ein wertvoller Ratgeber war
Ängstlich schier verzweifelt
Fleht der Junge den Alten an
Doch der steht starr und ratlos>
Schaut schweigend in ein Nichts
So verstummt der Junge auch
Lässt seine Arme mutlos sinken
Hört in dieser totenstillen Nacht
All das Gute wie Blut verrinnen
Die Frau am Meer
Eigentlich hatte ich genug von Sand, Strand und Sonne. Die Ostsee war Anfang Juni noch zu kalt zum Baden. Morgen würde ich in aller Frühe abreisen. Mein Kurzurlaub, vier Nächte in einem Waldschlösschen im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, er war mir nun doch ausreichend lang erschienen. Drei Tage war ich stramm auf Deichen und durch Wälder geradelt, hatte mich hier und da an den Strand begeben, das Meeresrauschen und den warmen Westwind genossen, war jeden Abend treuer Gast im freundlichen Schlösschen und nach einem Zwei-Gänge-Menü und drei großen Störtebekern vom Fass alsbald auf meinem Zimmer und wenig später im Reich der Träume.
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Ins Leben
In jenem Moment als ich zurück zur Erde fiel
Reichte das Schicksal mir ein neues Spiel
Ich wähnte mich erst in vertrauten Bahnen
Schon bald aber konnte ich Großes erahnen
Rüde hat der Sturz meine Seele verrückt
Und der Aufprall mein Herz beinahe zerdrückt
Haltlos zog ich wieder durch Partydickicht
Erfasste noch gerade dein schönes Gesicht
So folgte ich dir und verlor dich schon bald
Aber nicht lang es erwischte mich kalt
Nah warst du plötzlich das ließ mich erbeben
Fast hilflos stand ich vor dir ganz ungestalt
Tja – da lachtest du und zogst mich ins Leben
In memoriam, 1985 – 1990
Life is a one way ticket
Zugfahren ist immer noch die lässigste Art zu reisen. Ohne etwas tun zu müssen auf einem vorgegebenen Weg durch die Gegend gleiten, mal schneller, mal langsamer, an fremden Orten halten, Menschen kommen und gehen sehen, sie begrüßen, mit ihnen ins Gespräch kommen und wieder von ihnen Abschied nehmen – während Landschaft vorüberzieht und Zeit vergeht. Eine Zugreise ist wie das Leben. Oder doch nicht? Einmal begab es sich, dass mir das Gefühl dieses einen Weges, ja sogar meines Lebens selbst, verloren ging. Ausgerechnet auf einer Zugreise.
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