Dein Schwan

Zwei Ehepaare im fortgeschrittenen Rentenalter sitzen beim Hotelfrühstück am See. Gedämpfte Gespräche, Hüsteln hier und da, ein tiefes Räuspern des einen Herrn.

Der andere Herr stößt seine Dame an, deutet auf den See.
Sagt der eine vernehmlich: »Dein Schwan sitzt neben dir.«

©Martin Bensen

Frühling in …

… Stutthof – so harmlos klingt Vernichtung. Menschen, gehalten nicht wie Pferde, nicht einmal wie Vieh. Abgeschlachtet. Der Himmel hilft nicht. Unerreichbar weit, blau mit weißen Wattewölkchen, friedlich, harmlos. Der Wind in den Wipfeln, ungebunden und verspielt. Er heult um die Barracken, rauscht und raschelt in den Birken dort draußen. Die Wipfel biegen, die Blätter kräuseln sich, zittern an bleichen Knochenästen.

… Mauerwald – so passend ist der Name. Stahlbeton, gleich meterdick. Von Moos getarnte Bunker. Täter und ihr düsteres Werk. Geschützt nicht um zu schützen, doch zu morden. Millionenfach, vom Reißbrett aus. Morgenlicht strömt rot durch Ahornbäume, in deren Kronen Amseln rufen. Gewärmt, beduftet, umschwärmt. Vor allem frei. Anders die in Uniformen, blass und müde steigen sie hinab in ihre feuchte, kalte Gruft.

©Martin Bensen

Alle Farben in Masuren

Als Kind war Polen für mich grau
Schwarz wie Kohle, Pech und Ruß
Pommerland war abgebrannt
Im Lied klang es wie Bombenland

Schwarz sind nur Gewitterwolken
Von Russland auf Masuren zu
Bunt sind schon die Plattenbauten
Viel bunter noch ist die Natur

Bernsteinbraune, -gelbe Felder
Saftiggrüne Wälder, Wiesen
Weiß und rot betupft, blaue Seen
Himmel! Alle Farben auf dem Grab

©Martin Bensen

Schützenfest

Durch den friedvollen frühen Morgen
Zieht ein Trupp aus der Vergangenheit
Defiliert mit Pauken und Trompeten
Vor müden katergrauen Untertanen

Ein neuer Schützenkönig muss erstehn
Doch ehe Kugeln aus der Flinte hoch
Fliegen Feuerzungen vom Firmament
Dass beseelter geht das Vogelschießen

Horrido Gut Schuss Alle ins Kill
Zigarren-, Bier- und Grasgeruch
Jubel auf des letzten Fetzen Fall
Wir haben einen neuen …

©Martin Bensen

La Bionda

Mein letzter Trost ist weg. Erst dachte ich, er sei nur verreist. Das hat er manchmal getan in den letzten beiden Jahren, die uns so verstört und gefangen gehalten haben, besonders mich, der ich keinen Garten und keinen Balkon, nicht einmal ein richtiges Fenster habe und auf 43 Quadratmetern hause, im siebten Stock unter einem schlecht gedämmten Dach, winterkalt und sommerheiß. Nur wenige erträgliche Wochen, Phasen von Freiheit, in denen ich raus konnte, doch viel zu selten tatsächlich ging, weil das Risiko dort lauerte, die Angst in mir, und ich nur noch nach einem Trost lechzte: la Bionda. Weiterlesen

Sonntagsluft

Erinnerst du dich an diese Luft
Die nur sonntags am Morgen
So frisch ins Zimmer zog
Durch jede Ritze der Jalousien

Anders als an andern Tagen
Wenn sie mit Rauch aus Koks
Aus Schwefel, Öl und Sprit
Selbst ein schwerer Vorhang war

Auch am Sonntag mischte sich bald
Dunst von Weihrauch derb hinein
Von Pomade, Bier und Zigaretten
Dann der Duft von Sonntagsbraten

©Martin Bensen

Tübinger Trip

Alles wie gehabt

Die gleichen entspannten Menschen, die gleichen Gerüche nach Gewürzen, Tabak, Sandelholz, ein Samstagmorgen 2022 wie 1982, Tübingen wie Münster, nach vierzig Jahren wieder Angst vor einem Atomkrieg, sich Wärmen in Nischen, alles wie gehabt, nur sechzig statt zwanzig – und desillusioniert.

Überleben mit Keith

Vom Schloss auf dem Bergsporn weiter hinauf, beidseits Tübinger Täler im märzkalten Sonnenlicht, vorbei an einem Rastplatz, zwei Männer mit Stöcken an einem Kokelfeuer, einer mit tiefen Furchen im Gesicht wie Keith Richards, er grillt sich eine Wurst, schwarz und ungesund – so einer überlebt alles.

Verbindungen

Fahnen auf den Häusern der Burschenschaften, Graffitis auf Mauern, es geht um Geld für Besseres als Männerherrlichkeit, für Gemeinsinn statt Elitenbildung, für Diversität und Selbstbestimmung, dort, wo ein bunter Fetzen weht, ist alles nicht so rausgeputzt, aber selbstverwaltet – Trutzburgen alle.

Bergkapelle

Die Wurmlinger Kapelle hoch oben im goldenen Spätnachmittagslicht, Ostwind legt sich um Gemäuer, überfliegt gepflegte Gräber, gen Westen sind noch Grabstätten frei, mit Blick auf die freiere Welt, vielleicht kommt der Sturm bis hierher, was die Toten nicht mehr stört  – die Lebenden nur wenig länger.

Abendglühen

Der Weg hinab im Abendlicht, Baumwipfel im Sonnenfeuer, Häuser im Tal wie Rubine, wie der glühende Koks im Ofen der Oma früher, als beim Wärmen der Füße Socken mit dem Glas verschmolzen, jetzt auf der Innensohle, wenigstens ist kein Blut im Schuh wie vor vierzig Jahren – beim Marsch, beim Militär.

©Martin Bensen