Tübinger Trip

Alles wie gehabt

Die gleichen entspannten Menschen, die gleichen Gerüche nach Gewürzen, Tabak, Sandelholz, ein Samstagmorgen 2022 wie 1982, Tübingen wie Münster, nach vierzig Jahren wieder Angst vor einem Atomkrieg, sich Wärmen in Nischen, alles wie gehabt, nur sechzig statt zwanzig – und desillusioniert.

Überleben mit Keith

Vom Schloss auf dem Bergsporn weiter hinauf, beidseits Tübinger Täler im märzkalten Sonnenlicht, vorbei an einem Rastplatz, zwei Männer mit Stöcken an einem Kokelfeuer, einer mit tiefen Furchen im Gesicht wie Keith Richards, er grillt sich eine Wurst, schwarz und ungesund – so einer überlebt alles.

Verbindungen

Fahnen auf den Häusern der Burschenschaften, Graffitis auf Mauern, es geht um Geld für Besseres als Männerherrlichkeit, für Gemeinsinn statt Elitenbildung, für Diversität und Selbstbestimmung, dort, wo ein bunter Fetzen weht, ist alles nicht so rausgeputzt, aber selbstverwaltet – Trutzburgen alle.

Bergkapelle

Die Wurmlinger Kapelle hoch oben im goldenen Spätnachmittagslicht, Ostwind legt sich um Gemäuer, überfliegt gepflegte Gräber, gen Westen sind noch Grabstätten frei, mit Blick auf die freiere Welt, vielleicht kommt der Sturm bis hierher, was die Toten nicht mehr stört  – die Lebenden nur wenig länger.

Abendglühen

Der Weg hinab im Abendlicht, Baumwipfel im Sonnenfeuer, Häuser im Tal wie Rubine, wie der glühende Koks im Ofen der Oma früher, als beim Wärmen der Füße Socken mit dem Glas verschmolzen, jetzt auf der Innensohle, wenigstens ist kein Blut im Schuh wie vor vierzig Jahren – beim Marsch, beim Militär.

©Martin Bensen