L wie Loser

Was für eine Schnapsidee! Alles. Er ist komplett nass. Das Handy! Es war auch unter Wasser. Verdammt! Er hat extra nur das Smartphone mitgenommen, die Hotelkarte in die Schutzhülle gesteckt. Falls er einen Herzinfarkt bekommt, weiß man schnell, wer er ist, kann man … Nein, Anhörige verständigen, fällt aus. Seit Freitag hat er keine mehr. Nicht mal mehr die eine. Sie hat ihn verlassen. Als er es endlich begriffen hatte, ist er geflohen, erst wollte er zum Flughafen, in die Wärme fliegen. Dann tat er sich so leid, dass er sich lieber an einem einsamen, grauen Strand sehen wollte. Jetzt ist er da – und klitschnass.
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Sylvie (Concarneau)

Heiß, viel zu heiß. Das war so nicht ausgemacht. Bretagne geht anders. Dachte er. Ist den langen Weg gefahren, weil er genau ihr entfliehen wollte: der sengenden Hitze, die seit Wochen über dem Süden Deutschlands hängt. Der allem zusetzenden Trockenheit. Der lähmenden Trostlosigkeit. Hier an der Nordküste wollte er die bretonische Brandung spüren, rau und ungestüm. Frisch. Er hat auf das Tosen des Meeres gehofft, auf Gischt an Felsen, das Heulen des Windes, darauf, dass sich die Zunge endlich vom Gaumen löst, sei auch Salz auf den Lippen, dass das Wetter bretonisch ist – ruppig und kalt. Solcher Art scheint aber nur die Katze zu sein, die ihn unvermittelt anfaucht.
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Sentir le sable (Saint-Malo)

Das Meer ist weit draußen, der Strand unendlich. Zwei Freundinnen kommen Arm in Arm aus den bretonischen Mauern. Die eine schlank in weißer Hose, weiß-blauem Ringelpulli, an den Füßen taubenblaue Slipper. Die andere übergewichtig in rot-grün-weißem, luftigem Rock, rotem T-Shirt und Pumps. Sie trägt einen Strohhut. Sie humpelt. Die schlanke Freundin stützt sie, geht trotzdem aufrecht, leichtfüßig, vielleicht war sie früher einmal Model. Jetzt betritt sie den gelben Sand, löst sich von ihrer Freundin, die auf die seitliche Mauer zusteuert, sich mit einer Hand abstützt. Dort, wo der Strand beginnt, tänzelt die Schlanke auf der Stelle, murmelt etwas von »feinem Sand«, bückt sich, nimmt mit drei Fingern eine Probe, zerreibt sie und nickt – und schaut doch etwas angeekelt. Feiner Sand. Krauses Näschen.
Sie geht auf ihre Freundin zu, die gebückt an der Mauer steht und an ihren Schuhen nestelt, die Riemchen endlich gelöst und sie von ihrer Freundin gereicht bekommt. Mit ihren Pumps in der Hand steuert sie auf den Sand zu, die Schlanke folgt ihr, lässt ihre Schuhe aber an. Sie muss ihre Freundin nicht mehr stützen. Die lacht jetzt, krallt sich mit ihren Zehen in den feinen Sand, reißt sich den Hut vom Kopf, langes blondes Haar wird gleich vom Wind erfasst. Jetzt tänzelt sie voran, immer schneller, sie wendet ihr Gesicht zur Sonne, lässt ihr Haar im Wind flattern, breitet die Arme aus, in der linken Hand die Schuhe, in der rechten den Hut. Sie will nicht fliegen, sie will nur den Sand spüren, die Sonne, den Wind.
Ihre Freundin folgt ihr. Steif. Beherrscht.

©Martin Bensen

Selten der Himmel

So wenig wie der klare Himmel
Sich blau auf Meeren spiegelt
So steht für sich das Farbenmeer
Von wilden Blumen auf dem Feld

Es ist das Licht mit allen Farben
Das ein Fang der Netzhaut wird
So viel das Auge kann erblicken
So selten ist der Himmel bunt

©Martin Bensen

Zeitlos

Mensch du bist getaktet
Das Ticken deiner Uhr
Zerhackt dir deine Zeit
Jetzt und jetzt und jetzt

Meer du kommst in Wellen
Nach ewigem Naturgesetz
Rhythmisch aber ohne Takt
Lässt du mich zeitlos sein

©Martin Bensen

Leuchtturm

Eine Art Idylle (III)

Mein Leuchtturm ist nicht hoch. Er steht auf einer Klippe über dem Strand, dem einzigen auf meiner einsamen Insel ganz im Norden. Danach ist nur noch Meer. An den meisten Tagen ist nicht auszumachen, wo das Wasser endet und die Luft beginnt, dort am Horizont, der unendlich scheint und doch irgendwo in der Ferne zu Eis erstarrt. Weiterlesen

Pinien-Villa

Eine Art Idylle (I)

Meine alte Villa befindet sich auf einem zum Meer hin erst sanft, dann steil abfallenden Hügel. Sie steht zwischen drei alten Pinien, einer auf der Hinterseite, einer besonders prachtvollen an der rechten und einer windgebeugten auf der linken Seite vorne, nahe der Balkonterrasse zu meinem Schlafzimmer. Die Flügeltür steht weit offen, ich lasse sie im Sommer immer geöffnet, ich liebe das leise Fauchen des auflandigen Windes im nadeligen Geäst. Weiterlesen

Die Frau am Meer

Eigentlich hatte ich genug von Sand, Strand und Sonne. Die Ostsee war Anfang Juni noch zu kalt zum Baden. Morgen würde ich in aller Frühe abreisen. Mein Kurzurlaub, vier Nächte in einem Waldschlösschen im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, er war mir nun doch ausreichend lang erschienen. Drei Tage war ich stramm auf Deichen und durch Wälder geradelt, hatte mich hier und da an den Strand begeben, das Meeresrauschen und den warmen Westwind genossen, war jeden Abend treuer Gast im freundlichen Schlösschen und nach einem Zwei-Gänge-Menü und drei großen Störtebekern vom Fass alsbald auf meinem Zimmer und wenig später im Reich der Träume.
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Untergang kann jeder

Als das Sonnenlicht ins Rötliche wechselte, begaben sie sich an den Strand, weit weg von den letzten Badegästen, die nun auch ihre Sachen zusammenpackten. Die Beiden hielten sich an den Händen, gingen bedächtig, in einem wiegenden Gleichschritt, als würden sie tanzen, ihre Gesichter dem Meer zugewandt und der Sonne, die sich allmählich mit Dunst umhüllte, langsam blutrot wurde und bald nur noch knapp über dem Horizont stand. Aus der Ferne betrachtet schienen sie ein glücklich verliebtes Paar zu sein, das sich in diesem Augenblick, immer noch an den Händen haltend, in den Sand setzte.

Sie zitterte, hielt seine Hand noch fester, als sie sich in den warmen Sand niederließen. Er erwiderte ihren Händedruck und als sie eng aneinandergeschmiegt saßen, legte er seinen Arm um sie. Er hatte nichts dabei, um sie zu wärmen, doch er wusste, dass sie nicht vor Kälte fror. Es war ihr letzter Abend.

Sie hatten beschlossen, diesen Abend und die Nacht über vollkommen allein zu sein. An einem Ort, wo sie niemand stören und wo es schön sein würde. Sie liebten beide das Meer, vor allem dann, wenn sie es nur für sich hatten. „Lass uns die Nacht am Strand verbringen, uns noch einmal richtig haben, voll und ganz bei uns sein, eins sein, bis der Morgen graut…“, hatte er gesagt und mit abwesender Miene gemurmelt: „Untergang kann jeder.“

Sie hatte sofort eingewilligt, wollte jede Sekunde mit ihm genießen. Schließlich war es nicht sie, die so entschieden hatte, obwohl auch sie einsah, dass sie nicht zusammenbleiben konnten. Wie oft war sie in Gedanken alle Möglichkeiten durchgegangen, hatte von einer einsamen Insel geträumt, auf der es nur sie beide geben würde. Ja, sogar an Weitergehendes hatte sie gedacht, doch dazu wäre sie niemals wirklich in der Lage gewesen.

Er hatte ihre dunklen Gedanken wohl erahnt, aber so sehr er auch bekundete, sie zu lieben und ihr mit jeder Geste, jeder Berührung so viel Nähe und Wärme gab, so wenig vermochte er sie aufmuntern. Wie denn auch? Ihre Beziehung war zum Scheitern verurteilt, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Und so versuchte er „stärker“ zu sein, das Schicksal „wie ein Mann“ zu nehmen, überhaupt das Schicksal entscheiden zu lassen. Er glaubte daran, auch wenn er wusste, dass es nicht damit getan war, nichts zu tun. Handeln oder nicht handeln waren immer die beiden Optionen, wie das digitale Gegensatzpaar „An“ oder „Aus“ – nur dass der Programmcode des Lebens den Lebenden selbst verborgen blieb und selbst aus Erinnerungen und Erfahrungen schwer zu verstehen war. Sie glaubte auch an Schicksal, doch sie war der Meinung, dass nicht alles für alle Zeiten festgelegt war, sondern dass alle Menschen, alle Lebewesen fortwährend an diesem „Programmcode“ schrieben und, weniger wissend als träumend und von Instinkten getrieben, ihr Schicksal doch selbst in die Hand nahmen. Sie hatte es versucht, war trotz vieler Zweifel auf ihn zugegangen, hatte ihrem liebesschweren Herzen einen Stoß gegeben.

In dieser Nacht würden sie nicht mehr über diese Dinge nachdenken, die Würfel waren gefallen, er hatte sich entschieden, hatte für sie beide entschieden: Nicht „symbolträchtig“ bei Sonnenuntergang, sondern bei Tagesanbruch würden sie sich trennen, als Zeichen dafür, dass es irgendwie weitergehen würde, vielleicht sogar eines Tages mit ihnen beiden. „Wie romantisch!“, hatte sie verächtlich entgegnet. „Warum gehst du nicht gleich?“ Und obwohl sie heftig dagegen angekämpft hatte, hatten sich ihre Augen mit Tränen gefüllt, war ihre Umarmung von heftigen Weinkrämpfen erschüttert worden. So waren sie dagestanden, beide schließlich mit Tränen auf den Wangen, hatten sich wieder und wieder geküsst und am Ende damit getröstet, eine letzte schöne Nacht noch vor sich zu haben.

Und so lagen sie hier am Strand, umhüllt von Dunkelheit und tropischer Wärme, die sich auch die Nacht über halten würde. Ihr Zittern hatte aufgehört, jetzt bebten beide vor Erregung, nackt aneinander geschmiegt, von einer Wollust in die nächste gleitend gaben sie sich ihrer Begierde hin, die immer wieder stürmisch aufbrauste, um langsam doch abzuebben und sich einer sinnlichen Entspannung zu ergeben.

Sie musste eingeschlafen sein, mit jähem Erschrecken setzte sie sich auf, blinzelte in die Morgenröte. Sie spürte ihn nicht mehr. Sie blickte neben sich, auf die leere Stelle im Sand, nur noch der Abdruck seines Körpers war darin zu sehen. Er war fort.

Sie hatte es nicht eilig, zum Gästehaus zurück zu kommen. Er würde nicht mehr da sein, das war ihr klar. Sie genoss den schmeichelnd rieselnden Sand an ihren Füßen, noch war es leer am Strand, die Sonne war gerade aufgegangen, schien noch schwach in ihr Gesicht, kitzelte in ihrer Nase, während sie gemächlichen Schrittes auf die Promenade zusteuerte. Die Natur versucht mich aufzumuntern, dachte sie und fühlte sich merkwürdig leicht, gar nicht so unglücklich, wie sie es befürchtet hatte. Während sie allmählich in den Tag hineinwuchs, wich langsam der Schleier der Nacht zurück. Ihrer Nacht. Sie war vollkommen gewesen. Mehr ging nicht. Mehr würde aber auch nicht sein. Ein Grummeln kam aus ihrem Bauch, sie verspürte Hunger, beinahe Heißhunger. Auf was, wusste sie noch nicht. Aber sie wusste, sie würde leben, das Leben weiter genießen, auch ohne ihn. Drüben an der Mole standen einige Angler, schauten zu ihr herüber, lächelten wissend. Sie lächelte zurück und sie merkte, dass sie sie jetzt gerade bestaunten, vielleicht sogar bewunderten. Da musste sie laut lachen. „Untergang kann jeder!“, rief sie ihnen zu. Die alten Männer blickten sich erst verdutzt an, brachen dann in ein vielstimmiges Gelächter aus – und schauten ihr lange nach.

©Martin Bensen

Alba am Strand

Sie liebte den Herbst hier am Meer, etwas abseits vom Treiben rund um den Port Vell. An diesen Teil des Strandes verirrten sich weniger Touristen, die angesagten Bars und die anderen Attraktionen des maritimen Teils Barcelonas lagen noch ein Stück weiter weg. Sicher, auf der Mole standen sie mit ihren Handys, fotografierten die Wolken, die sich jetzt am Abend von Gelb über Orange tiefrot färbten, um dann fast auf einen Schlag ins Silbergraue zu wechseln wie vorher schon das Meer, aber das sahen die meisten der Smartphone-Menschen schon nicht mehr. Auf ihrem Weg ins Hotel, Restaurant oder in eine der unzähligen Tapas-Bars nahmen sie vielleicht noch den Schattenriss der Frau wahr, die allein am Strand ganz nah an der Wasserlinie auf einer karierten Wolldecke saß. Sie hatte sie im Korb ihres Fahrrads mitgebracht, das neben ihr im Sand lag. Ohne jede Regung kauerte die ganz in Schwarz gekleidete Frau da, unverwandt aufs Meer hinausblickend, die angewinkelten Knie mit beiden Armen umfangend, als wollte sie sich schützen, sich kleinmachen, ganz bei sich sein.
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