On demand

„Darf ich fragen, ob es noch lange dauert?“ Peer erschrickt selbst über den ungehaltenen Ton in seiner Stimme. Weshalb regt er sich auf? Hat er nicht alle Zeit der Welt?
„Darf ich Sie noch einen Moment um Geduld bitten? Frau von Langenbach hat noch zu tun.“ Die Hausdienerin scheint Übung im Umgang mit Gästen wie ihm zu haben, so kühl und distanziert, wie sie ihn abfertigt. Berufserfahrung, denkt Peer und ist zugleich befremdet davon, dass es diesen Beruf noch gibt, sogar jene Uniform, die er eigentlich nur aus alten Filmen kennt oder vielleicht noch von Kellnerinnen in altmodischen Cafés. Überhaupt kommt ihm die Situation unwirklich vor, aber er hat es so gewollt. Wer kann schon behaupten, je in diesem Haus gewesen zu sein?
Peer schätzt die Dienerin auf etwa sechzig, eine Frau von hagerer Gestalt, mit schwarzem, augenscheinlich nicht gefärbtem Haar und blasser, fast durchscheinender Haut, ähnlich der der Stehlampe aus Schweinsblase, neben der er sitzt. Er kennt solche Lampen aus seinem Elternhaus. Alles an diesem vollständig mit dunklem Kassettenholz getäfelten Raum, der Sitzecke aus Eiche mit moosgrünen Polstern, dem groben, speckig glänzenden Steinboden wirkt alt und rustikal, als befände er sich in einer Bauernkate und nicht in jenem hochherrschaftlich-hanseatischen Haus, das sich in eine ganze Zeile ähnlicher Fassaden einfügt, das er oft auf seinem Rad passiert hat, so lange er noch einen Job bei der Zeitung hatte – und das er nun zum ersten Mal von innen bewundern darf. Nein, seine Bewunderung hält sich in Grenzen; er ist enttäuscht. Das also ist das Haus der Verlegerin, jener berühmten, auch gefürchteten Grand Dame, die einst das Erbe ihres übermächtigen Vaters antrat, der man nicht zutraute, dass sie es lange würde erhalten können, geschweige denn weiterentwickeln, und die doch alle in Erstaunen versetzte, vielen im inneren Zirkel des Literaturbetriebs sogar das Fürchten lehrte, so kraftvoll trieb sie die Geschicke des renommierten Verlagshauses voran.
Peer kennt sie nur von Fotos, allesamt Porträts einer fast adelig wirkenden, durch ihre engstehenden Augen, ihre schmale, gerade Nase und das stets zu einem Dutt frisierte graue Haar streng erscheinenden Frau. Kein einziges der wenigen Zeitdokumente zeigt Klara von Langenbach, Tochtes des berühmten Verlegers Karl von Langenbach, in Gesellschaft. Wie es heißt, meidet sie von jeher Zusammenkünfte, selbst die Ehrung der Stadt vor zwei Jahren, zu der sie eine Vertreterin und eine höfliche, aber nüchterne Grußbotschaft schickte. Inzwischen ist sie wohl alt und gebrechlich, sitzt offenbar im Rollstuhl, sei aber, wie man hört, noch immer von äußerst wachem Geist – und leite nach wie vor die Geschäfte in vollem Umfang. Nicht nur Peer fragt sich, was mit dem Verlag passieren wird, wenn die alte Dame stirbt. Sie hat nie geheiratet und deshalb keine Nachkommen. Der Verlag ist ihr Leben, dort hat sie stets alle Fäden in der Hand gehalten und niemanden hochkommen lassen, im Gegenteil: Wer ihr zu selbstbewusst wurde oder gar seine Kompetenzen überschritt, sah sich umgehend vor die Tür gesetzt, wenn auch mit guter Abfindung – Schweigegeld. Tatsächlich gibt es bis heute nur Gerüchte über das Innenleben des Verlagshauses.
Eine Abfindung hat Peer nie bekommen. Dafür war er zu kurz bei der Zeitung gewesen. Und als freier Mitarbeiter hat er ohnehin von der Hand in den Mund gelebt, hat sich von selbigem die Miete abgespart. Um nichts in der Welt will er diese schöne Altbauwohnung missen, erst recht nicht, seit Hannah bei ihm wohnt. Sie kann leider nur wenig zu ihrem noch jungen gemeinsamen Hausstand beitragen, weil sie noch studiert und gerade ihre Bachelorarbeit schreibt, so wie er zwei Jahre zuvor. Ach, Hannah, vielleicht ist das jetzt die Chance! Peer kann immer noch nicht glauben, dass er hier sitzt. Frechheit siegt, hat Hannah gesagt, als er den Umschlag mit der edel geschwungenen Handschrift geöffnet und die offenbar von der Verlegerin selbst verfasste Einladung entfaltet hat. Er hat die Faust gereckt, den Brief wie eine Trophäe hochgehalten. Hannah ist ihm in die Arme gefallen, hat ihn ins Schlafzimmer gedrängt, wo sie sich geliebt haben wie nie zuvor.
Hannah weiß nicht, dass ihm genau das nun diese Tür geöffnet hat. Peer hat ein schlechtes Gewissen deswegen, andererseits …
Die Dienerin betritt den Raum, gibt ihm ein Zeichen. Peer steht auf, spürt einen leichten Schwindel, während er ihr folgt, eine geschwungene, nur von Wandleuchten illuminierte Treppe empor, vorbei an großformatigen Porträtbildern der Ahnen, ganz oben das der Verlegerin, gemalt, aber kaum von den wenigen bekannten Fotos zu unterscheiden. Sie betreten einen kleinen Korridor. Peer verliert die Orientierung. Überhaupt ist ihm ein Rätsel wie das Innere zum Äußeren des Hauses passen soll, es ist größer als es draußen erscheint. Oder vermitteln die einzelnen Fassaden einen falschen Eindruck und sind dahinter miteinander verbundene Gebäude? Die Dienerin klopft an die stirnseitige von drei Türen, öffnet sie aber gleich.
„Herr Hagenbeck!“ Wie eine scharfe Klinge bohrt sich die Stimme in Peers Ohren. Kaum dass er eingetreten ist, schließt sich die Tür hinter ihm. Seine Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Nur eine Lampe brennt. Sie hat einen grünen Schirm und steht auf einem massiven Schreibtisch. Vage erkennt Peer dahinter den Umriss einer sitzenden Gestalt; der übrige Raum ist dunkel. Irgendwo geradeaus muss sich ein Fenster befinden, doch nichts von dem Sonnenschein des sommerlichen Nachmittags dringt herein, wie schon in der Diele und dem Treppenhaus. Wieso scheut die Bewohnerin das Licht?
„Treten Sie näher, nehmen Sie Platz!“ Die Stimme klingt etwas milder und trotzdem wie ein Befehl. Peer sieht den Stuhl mit Armlehne vor dem Schreibtisch und vermutet wohl richtig, dass dieser für ihn bestimmt ist. Trotzdem zögert er noch.
„Kommen Sie, ich beiße nicht!“
Da ist er sich nicht so sicher. Für einen kurzen Moment überlegt Peer, ob das alles eine gute Idee war und er sich einfach entschuldigen und das Weite suchen sollte. Schon denkt er an Hannah, sieht ihr freudestrahlendes Gesicht vor sich. Nein, er muss einfach. Also tritt er vor, setzt sich etwas zittrig auf den Stuhl, in dessen Polster er leicht versinkt, sodass der Schreibtisch und die Gestalt dahinter plötzlich größer erscheinen. Noch immer sieht Peer nur ihren Schatten, auch weil ihn die Lampe, obwohl nicht allzu hell, etwas blendet.
„Entschuldigen Sie!“ Die Stimme ist leise geworden. Peer empfindet sie trotzdem als furchteinflößend, erinnert sich an seinen Magistervater, der sich in seinen Vorlesungen Respekt verschaffte, indem er desto leiser sprach, je unruhiger sein Auditorium wurde, und auch nicht davor zurückschreckte, mit eben jener leisen Stimme einzelne Störer des Saales zu verweisen. „Entschuldigen Sie die Dunkelheit. Das Licht, Sie verstehen!“
Peer versteht nicht, vermutet allenfalls, was mit ihr –
„Ihr Text!“ Der Schatten kommt ohne Umschweife zur Sache. „Bitte lesen Sie!“
Jetzt sieht Peer sein Manuskript vor sich. Vielmehr die wenigen Seiten, die er dem Verlag geschickt hat. Als Kostprobe. Das war in einer jener Nächte, als Hannah schon erschöpft vom Liebesakt eingeschlafen war und er sein Werk fortsetzte, sein mieses Gefühl in zu vielen Gläsern des viel zu teuren Rotweins ertränkte, immer in Angst, von seiner Liebe ertappt zu werden, immer um Ausreden bemüht, wenn er morgens den Alkohol ausdünstete, sie mit noch brummendem Schädel unter der Decke verwöhnte, dass sie in Zeitnot geriet und ohne Dusche und Frühstück in die Bib, die Uniblibliothek, eilte. Wenn er dann die Ergüsse der Nacht noch einmal las, war er über über den Text so verzückt, dass er unversehens wieder hart wurde und Hand anlegte, weil er mit seiner Lust nicht bis zum Abend warten konnte.
Viel mehr als diese Kostprobe hat er gar nicht. Er liebt und schreibt, aber für einen Roman fehlt dann doch noch einiges. Gewiss, er hat dem Verlag ein Filetstück geschickt, eben jene „Kostprobe“, als die er den Text sogar ausdrücklich anpries und womit er offenbar Eindruck gemacht hat.
„Lesen Sie vor!“ Die Stimme ist wieder lauter, in ihr schwingt Ungeduld mit. Vielleicht irrt Peer sich, aber für ihn klingt es, als müsste die Person vor ihm sich zügeln. Der Gedanke macht ihm Mut, etwas in ihm ist angestachelt. Peer nimmt die drei wohlbekannten Seiten – nur drei, wie vermessen, denkt er, fast großkotzig, war er so betrunken, auch noch, als er den Umschlag in den Postkasten geworfen hat?
Peer liest die Überschrift. Seine Stimme zittert. Er ist jetzt doch aufgeregt, fragt sich, warum er der alten Dame vorlesen soll. Hat sie den Text nicht gelesen? Will sie ihn aus seinem Munde hören – aber weshalb? Der Schatten vor ihm atmet jetzt hörbar ein. Es ist kein gesundes Geräusch, denkt Peer, ein Rasseln, wie von Wasser in der Lunge. Diese Frau ist schwer krank, was tue ich hier eigentlich? Was will diese Frau von mir? Peer zwingt sich zur Ruhe, liest den ersten Satz, hört nichts mehr, liest weiter. Langsam taucht er ein in die Geschichte, in seine Geschichte, nein, ihre Geschichte – und fast liest er nicht mehr, sondern erlebt wieder, wie Hannah und er sich lieben. Er stockt. Will er das? Was macht er hier? Er zwingt sich weiterzulesen, kommt wieder in den Fluss, blendet die Situation aus, ist wieder ganz bei Hannah, seiner geliebten, unschuldigen Hannah.
Noch ehe er endet, den Rausch des gemeinsamen Höhepunkts so langsam verebben lässt, wie sie ihn an jenem Abend empfunden haben, mischt sich ein langgezogenes Stöhnen in sein Sprechen, leise nur, gurrend. Es ekelt ihn. Er will aufspringen, in einem Impuls von Wut die Seiten zerreißen, da stößt das Gesicht der Verlegerin ins Licht. Der Anblick lässt ihn erstarren.
Nichts an diesem Gesicht ist alt. Eine Sinnestäuschung? Ein böswilliges Spiel? Abermals will er aufstehen. Doch etwas fesselt ihn. Es sind die Augen, junge, warme Augen, mit weit geöffneten Pupillen. So wie Hannahs Augen, wenn sie sie wieder aufschlägt, nach höchstem Genuss, bevor sie ihn küsst, ihn umarmt, ihm aus vollem Herzen ihre Liebe bekundet und ihn nie mehr loslassen will. Vor ihm sitzt keine alte, zerbrechliche Frau, auch nicht die Frau, die er von den wenigen Bildern kennt. Und doch ist sie es: die engstehenden Augen, die schmale, fast spitze Nase, der kleine Mund, der jetzt leicht geöffnet ist und dessen Lippen feucht schimmern. Im nächsten Moment ist die Erscheinung verschwunden. Peer sieht, wie sich der Schatten bewegt, hört ein leises Surren – der Rollstuhl! Es stimmt also.
„Soweit also Ihre – Kostprobe.“ Die Stimme kommt jetzt aus der Tiefe des Raumes und klingt nüchtern, geschäftsmäßig. „Selbstverständlich benötige ich mehr. Das ganze Manuskript. Bitte bringen Sie es mir persönlich vorbei.“
Peer beginnt zu schwitzen. Ein paar Seiten hat er noch, aber von einem ganzen Buch ist er ja noch weit entfernt. Auch weiß er doch gar nicht, wie daraus ein Roman werden soll. Er hat keine Idee von einer tragfähigen Handlung, einer Geschichte. Er ist ein solcher Idiot; was hat er sich nur gedacht?
„Nächste Woche, zur gleichen Zeit am selben Ort!“ Noch während die Stimme verhallt, öffnet sich die Tür hinter ihm. Das schwache Flurlicht fällt auf ein deckenhohes Bücherregal. Erst als die Dienerin die Tür hinter ihm schließt, fällt ihm auf, dass es kein einziges Buch enthalten hat. Ein leeres Bücherregal in einem Verlagshaus? Täuscht er sich oder verhöhnen sie ihn? Es ist, als grinsten die Ahnen ihn aus ihren Bildern spöttisch an. Peer schiebt es auf das schummrige Licht und doch ist er froh, als er endlich draußen ist. Natürlich blendet ihn das Licht, das er hastig mit einer Sonnenbrille abmildert. Ihm ist, als trete er aus einer Gruft zurück ins Leben, zurück in den herrlichen Sommer mit seiner Wärme, den Düften und den vertrauten Geräuschen der Großstadt – zurück zu seiner geliebten Hannah. Das war’s. Peer ist fest entschlossen: Keinen Fuß wird er mehr in dieses Haus setzen.

Es ist Hannah, die ihn wanken lässt, ihn schließlich davon überzeugt, weiter zu machen. Peer ist so gerührt von ihren Ermutigungen, ihrem Elan, ihrem Enthusiasmus. Kurz ist er davor, ihr zu beichten, mit was er einen Fuß in die Tür bekommen hat. Doch da überrascht sie ihn mit einer Nachricht.
„Du musst einfach, mein Liebster.“ Hannah strahlt ihn an. „Denn jetzt geht es nicht mehr nur um uns zwei oder die Wohnung.“
Peer kann es nicht fassen. Und noch ehe der Gedanke seinen Verstand erreicht, wird er schwermütig. Nun also betrügt er nicht nur seine Liebste, sondern auch das Wesen, das in ihr wächst, das unschuldigste aller Geschöpfe. Aber wenn nicht bald etwas geschieht, wird er seine Familie nicht ernähren können. Wenn er Hannah jedoch alles beichtet, ist sein Projekt zerstört. Peer ist hin- und hergerissen. Er sieht das Gesicht der Verlegerin vor seinem inneren Auge. Diese Frau ist momentan seine einzige Chance. Sie hat die Macht, aber der Schlüssel zum Erfolg liegt in seiner Hand. Das ist nicht wenig. Ist diese Frau nicht dahingeschmolzen? Hat er sie mit seinem Text nicht gefesselt, sie für die Dauer des Lesens in seiner Hand gehabt? Verdammt, er muss einfach weitermachen. Und er muss es genauso tun wie zuvor. Hannah wird ihm dankbar sein. Ist das Glück denn nicht mehr wert als dieses schäbige Geheimnis? Was nimmt er Hannah damit weg? Er kann doch dafür sorgen, dass alle unerkannt bleiben – schließlich soll es ja ein Roman werden, so hat er es der Verlegerin angekündigt. Ein Roman ist Fiktion, auch wenn die Motive im richtigen Leben liegen. Auch wenn seine Motive nur allzu stark aus dem Leben kommen, der Liebe mit Hannah. So beruhigt sich Peer, doch sein schlechtes Gewissen bleibt. Es steht zwischen ihm und Hannah.
Später, als er in ihre Arme versinkt, ihre Augen kaum ertragen kann, die ihn so lüstern anblicken, während ihre Lippen sich weit öffnen, ihn leidenschaftlich küssen, dass er es kaum noch aushält, sich zwingen muss, nicht zu früh zu kommen, lieber auf sie warten will, weil es zusammen am schönsten ist. Also schließt er die Augen, stemmt sich hoch, verlangsamt seinen Rhythmus – und sieht plötzlich sie, die Verlegerin. Hannah stöhnt, bewegt sich unter ihm, will, dass er nicht aufhört. Er schlägt die Augen auf, sieht für einen Moment noch die andere, aber da ist Hannahs Mund. Ihre Arme schlingen sich um seinen Hals. Sie zieht ihn zu sich, saugt sich an ihm fest. Jetzt sind sie wieder eins, bleiben es.
Wieder sitzt Peer am Küchentisch, tippt das noch frische Gefühl in seinen Laptop, kann das Glück kaum fassen, das er mit Hannah hat – und bald mit einem Sohn, einer Tochter. Keinen Moment hat er darüber nachgedacht, ob das alles viel zu schnell gehe, hat sich einfach nur gefreut und Hannah fest umarmt, so fest, dass sie ihn schon ermahnt hat, doch vorsichtig mit einer werdenden Mutter zu sein. Nun spürt er, wie dieser Gedanke die pure Lust umwölkt, die er doch so direkt wie möglich erzählen will. Wieder sieht er das Gesicht der Verlegerin vor sich. Er darf sie nicht enttäuschen. Er muss bei der Sache bleiben. Als ob es je eine Sache war. Leidenschaft ist zeitlos, denkt er. Nicht nur historisch gesehen, sondern in jedem empfundenen Augenblick. Es ist, als stehe die Zeit still. Spüre den Moment, denkt er, und er spürt ihn, schreibt einfach drauflos. Hannah ist bei ihm; er ist in ihr. Ja, so geht es.
Natürlich ist Hannah nicht bei ihm, hat nicht gemerkt, wie er geschrieben hat – diesmal ohne Wein dazu -, wie er erst im Morgengrauen den Briefumschlag zugeklebt und in seinem Rucksack hat verschwinden lassen, bevor er sich an Hannahs warmen, schlafenden Körper kuschelt. Er wird das Skript persönlich im Verlagshaus abliefern, so wie es die alte Dame verlangt hat. Sie wird einen Roman bekommen, aber nicht am Stück. Er wird das Liebesspiel hinauszögern …

„Nun gut, ich bin bereit, einen Vorvertrag zu machen.“ Der Schatten hinter dem grünen Lampenschirm gibt sich nüchtern. Noch Minuten zuvor hat Peer wieder das rasselnde Atmen vernommen, den tiefen, viel milderen Seufzer, als er geendet hat. Diesmal hat sie nach dem Manuskript gegriffen, das er er eigentlich nur in den messinggoldenen Briefschlitz werfen wollte, wobei ihn die Hausdienerin aber abpasste, als hätte sie auf ihn gelauert, ihn hereinbat und schon nach wenigen Minuten nach oben geleitete. Wie eine Giftschlange war die knöcherne Hand vorgeschnellt, hat ihm das Manuskript aus den Händen gerissen.
„Das Dienstmädchen wird sie gleich auszahlen.“ Wie das klang. Peer kam sich vor wie ein Callboy, bestenfalls wie ein Escort-Dienstleister. „Sie verstehen, dass es die ganze Summe nur bei vollständiger Lieferung gibt!“
Hannah ist im Glück. Sie kommt mit ihrer Arbeit voran. Aber noch mehr freut sie, was bei ihrer Rückkehr aus der Bib auf dem Küchentisch liegt: „Zweitausend Euro! Wow!“
„Für dieses und das letzte Mal.“ Peer erschrickt über seine Wortwahl, doch Hannah lässt sich nichts anmerken. „Ich habe einen Vertrag unterschrieben. Die Konditionen sind super. Ich kann schreiben und abliefern, wann und wie ich will. Okay, es gibt natürlich eine Deadline für den ganzen Roman.“
Hannah geht zum Kühlschrank, will schon nach der Sektflasche greifen, als sie sich besinnt und schuldbewusst auf ihren Unterleib blickt. Er mixt ihnen ein alkoholfreies Getränk, mit dem sie anstoßen – darauf, dass die „Deadline“ genau am Tag der errechneten Geburt sein soll.
„Somit bringen wir beide ein Kind auf die Welt!“ Hannah lacht. Peer muss husten, Hannah klopft ihm auf den Rücken.
Als sie sich an diesem Abend lieben, fühlt sich Peer noch schäbiger. Ihm ist, als sei auch Hannah eine Hure, verraten und verkauft von ihm, ihrem Zuhälter. Diesmal kann er das Bild der Verlegerin nicht mehr verdrängen, es legt sich wie eine zweite Haut über seine geliebte Hannah. Er ist unkonzentriert und wird schlaff. Hannah tut alles, um ihn anzustacheln. Er windet sich aus ihren Armen. Sie hat Verständnis, kuschelt sich an ihn, sagt, dass auch alles ein bisschen zu viel sei, ihre Schwangerschaft, sein Erfolgsdruck. Bald ist sie eingeschlafen. Peer schleicht sich davon, setzt sich an sein Notebook, neben sich die Geldscheine, die ihm so schmutzig vorkommen, dass er sie in der Schublade mit den Gebrauchsanleitungen verschwinden lässt. Aber wenn er gedacht hat, er könne so freier atmen und etwas Sinnvolles zustande bringen, täuscht er sich. Immer wieder beginnt er neu, doch nichts kommt auch nur annähernd an das heran, was er mit noch heißem Blut niedergeschrieben hatte. Zermürbt gibt er schließlich auf, legt sich zu Hannah, kuschelt sich aber nicht an sie heran.
In den folgenden Tagen umkreisen sich Hannah und Peer. Sie merkt, dass etwas nicht stimmt, lässt ihn aber in Ruhe und stürzt sich umso mehr in ihre Arbeit. Und er ist ihr dankbar dafür. Seine Unruhe wird dadurch freilich nicht kleiner. Wie ein Tiger durchstreift er die Wohnung, voller Ungeduld – voll aufgestauter Lust. Mehrmals am Tag erleichtert er sich, denkt dabei an die Verlegerin. In seiner Phantasie ist er ein Raubtier, will er ihr wehtun. Und sie will es auch. So fremd ist ihm diese Vorstellung, dass er glaubt, die Alte habe womöglich Macht über ihn. Vielleicht kontrolliert sie mich tatsächlich, ahnt er und denkt an den Vertrag, das Geld in der Schublade, während er zugleich eine neue, nicht minder packende Lust empfindet.
An einem der nächsten Abende ist er bereit. Er hat sich Mut angetrunken. Hannah merkt das, genießt aber seine Wildheit, seine forsche, fordernde Art. Seine sanften Bisse erregen sie auf eine neue Weise. Sie lässt sich fallen. Und er kann sich gerade noch zurückhalten, ihr wirklich weh zu tun. Nein, die Alte hat nur etwas geweckt in ihm, etwas, das ihnen beiden gefällt, das sie laut schreien lässt, als sie wieder zusammen kommen. Hannah muss ja nicht wissen, dass er die ganze Zeit die Verlegerin vor sich gesehen hat.
Die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus. Diesmal hat er nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Denn er hat ja nicht Hannah geliebt, diesmal nicht. Hannah liebt er, doch die Verlegerin missbraucht er. So ist es doch! So und nicht anders. Endlich hat er sein Motiv: Er wird genau darüber schreiben – ein Mann zwischen zwei Frauen, aber nicht wie millionenfach erzählt, sondern als pathologische Entwicklung, mit der Deadline einer vollständigen Schizophrenie. Peer ahnt noch nicht, wie nahe er damit der Wirklichkeit kommt. Noch rettet ihn sein Verstand.
Die Tage verstreichen, pendeln zwischen hell und dunkel, vernünftig und sinnlich – zwischen Hochgefühl und Abgrund. Er merkt nicht, wie über den Geldsegen der Fluch zusehends an Kraft gewinnt, ein schleichendes Gift in seinen Adern. Erst als Hannah ihn eines Abends wegstößt, sich ihre schreckgeweiteten Augen in ihn bohren wie Messer, aber nicht er, sondern sie blutet, und er den Geschmack nach Eisen im Mund hat, mit dem er zuletzt ihren Hals geküsst hat – nicht mehr nur geküsst hat. Peer ist zu weit gegangen.
Hannah zieht aus. Weit weg von ihm, in den Süden zu ihren Eltern. Traurige Tage voller Verzweiflung kommen, die Peer zurückgezogen im abgedunkelten Schlafzimmer verbringt. Er isst nicht mehr, meidet die Küche, den verwunschenen Ort, an dem das verfluchte Geld lagert. Doch auch in seinem Schlafzimmer sucht sie ihn jetzt heim, er kann das Bild nicht mehr verdrängen. Keine Nacht – oder kein Tag, so genau weiß er das nicht mehr -, vergeht, ohne Alptraum. Jetzt ist es diese Frau, die ihm wehtut, ihn drangsaliert, ihm nicht einmal die Sehnsucht nach Hannah lässt, der er sich so gern erklären möchte. Doch die Verlegerin verbietet es. Wie jung sie aussieht in seinen Träumen …
Peer muss nicht mehr zu ihr fahren. Sie hat ihn auch so unter Kontrolle. Er wehrt sich nicht mehr, registriert die Kuverts mit der feinen Schrift, die unter seiner Wohnungstür durchgeschoben werden – wahrscheinlich von der blassen Hausdienerin. Eines Nachts nimmt er allen Mut zusammen und schleppt sich in den Hausflur, wo er die Briefe öffnet, immerhin sieben an der Zahl. Aus jedem Kuvert fallen Geldscheine, die er achtlos auf dem Boden liegen lässt. Nur in dem letzten Umschlag steckt ein Brief. „Vertrag erfüllt. Hochachtungsvoll …“ Mehr steht nicht auf dem edlen Papier. Peer ist schon zu schwach, um es zu zerreißen. Irgendwann endet eben alles.
Der Polizeibericht notiert in Kürze den Leichenfund. Der junge Mann sei offenbar keines gewaltsamen Todes gestorben, die Obduktion werde Klarheit bringen. Von Geld oder einem Brief ist nichts zu lesen; der Reporter erfährt unter der Hand, der Tote sei völlig ausgezehrt gewesen und habe vor der Toilettentür in seinen Exkrementen gelegen. Und so interessiert die Menschen der Stadt an diesem Tag auch ein viel größerer Artikel. Die bekannte Verlegerin Klara von Langenbach wird geehrt. An ihrem neunzigsten Geburtstag erlaubt sie sogar einen aktuellen Schnappschuss: Das Bild zeigt eine seltsam alterslos wirkende Dame mit einem Blumenstrauß im Arm.

©Martin Bensen