Nachts, wenn er ihre Nähe, die gleichzeitige Ferne nicht erträgt, wendet er sich immer wieder ab, spürt dann, wenn auch schwach, einen Anflug von Verlassenheit, fürchtet aber schon die Ahnung, wirklich verlassen zu sein, weswegen er sich doch wieder zu ihr, seiner Liebe, hinwendet, seine Hand flach unter ihren Po gleiten lässt, behutsam, nichts fordernd, um sie nicht zu wecken, denn wie kann er sicher sein, dass sie ihn noch liebt, weniger als am Anfang, gewiss, das fühlt auch er, und doch so, dass sie noch verbunden sind, ein Paar, aneinander gewöhnt, vereint nach außen, einander gewiss nach innen, und doch schon eine Weile ohne Leidenschaft, ersetzt durch ein Gefühl der Leere, das am Tag weniger bedrückend, jedoch nachts umso beängstigender Raum nimmt, sodass ihm das Atmen schwerfällt und er sich also rasch wieder abwendet, dann daran denkt, wie ihn früher Tränen fast erstickten, wenn ihm ganz bange wurde vor der Zukunft, die nun hinter ihnen liegt, nicht mehr schmerzt, wie sein abgestorbener Zahn, wegen dem er morgen unter gleißendem Licht sitzen wird, einsam, ohne Trost, anders als jetzt, mit ihrer schläfrigen Wärme, die wohl Träume befeuern, welche fragt er sich, wo sie doch so reglos daliegt, sich der Schemen ihres Körpers vor dem schwachen Licht der Nacht abzeichnet, so fein und zart, als schwebte er über dem Bett, so leicht wie ihre regelmäßigen Atemzüge, die ihn trösten, ihm Sicherheit geben, ihn animieren, sich ihr wieder zuzuwenden, um nun endlich in den Schlaf des Vergessens zu fallen.
Sehnsucht
Es muss nicht grün, nicht leuchten
Ich habe noch nie gleichzeitig den Sand unter mir, dich mit mir, das Meer auf uns gespürt – uns beide in dieser einsamen Bucht.
Ich muss Luft holen. Der halbe Ball steht noch am Horizont, halb versunken schon im spiegelglatten Meer, das nicht spiegelt. Das nur verschlingt und nichts gibt. Nicht mir. Nicht meiner Sehnsucht. Weiterlesen
Die Frau im Astloch
Er kriegte sie nicht mehr aus dem Kopf. Ihr Anblick hatte sich ihm eingebrannt. Warum war er nicht stehengeblieben? Wenigstens umkehren hätte er doch können, dachte er verärgert. Jetzt war es zu spät; sie würde längst nicht mehr da sein. Er hatte schon das Tal erreicht.
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Ein heiliger Abend
Wiederentdeckte Weihnachtsgeschichte aus dem Jahr 2000
„Heilig Abend – erheiternd und labend. Noch eins, Herr Wirt!“ Das zynische Lächeln gefror dem Gast am Tresen im Gesicht. Noch immer waren seine Hände taub vor Kälte, eine eisige Böe drückte gegen die Fenster der kleinen Kneipe. Jeder Schluck spülte ihn weiter fort von diesem unglückseligen Abend, der doch so schön begonnen hatte. Weiterlesen
Wind du lieber Freund (II)
Wind du lieber Freund
Du kommst gerade recht
Nach dieser ersten Hitze
Stell ich mich in dich
Damit du mich
Packst
Wie einen Freund umfängst
Umtosend schüttelst kühlst
Mir das Fieber aus dem Leib
Den Blütenstaub aus den Sinnen
Und die Sehnsucht aus der Seele
Wehst
Blaue Blume
So wie ich die blaue Blume
Niemals auch nur entdecke
So wird mein schöner Traum
Niemals in Erfüllung gehen
So geht er mir eben dadurch
Niemals mehr aus dem Sinn
Flashback
Bei den ersten Tönen
Der Musik von damals
Verklärte sich dein Blick
Rangst du nach Worten
Flammte in deinem Herzen
Das Glück vergangener Tage
Auf
Nahm dich ganz gefangen
Ließ deine Augen glänzen
Machte dich vollends stumm
Und sang zugleich in dir
Solang das Lied erklang
Blieb alles und jeder außen
Vor
Friedvolles Herz
Sie ist fort. Von einer Reise in die Sonne nicht zurückgekehrt. Die Nachricht erreicht den Besitzer während der besinnlichen Tage. Im Herzen herrscht beinahe gespenstische Ruhe, die Gäste haben sich auf ihre Zimmer zurückgezogen oder sind aufgebrochen, um Verwandte und Freunde zu besuchen. Weihnachten, das weiß der Besitzer aus langjähriger Erfahrung, Weihnachten ist eine friedliche Zeit für sein Herz, eine Zeit für die Familie, erst recht, wenn alle wieder beisammen sind. Einen Tag vor Heiligabend ist seine älteste Tochter von einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt zurückgekehrt. Schon am Tag nach Weihnachten würde sie wieder aufbrechen und nach Norden fahren, sie braucht das Herz hier immer weniger. Weiterlesen
Seelenfrieden
So seltsam fühlt sich dieses Wort an
So als seist du dann schon tot
Wenn du ihn endlich hast
Dabei ist es das wonach du strebst
Während du lebst und spürst
Dass die Sehnsucht bleibt
Was anders als Seelenfrieden
Ist das Ziel rastloser Suche
Nach einer Seele wie deiner
Winterfest
Als der Sommer sich zum Herbst verfärbte
Der mit bunten Düften für sich warb
Mich trügerisch in goldener Wärme wiegte
Um mich doch dem Winter auszuliefern
Packte ich meine verrückte unmögliche Liebe
In eine luftdichte Hülle aus Klarsichtfolie
Aus der ich doch nur weiter sehnend sah
Wie aus meinen Tränen Eisblumen wuchsen
Alba am Strand
Sie liebte den Herbst hier am Meer, etwas abseits vom Treiben rund um den Port Vell. An diesen Teil des Strandes verirrten sich weniger Touristen, die angesagten Bars und die anderen Attraktionen des maritimen Teils Barcelonas lagen noch ein Stück weiter weg. Sicher, auf der Mole standen sie mit ihren Handys, fotografierten die Wolken, die sich jetzt am Abend von Gelb über Orange tiefrot färbten, um dann fast auf einen Schlag ins Silbergraue zu wechseln wie vorher schon das Meer, aber das sahen die meisten der Smartphone-Menschen schon nicht mehr. Auf ihrem Weg ins Hotel, Restaurant oder in eine der unzähligen Tapas-Bars nahmen sie vielleicht noch den Schattenriss der Frau wahr, die allein am Strand ganz nah an der Wasserlinie auf einer karierten Wolldecke saß. Sie hatte sie im Korb ihres Fahrrads mitgebracht, das neben ihr im Sand lag. Ohne jede Regung kauerte die ganz in Schwarz gekleidete Frau da, unverwandt aufs Meer hinausblickend, die angewinkelten Knie mit beiden Armen umfangend, als wollte sie sich schützen, sich kleinmachen, ganz bei sich sein.
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Loslassen (II)
Wir waren uns auf den Spuren
Waren mehr als uns zu spüren
Darauf bedacht sie zu verwischen
Wir können uns nur in Ruhe lassen
Oder uns in die Arme fallen
Doch dazwischen ist nichts
So verlieren wir uns aus den Augen
Verlieren uns ganz
Werden uns wieder fremd