Als Giselher Brumma eines Abends in unruhigen Schlaf fiel, fand er sich im Traum zu einer abscheulichen Fliege verwandelt. Dergestalt erhob er sich aus schweißnassen Laken, schwebte leicht empor und sah sein Zimmer wie eine neue Welt aus Licht und Farben. Da drüben war es hell, er flog dorthin, spürte wohlige Wärme. Noch vor wenigen Minuten hätte er es besser gewusst, jetzt ließ ihn sein Instinkt ganz nah an das Licht fliegen. Er landete auf dem oberen Rand der Lampe. Hier war es angenehm. Warme Luft stieg auf von dort unten, wo es noch heller war, noch schöner schien. Also lugte er vorsichtig über den Rand, spürte die verlockende Intensität von Licht und Wärme. Es kribbelte wohlig in den Beinchen, die Flügelchen summten vor Lust, so stieß er sich ab, schwebte kurz in der Luft und ließ sich nach unten sacken. Uuh, jetzt wurde es aber heiß. Viel zu heiß! Er wollte wieder hoch, doch es war zu spät, die Flügel reagierten nicht mehr, wie er wollte. So plumpste er unversehens hinein, schrammte an dem gleißenden, heißen Licht vorbei und landete weich auf einem riesigen Haufen vertrockeneter Insektenkadaver. Verzweifelt brummten seine Flügel, hektisch versuchte er nach oben zu gelangen, rasselte hier gegen Glas und dort gegen Glut. Es gab kein Zurück mehr. Kraftlos sank er wieder auf den Chitinhaufen längst verendeter Leidensgenossen. Seine Flügel waren geschmolzen, nichts brummte mehr, er war gefangen. Die Hitze wurde ihm jetzt unerträglich. Mit letzter Kraft stieg er über die Gerippe, durstig, fiebernd, gelangte an das Glas, versuchte daran hochzukrabbeln, doch es war zu heiß, seine Füßchen verbrannten, er fiel hinunter, lag jetzt auf dem Rücken, weich gebettet auf den Leichenhüllen, sah ein letztes Mal zum Licht und wurde eins mit den Toten.
Giselher Brumma wachte nicht mehr auf. Man fand ihn Tage später völlig ausgetrocknet und mit Brandmalen an Rücken, Füßen und Händen im Bett. Sein starrer Blick war auf die Hängelampe über seinem Nachttisch gerichtet, deren Licht noch brannte. Im unteren Teil der tropfenförmigen Glashülle hatten sich Insektenreste aus mindestens zehn Jahren angesammelt.
©Martin Bensen
Stories
Kurzgeschichten, Prosa, Erzählungen
Grenzübertritt
„Meinst du, wir finden heute noch ein Hotel?“ Seine Frau war nicht begeistert gewesen, als er von der Autobahn abfuhr, um ganz in den waldreichen und hügeligen Harz einzutauchen. Dabei hatte es bereits zu dämmern begonnen. Weiterlesen
Parkbank-Reigen
Schauspiel in fünf Begegnungen
von ©Martin Bensen
„Die ganze Sache ist die, dass die Menschen glauben, es gebe Situationen, in denen man mit den Menschen ohne Liebe umgehen dürfe; solche Situationen gibt es aber nicht!“
Leo Tolstoi
Begegnung 1
Licht an
Eine einsame Parkbank an einem Sommermorgen, auf ihr liegt ein schlafender junger Mann – modische Frisur, kurzgeschnittener Bart, fleckiges weißes Hemd, Designerjeans, Sneakers – seine Knie sind angewinkelt, dazwischen seine Hände. Vor ihm steht eine leere Wodkaflasche auf dem Boden, überall verstreut liegen Zigarettenstummel. Ein älterer Mann mit silbergrauer Künstlerfrisur, in schwarzem Leinenanzug, schlurft ins Bild, betrachtet den Jungen eine Weile, setzt sich dann auf den schmalen Platz zu seinen Füßen. Er klemmt seine Hände zwischen seine Knie, reibt sie unruhig gegeneinander, beugt seinen Körper vor und schaut ins Leere. Eine ganze Weile. Die Vögel zwitschern, sonst ist noch alles ruhig.
Der Alte:
Ach ja…
Der Junge bewegt sich etwas, grunzt, atmet hörbar aus und versucht sich vergeblich umzudrehen.
Der Alte:
Das habe ich nie gemacht. Weiterlesen
Traumgesichte (III): Ostfremd
Welches Hotel? Gute Frage. Da konnte ich meine Unterlagen studieren wie ich wollte, es fanden sich keinerlei Hinweise darauf, wo ich heute Abend absteigen würde. Der erste Messetag für das Fachpublikum war gerade vorbei. Etliche Aussteller hingen noch an der Pilsbar ab. Darauf hatte ich mich auch gefreut, doch jetzt hatte ich ein Problem. Weiterlesen
Traumgesichte (II): Heimkehr
Was freute ich mich auf Zuhause! Die Fahrt war lang gewesen, zweimal war ich nur knapp am Sekundenschlaf vorbeigeschrammt. Das Adrenalin des Erschreckens hatte am Ende gereicht, um die Strecke ohne Pause durchzustehen. Jetzt befuhr ich den Zubringer in die Stadt, in meine Heimatstadt. Nur noch den Weg hoch, dann war ich endlich Zuhause. Dachte ich. Weiterlesen
Nostalgia
Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich hatte mir dieses kleine Café im hintersten Winkel einer etwas entlegenen Gasse Barcelonas ausgesucht, um ungestört meine Eindrücke dieser großartigen Stadt und die Umstände meiner Flucht zu verarbeiten. Nicht im Traum hätte ich für möglich gehalten, ausgerechnet hier noch einmal meiner ersten Liebe zu begegnen. Dabei erschien sie mir gar nicht persönlich. Aber der Reihe nach. Weiterlesen
Traumgesichte: Hunde
Ich stehe auf einer Wiese, die Sonne scheint, alles wirkt friedlich. Kein Mensch ist hier unterwegs. Dann eine Bewegung am Horizont. Etwas nähert sich in der flirrenden Hitze. Ich stelle meine Augen scharf und sehe sie: Hunde. Große Hunde mit bedrohlichen Gesichtern. Sie sehen nicht aus wie Wölfe, aber sie wirken wie gefährliche Raubtiere. Weiterlesen
Ein Bad im Himmel
Das war’s. So geht also Sterben. Okay, der Schmerz war kacke, der Sog furchteinflößend, doch jetzt umhüllt mich warmes Licht. Wenn die Nahtod-Berichte stimmen, bin ich nurmehr Seele, dann muss das hier der Himmel sein. „Nicht ganz“, tönt es aus dem Licht. Weiterlesen
Pinien-Villa
Eine Art Idylle (I)
Meine alte Villa befindet sich auf einem zum Meer hin erst sanft, dann steil abfallenden Hügel. Sie steht zwischen drei alten Pinien, einer auf der Hinterseite, einer besonders prachtvollen an der rechten und einer windgebeugten auf der linken Seite vorne, nahe der Balkonterrasse zu meinem Schlafzimmer. Die Flügeltür steht weit offen, ich lasse sie im Sommer immer geöffnet, ich liebe das leise Fauchen des auflandigen Windes im nadeligen Geäst. Weiterlesen
Das Karwendel-Geheimnis
Es war ihr Lächeln. Ein Lächeln, das nicht zu den traurigen Augen passte. Sie hatte ihn nur kurz angeblickt. Nein, eigentlich hatte er nur kurz aufgeblickt. Zu sehr war er damit beschäftigt gewesen, nicht auszurutschen. Gerade an der steilsten Stelle war der geschmolzende Schnee zu einer Eisbahn geworden. Nur mit Mühe und mit Hilfe des verwitterten Handlaufs schaffte er es. Weiterlesen
Deadline
Das hatte doch alles keinen Sinn. Trotzig wie ein Kind blieb er stehen und stampfte mit dem rechten Fuß auf. Er war verzweifelt. Egal in welche Richtung er ging: der Weg endete früher oder später im Nichts. Oder vielmehr im Dickicht eines dunklen Waldes. Nirgendwo war auch nur der Ansatz eines Lichts zu erkennen. Überall nur tiefe, schwarze Nacht. Wurde es noch mal irgendwann hell?
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Verbrannt
„Ich lüge dich nicht an! Wie kommst du überhaupt darauf?“ Er hat das Messer, mit dem er eben noch den edlen Fisch für den Heiligen Abend filetiert hat, in die Spüle geworfen und schaut sie aufgebracht an. Sie hätten nicht schon so viel Wein trinken dürfen. Ein Schlückchen zum Kochen, dazu besinnliche Musik und im Kamin ein prasselndes Feuer – der Abend in ihrer einsamen Hütte hätte eigentlich nicht besser beginnen können. Weiterlesen