Zeitlos

Mensch du bist getaktet
Das Ticken deiner Uhr
Zerhackt dir deine Zeit
Jetzt und jetzt und jetzt

Meer du kommst in Wellen
Nach ewigem Naturgesetz
Rhythmisch aber ohne Takt
Lässt du mich zeitlos sein

©Martin Bensen

Ein böser Duft

Erst hatte er sie gar nicht bemerkt. Sie kam schleichend. Und so kann er jetzt, am Ende seines Leidens nicht mehr sagen, wann alles begonnen hatte und vor allem wie. Die Ursache für seine Hypersensibilität würde er nicht mehr erfahren. Es hätte ihn interessiert, nicht weil er noch an eine Therapie oder gar Heilung geglaubt hätte, sondern einfach, um wenigstens wissend abzutreten. Zwar hätte ihm dieses Wissen keine Macht gegeben, aber es hätte jene Macht abgemildert, die die seltsame Krankheit über ihn hatte. Weiterlesen

Rauchmeister

Ein Brandmeister ist, anders als der Name missverstanden werden könnte, nicht ein meisterlicher Feuermacher, sondern ein Meister der Brandabwehr und -bekämpfung. Es ist ein Dienstgrad der Feuerwehr, eine Amtsbezeichnung, die sich durch ein „Ober“ und ein „Haupt“ noch veredeln und besser vergüten lässt. Dahinter stehen nicht selten besondere Verdienste, Mut und Kampfgeist. Menschen, die sich diese Dienstgrade verdienen, sind Menschen von Ehre. Der Brandmeister steht mitten in der Gesellschaft wie ein Fels in der Brandung. Er hat es mit Bränden zu tun, mitunter auch mit angrenzenden Aufgaben des Katastophenschutzes, immer aber mit dem einen Ziel: die Bevölkerung vor Gefahren zu schützen und auch einen möglichen Sachschaden möglichst gering zu halten. All das ist ein Rauchmeister nicht. Weiterlesen

Wie war ich?

Schleimig schmierig aalt er sich
Schmachtend noch, sie schmollend
Ab er schwillt und schwächt sich
Schmeckt er nicht die Schmach?

Überall der eitle Chauvinismus
Wie er aufpoppt, spammt, bedrängt
In Junkmails Kunden ständig fragt
Liebling, sag, wie war ich?

©Martin Bensen

Nur ein Friseur

„Euer Ehren, ich war immer schon und werde immer bleiben, was ich bin: ein Friseur. Nicht mehr und nicht weniger.“
Das Lachen der Klägerinnen ist grausam. So grausam wie die Anklage. Er versteht die Welt nicht mehr. Erst recht nicht, nach allem, was er durchgemacht, was er verloren hat. Was werfen sie ihm vor? Unmöglich habe er sie gemacht, heißt es, in den Ruin habe er sie getrieben. Aber was machen sie mit ihm? Rufmord, nein Mord, ist das! Was hat er denn noch? Friseur zu sein ist sein Leben. Er ist ein guter Friseur. Der beste! Und alle wollten ihn doch. Alle wollten das vollkommene Glück – aus seinen Händen … Weiterlesen

missing btw

nichts an allem ist mehr btw
nichts mehr zwanglos
nichts mehr leicht

#partyverbot
nicht mehr belanglos sein
wie mein freund der mir verrät
dass er mit seiner bürstenhaarwäsche
die fingernägel reinigt

#maskenpflicht
nicht mehr sicher sein
ob die frau im zug gegenüber lächelt
und wenn sie lächelt
wie sie lächelt

#ausgangssperre
nicht mehr spüren
wie sich stille über den weinberg senkt
die erhabene des sternenweiten alls
nicht die der gruft daheim

#reisewarnung
nicht mehr kerosin riechen
ohne die sorge dass dies nur ein traum
nur der rauch des grillanzünders
nebenan sein könnte

nichts ist mehr geil oder cool
nichts mehr krass nur krass
alles ist lame

©Martin Bensen

Alter Mann

Die Stadtbahn ist schon wieder zu voll. Viel zu voll für diese Zeit – für diese Zeiten. Da nützen auch keine Masken. Wie gut, dass ich bereits geimpft bin. Prio 2, Risikogruppe – die Zipperlein eben. Noch bin ich keine sechzig. Ein Jahr bleibt mir noch. Ein weiteres verlorenes Jahr? Ich gebe zu: Dieser runde Geburtstag ist eine Bank, eine Schlachtbank. Mit sechzig ist man alt. In zehn Monaten werde ich ein alter Mann sein. Endgültig. Unabänderlich. Die Grauzone bekommt ein neues Mitglied. Sieh dir das Gruselkabinett doch an: Wie Zombies sitzen sie da, stumm, ausdruckslos, ihre schlaffen Leiber nur in Bewegung durch die ruckelnde Bahn. Die Masken verbergen nur wenig von dem Elend. Die Bahn hält. Niemand steigt aus, eine alte Frau drängt herein. Meine Chance! Weiterlesen

Spanner

Er ist ein Spanner, das sagt er selbst. Kein Grund, sich beschimpfen zu lassen, meint er. Er stehe dazu, denn es tue niemandem weh. Vielleicht seiner Frau, wenn sie von seinen geheimen Gedanken wüsste, seinen seelisch-sinnlichen Abwegen. Aber sie ist auch kein Unschuldsengel, weißgott nicht. Weiterlesen

Schutzmaske

Wir sind bereit. Die Gasmaske – „Wie heißt das, Soldat?!“ „ABC-Schutzmaske!“- schneidet mir in die Haut, die beiden Sichtfenster beschlagen. Das Atmen fällt mir schwer. Ich verfluche dieses Scheißding. Gut, dass wir nicht rennen müssen, nicht durch hohes Gras robben. Diesmal nicht. Diesmal geht es in den ABC-Übungsraum. „Gaskammer“ raunen die Rekruten pietätlos, einer gluckst was von „Café Eichmann“. Ich hasse diesen zynischen Jargon. Hasse mich selbst, nicht den Kriegsdienst verweigert zu haben. Wie unwürdig das alles ist.

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