Da sitzen sie, stecken ihre Köpfe zusammen. Die Espressotassen auf dem Tisch sind längst ausgetrunken. Während der Kaffeesatz eintrocknet, sprudeln Worte aus den Männern. Eigentlich redet nur einer, ein junger, leicht untersetzter Typ, hemdsärmlig, gestikulierend. Er spricht italienisch. So schnell, dass ich nur Bruchstücke verstehe und fast nichts von jener schwärmerischen Melodik dieser schönen Sprache wiedererkenne, für die ich die mediterranen Europäer so beneide – neben vielem anderem. Ist es das ruppige Wetter in Deutschland, die immer noch steife Draußenkultur, überhaupt das ganze stocksteife Deutschtum? Oder warum ist er so in Aufregung, sind die Gesichter seiner beiden Zuhörer so ernst? Was um alles in der Welt ist denn so wichtig, so schlecht, dass alle drei Männer beinahe verschwörerisch dasitzen, vornübergebeugt, einander zugetan? Immerhin das. Weiterlesen
Autor: seitenreiterblog
Manchmal und immer
Manchmal bist du
Meine Biene
So emsig
Honigsüß
Manchmal bist du
Meine Maus
So putzig
Niedlich
Manchmal bist du
Meine Katze
So geschmeidig
Gefährlich
Manchmal bist du
Meine Venus
So anziehend
Abgrundtief
Immer bist du
Meine Liebste
So bezaubernd
Vertraut
Leichter
Auf dem Boden eine Flocke
Etwas vom Müsli denke ich
Als ich mich nach ihr bücke
Weicht sie aus – fliegt davon
Ein winziger Falter flirrt
Mit feinen Flügeln filigran
Hinaus aus meiner Welt
Ob er leichter lebt als ich?
Im Abfluss
Dieses Buch riecht muffig
Seine Seiten sind vergilbt
Sein Autor längst verblichen
Sein Inhalt ohne Nutzen
Wie Haargeflecht im Abfluss
Ein krauses in der Lakenfalte
Spült die Nachwelt Überreste
Und jegliches Erinnern fort
Bella Wismar
Reisesplitter IV (Nachtrag)
In Wismar flanieren wir durch eine ruhige, an diesem Vormittag seltsam reservierte Innenstadt. 1991 waren wir zum ersten und bisher einzigen Mal hier, heute nur auf der Durchreise. Wir wollen sehen, ob wir die Stadt, die wir damals so kurz nach der Wende besuchten, heute noch wiedererkennen. Wie viele andere Städte der ehemaligen DDR hat sich auch Wismar sehr gemausert. Wie andere Hansestädte bekam Wismar aber wohl auch weniger von der sozialistischen Gleichgültigkeit gegenüber schmucker, historischer Bausubstanz zu spüren als solche weiter südlich, besonders in der grauen bis verpesteten Einheitsödnis des Arbeiter- und Bauernstaates. Weiterlesen
Nicht so ewig
Mit jedem Fall von jähem Tod
Stirbt leise auch ein Stück in mir
In meiner selbstvergessenen Welt
Von sorglos-steter Wiederkehr
Doch mein Leben hält nicht still
Ich bin ja noch und brenne fort
Wie Sonne, Mond und Sterne
Nur bei weitem nicht so ewig
Selten der Himmel
So wenig wie der klare Himmel
Sich blau auf Meeren spiegelt
So steht für sich das Farbenmeer
Von wilden Blumen auf dem Feld
Es ist das Licht mit allen Farben
Das ein Fang der Netzhaut wird
So viel das Auge kann erblicken
So selten ist der Himmel bunt
Kühlungsborn
Reisesplitter III
Dieser Ort kühlt meine Reiselust gehörig ab. Ich habe ihn anders in Erinnerung, nicht so voll, weniger touristisch, selbst vor zwei Jahren zur gleichen Zeit, als es noch keine Pandemie gab. Sorglos wälzen sich ortsfremde Menschen links und rechts über die Strandstraße, ein nicht abreißender Strom zur Seebrücke hin und zurück, vorbei an Läden, Restaurants und Buden. Sorglos suchen die Menschen wieder Nähe – sie macht ihnen zumindest nichts mehr aus. Weiterlesen
Kuckuck
Reisesplitter II
An diesem Morgen steht der Wind anders. Die Ostsee ist heute nicht zu hören. Anders als in den vergangenen Tagen, als Unwetter weiter draußen ungewöhnlich hohe Wellen an den Strand rollen ließen und auflandiger Wind das Meeresrauschen über den weitläufigen Rübenacker bis zu uns in den Park trug. Wir wohnen in einem Gutshaus. Es ist ein schöner Platz, weit weg vom touristischen Treiben in Kühlungsborn. Leider ist es zu frisch für ein Frühstück auf der Terrasse mit dem Blick eben über den grünen Acker zu einem kleinen See und der blauen Ostsee dahinter. Weiterlesen
Hals und Bauch
Reisesplitter I
Das also ist der „Wustrower Hals“. Ein schmaler Landstreifen zwischen Salzhaff und Ostsee in der Mecklenburger Bucht, der zur Halbinsel Wustrow führt, berühmt-berüchtigt als Militärstandort in der Nazi-Zeit und danach unter russischem Kommando bis Anfang der 1990er Jahre. Wir freuen uns auf die Führung durch die Ruinen der abgesperrten Halbinsel, auf der die Zeit seither stehengeblieben ist und wuchernde Natur das Regiment übernommen hat. Aber zurück zum Hals. Weiterlesen
Naiv
Da ist er wieder: der Neid, der sich seit der Schule durch mein Leben zieht, nur selten unterbrochen durch Phasen von Erfolg und Euphorie. Ganz bei sich sein, selbstzufrieden, glücklich vom prickelnden Kopf bis in die heißen Zehenspitzen. In solchen Momenten fühle ich mich überlegen, satt und sicher. Doch schon bald kippt das Hochgefühl, beginnt das Nagen. Erste Abnutzungserscheinungen, sich ausdehnendes Hinterfragen, eine zitternde Nervosität und schließlich die Flucht in Alltagsroutinen. Dort aber lauert Gefahr: glückliche Menschen. Und mein Neid auf sie. Weiterlesen
Stillleben
Still steht es da. Viel zu lange schon. Sie hat das Glas nicht ausgetrunken. Als käme sie gleich zurück. Doch sie kommt nicht zurück. Vorhin hat es in dem Glas noch geperlt. Kein stilles Wasser. Kein Stillleben. Die Gasperlen waren winzig, wären auf einem Ölgemälde schwer darstellbar gewesen. Vielleicht hätte ein begnadeter Maler das „Leben“, das Sich-Regende herbeigezaubert, ein Fotograf dafür das Licht geschickt ausgenutzt. Nichts davon käme mir in den Sinn. Das Glas ist schon halb Erinnerung. Ich werde es auskippen, spülen und in den Schrank stellen. Alle Spuren verwischen. Weiterlesen