Kuckuck

Reisesplitter II

An diesem Morgen steht der Wind anders. Die Ostsee ist heute nicht zu hören. Anders als in den vergangenen Tagen, als Unwetter weiter draußen ungewöhnlich hohe Wellen an den Strand rollen ließen und auflandiger Wind das Meeresrauschen über den weitläufigen Rübenacker bis zu uns in den Park trug. Wir wohnen in einem Gutshaus. Es ist ein schöner Platz, weit weg vom touristischen Treiben in Kühlungsborn. Leider ist es zu frisch für ein Frühstück auf der Terrasse mit dem Blick eben über den grünen Acker zu einem kleinen See und der blauen Ostsee dahinter.
Ich lege mich wieder ins Bett, lausche dem Kuckuck, dem fast vergessenen Ruf aus der Vergangenheit. Ewig habe ich keinen Kuckuck mehr gehört. Die Erinnerung daran reicht lange zurück, bis in die Kindheit. Damals lag ich auch im Bett, erwachte schon mit den ersten Geräuschen des anbrechenden Sommertages. Bei schönem Wetter ist alles strahlender und lauter: das Knirschen von Rädern auf dem Schotterbelag unserer Straße, das ferne Schlagen der Kirchturmuhr, das Zwitschern der Amseln, Finken, Drosseln – und der markante Ruf des Kuckucks, meines Kindheitssommerboten.
In meinem Kopf ist wieder Palmsonntag. Ich rieche den Duft von Buchsbaumzweigen, Weihrauch sticht mir in der Nase, ich sehe weiße Strümpfe unter wundgeschlagenen Knien, die „gute“ blaue, aber kurze Hose mit Bügelfalten, ein weißes Hemd. Am Palmstock baumeln Süßigkeiten. Wir dürfen sie nicht schon nach der heiligen Messe, sondern erst nach dem Mittagessen „ernten“. Es wird Braten geben, davor Suppe mit Eierstich, zum Nachtisch Mokka-Pudding mit Sahne. „Mokka-Flana“ von Oetker gibt es heute nicht mehr – verschwunden wie der Kuckuck. Einen gesegneten Palmzweig musste ich übriglassen, er kam an das Kruzifix über meinem Bett. Auch ein verschwundener Brauch. Wo gibt es heute noch Kruzifixe in Kinderzimmern? Wo überhaupt noch außerhalb von Kirchen, Weggabelungen und Hütten in frommen Gegenden? Über dem Bett im norddeutschen Gutshaus hängt ein goldgerahmter Spiegel.
Mein Blick fällt auf die große Wiese des Parks. Gestern ist ein Mann mit einem Zopf auf einem Aufsitzmäher darüber gekurvt, als säße er auf einem Motorrad oder als träumte er zumindest davon. Heute üben Schwalben den Tiefflug, berühren selbst die kurzen Halme fast, jagen einander, akrobatisch und gaukelnd wie Fledermäuse am Abend. Der Tag gehört den Schwalben. Und wohl auch das Wetter. Tieffliegende Schwalben und graue Wolken – alles scheint zu passen. Nur der Kuckuck irgendwie nicht mehr.

©Martin Bensen