Weihnachten im Herzen

„Es gibt keine Wiener in Wien!“ Die Tochter ist ungehalten. Wütend schiebt sie den Teller in die Tischmitte und steht auf, um nur wenige Sekunden später unter lautem Zuschlagen der Tür im Schmollwinkel ihres Zimmers zu verschwinden. Der Besitzer des Herzens und seine Frau schauen sich verwundert an. Wie immer an Heiligabend hat ihnen der Küchenchef des Hotels Saitenwürste und Kartoffelsalat bereitgestellt. Wie immer haben sie im schon weihnachtlich geschmückten Wohnzimmer gegessen. Auch wenn es keine Bescherung mehr gibt: In diesem Jahr sollte alles noch schöner werden, die Familie wollte an Weihnachten ganz bei und für sich sein und das Fest von vorne bis hinten auskosten. Seit Ende September haben sie ihre Tochter nicht mehr gesehen, sie studiert in Wien, weit weg vom Herzen, dem Hotel, in dem sie aufwuchs und zuhause war. Erst heute Morgen hat der Vater sie vom Flughafen abgeholt, glücklich, sie endlich wiederzusehen.

Der Besitzer denkt nach. Was hat zur wütenden Reaktion seiner Tochter geführt? Sie haben noch gescherzt, über den Wiener Dialekt zum Beispiel. Schon da hat sie unter seinem und dem Lachen seiner Frau ein mürrisches Gesicht aufgesetzt. „Untersteht euch, jetzt Wienerisch sprechen zu wollen. Das könnt ihr nicht und ich mag es auch nicht!“ Die Frau des Besitzers hat die Hände gehoben und der Besitzer hat die Situation routiniert überspielt. Er kann das, hat tagtäglich mit so vielen unterschiedlichen Gästen zu tun, immer wieder ist diplomatisches Geschick gefragt. Dann hat seine Frau das Essen gebracht und allen ein Paar Saitenwürste auf die Teller gelegt. Dabei fiel der fatale Satz: „Wie immer an Heiligabend, aber diesmal extra für dich – tadaaa – Wiener Würstchen!“ Die Mutter hat noch gelacht, hat es schließlich nur lieb gemeint. Nun sitzen die Eltern verdattert und traurig am Tisch, rühren ihre Teller ebenfalls nicht mehr an.

Eine halbe Stunde später streift der Besitzer des Herzens durch sein Hotel und sieht wie jeden Abend noch einmal nach dem Rechten. Es ist noch nicht lange her, da hat er in der Lobby einem wahrhaftigen Geist gegenüber gesessen. Womöglich aber auch nicht, denn am anderen Morgen war er sich nicht mehr sicher, ob nicht alles ein Traum gewesen war. Jedenfalls lebt er seit der Begegnung, ob nun geträumt oder real, viel bewusster. Wie schnell ist das Leben vorbei, hat er gedacht, wie sehr ändert sich schon alles, während man lebt. Seine Tochter wird nie wieder das Kind sein, das es mal war, schutzbedürftig, anhänglich, gewiss: auch launisch und unausstehlich. Es gab viele kleine Abschiede, aber der nach Wien ist ihm besonders schwer gefallen. Schließlich hat er sich mit der Situation arrangiert. Seine Frau noch früher und besser als er. Es ist der Gang des Lebens, hat er sich immer wieder seufzend zur Ordnung gerufen, Kinder werden nunmal erwachsen, führen irgendwann ihr eigenes Leben. Wobei: Der Auftritt vorhin lässt ihn an der Reife seiner Tochter zweifeln, so vertraut ihm das Verhalten auch immer noch ist.

Aus der Küche dringt Lärm. Es scheint, als ob Töpfe geschlagen werden. Der Besitzer beeilt sich nachzusehen. Eine Frau mittleren Alters steht im fahlen Schein der Nachtbeleuchtung, an der Stirnseite der Kochinsel, hält die Hände vor ihr Gesicht, ihr schwarzes Haar fällt in langen Strähnen nach vorn. Sie trägt einen schwarzen Mantel. Ihr Körper zuckt, sie scheint zu weinen. Dem Hotelier kommt die Frau bekannt vor. Gehört sie nicht zu seinen langjährigen Gästen? Ist sie nicht längst ausgezogen? Was macht sie hier? Er geht auf die Frau zu, umfasst ihre Schultern. Sie lässt ihre Hände sinken. Nein, sie weint nicht, sie lacht. Der Besitzer lässt sie erschrocken los. Das kann nicht sein! Das Gesicht kennt er nur zu gut, es gehört seiner langjährigen Freundin. Ihretwegen ist er damals hierher gekommen, vor mehr als einem Vierteljahrhundert. Sie hat ihm den Weg geebnet, ihn angespornt, die Ausbildung zum Spitzenkoch zu machen, ihm auch noch aus der Ferne, als ihre Beziehung schon längst zuende war, gut zugeredet, doch bitteschön und unbedingt das Herz zu übernehmen. Ohne sie wäre er nicht hier, wäre er nicht das, was er heute ist. Doch nie hat sie ihn hier besucht und auch jetzt, denkt er, kann sie nicht hier sein. Kann überhaupt nicht sein. Denn sie ist tot.

Vor Jahren schon ist sie gestorben, auf tragische Weise, viel zu jung. Aber wen, um Gottes Willen, hat er hier vor sich? Ihr Lachen ebbt ab, sie schaut ihn interessiert an, mit ihren wunderschönen, braun-grün funkelnden Augen. Wie hat er sie immer bewundert. Jetzt betrachtet sie ihn, durchdringend. Ihre Lippen öffnen sich. Dann spricht sie und es ist, als ob die vielen Jahre seit ihrer Trennung nicht geschehen sind. „Liebling, so wenig wie ich dich, hast du mich je vergessen. Deshalb bin ich heute hier. In deinem Herzen. Alt bist du geworden. Und zugelegt hast du auch. Dir fehlt der Sex, kann das sein?“
Unwillkürlich streicht sich der Besitzer über seinen recht stattlichen Bauch. Er ist selber nicht glücklich damit, aber ihm fehlt einfach die Zeit, etwas gegen den Lauf der Natur zu tun. Immer ist was, immer muss er parat stehen – nicht selten in seiner von allen Gästen hochgelobten Küche. Und wenn mal Zeit wäre, ist er häufig zu müde oder auch einfach zu faul.
„Ja, ja, das Fleisch ist schwach“, errät die Frau seine Gedanken, „aber wir hatten guten Sex, nicht wahr, mein Liebling?“ Ihre Stimme hat sich verändert. So hat sie ihn immer scharf gemacht, ihn verführt und, während sie sich liebten, angespornt. Sein Unterleib krampft sich zusammen, nicht unangenehm, ganz und gar nicht unangenehm. Verwundert schaut er seine ehemalige Freundin an. Dass sie tot ist, kann er jetzt nicht mehr glauben. Vielleicht hat ihm die Erinnerung einen Streich gespielt. Oder spielt ihm diese Frau – diese Erscheinung – jetzt einen Streich? Der Besitzer ist verwirrt. Die Frau lacht. „Diesen Blick kenne ich doch!“, ruft sie entzückt. „So hast du geguckt, als wir uns das erste Mal begegneten. Als du mir buchstäblich über den Weg gelaufen bist.“ Sie blickt ihn lüstern an. „Hab ich dich verzaubert? Oh ja, das habe ich. Schier aufgefressen haben wir uns, noch am Abend unserer ersten Begegnung, stundenlang haben wir uns geküsst, weißt du noch? Mach ich dich an, mein Liebling?“

Sie geht einen Schritt auf ihn zu, ist jetzt nah bei ihm, ihr Mund dicht an seinem Ohr, sanft beißt sie hinein und geht gleich wieder auf Abstand. Nachdenklich blickt sie ihn an.
„Weißt du, ich habe erst hinterher gemerkt, was das Leben eigentlich ist. Zu spät. Was habe ich mich angestrengt, mich gefordert, wie tief war die Befriedigung nach bestandener Prüfung, später nach jedem Erfolg im Beruf. Ich habe ihn geliebt. Aber mehr noch als all das habe ich dich geliebt, dich mit allen Sinnen genossen.“
Der Besitzer kann kaum glauben, was er hört. Er fühlt sich geschmeichelt, doch dann verfinstert sich sein Blick: „Damals in Berlin wirkte das ganz anders. Jahre nach unserer einvernehmlichen Trennung haben wir uns wiedergesehen. Es war das einzige und auch das letzte Mal. Ich hatte bereits meine Tochter, war glücklich verheiratet. Du auch, sagtest du, dein Mann sei nur gerade auf Dienstreise. Kinder hattet ihr nicht, wolltest ja nie welche. Dafür hattest du einen Zweitfreund. Er kam sogar dazu, als wir noch bei einem Wein in deiner Wohnung saßen.“ Der Besitzer des Herzens ist immer noch empört, wenn er daran denkt. „Nur zum Ficken, hast du gesagt und ihm zur Begrüßung einen Klaps auf den Hintern gegeben. Er, ein junger, verdammt gutaussehender Spanier, hat nur überlegen gelächelt und sich breitbeinig vor uns hingesetzt. Ich war perplex, konnte nicht fassen, was geschah, und bin dann ziemlich schnell gegangen. An diesem Abend habe ich mich endgültig von dir gelöst. Das warst nicht mehr du. Nicht mehr die Frau, die ich liebte.“
„Ach was? Nicht mehr die Frau, die du liebtest? Oh doch! Und das weißt du auch. Eifersüchtig warst du. Glücklich? Ja, so wirktest du. Aber nicht halb so viel wie mit mir. Hast mir ständig lüstern auf den Mund geschaut, hättest mich am liebsten wieder so geküsst wie damals, mehr noch: mich gleich auf dem Esstisch geliebt. Hab ich recht?“ Der Besitzer fühlt sich ertappt, woher weiß sie das? Die Frau zieht ein Messer aus dem Holzblock und betrachtet es. Langsam fährt sie mit ihrem Zeigefinger über die Schneide. Sie ist scharf, das weiß er, der ausgebildete Koch, nur zu gut. Im nächsten Moment sieht er, wie Blut am Messer entlang läuft. Die Frau achtet nicht darauf, sie sieht den Besitzer erneut durchdringend an, richtet plötzlich die Spitze des Messers auf ihn. Der Hotelier erschrickt. Erneut zuckt es in seinem Unterleib, seine Hose beginnt im Schritt zu spannen. Todesangst steigt in ihm auf und doch versteift sich sein Glied vor Erregung. Jetzt ist sie wieder das Raubtier. Bereit ihn zu nehmen, sich von ihm nehmen zu lassen. Diese Sinnlichkeit – wie hat er sie all die Jahre vermisst…

Sie hat recht, denkt der Besitzer. Sie war nie anders. Er hat sie nur idealisiert. In all den Jahren war sie zuletzt nur noch die, derentwegen er das geworden ist, was er ist. Seine Muse, seine Mäzenin, sein Coach. Das war sie zwar auch – und doch noch viel mehr. Vor allem war sie eines: seine unfassbar scharfe Geliebte. Sie, die so scharfzüngig diskutieren, so geistreich referieren konnte, war zugleich zutiefst durchtrieben, die Sinnlichkeit in Person. Und er? Was war er für sie? Auch nur ein Hengst wie der junge Spanier? Nein, sie verbrachte ihre ganze Freizeit mit ihm, fragte ihn oft um Rat. Und selbst in ihrem Job wollte sie ihn so oft wie möglich dabei haben. Unzählige ihrer Vorträge hat er begleitet, in der ersten Reihe gesessen. Wie oft hat sie ihn, unbemerkt von all den anderen, die an ihren sinnlichen, klug sprechenden Lippen hingen, mit ihrem Raubtierblick gestellt, ihn gelähmt und seinen Schwanz zum Lodern gebracht. Nur beim ersten Mal hat er seine gefalteten Hände mehr als dürftig über den ausgebeulten Schoß gehalten, später diente ihm sein Mantel oder sein Aktenkoffer als mehr oder weniger eleganter Sichtschutz, bis sie schließlich auf die Idee mit dem Blumenstrauß kamen. Fortan hielt er diesen für die Dauer ihrer Rede lässig über seinem Schoß, um ihn ihr schließlich während des langanhaltenden Beifalls zu überreichen. Nicht selten spendierte der Gastgeber zwar noch einen eigenen Strauß, aber das störte nicht. Nach solchen Vorträgen waren die Abende lang, wollten die anschließenden Gespräche im Restaurant nicht enden. Sie, die umgarnte Hauptperson, und er, ihr distinguierter Begleiter, beide spielten sie geduldig ihre Rollen: sie geistreich und eloquent, er sympathisch und zurückhaltend. Unter dem Tisch aber rangen sie währenddessen miteinander, stimulierten einander lüstern mit Knien und Füßen, manchmal auch mit einer frechen Hand. Später im Hotelzimmer fielen sie sofort übereinander her. So gesetzmäßig solche Tage verliefen, so wenig war auch nur eine dieser Nächte eine Wiederholung der anderen – jede einzelne war unvergleichlich, unvergesslich, bis heute.

Während der Besitzer des Herzens sehnsüchtig an diese Zeit zurückdenkt, zieht die Frau plötzlich das Messer hoch, dreht es um und stößt es sich mit voller Wucht in die Brust. Er schreit auf, will ihre Hand fassen. Dann wird es hell. Seine Frau steht in der Tür. „Was, um Himmels Willen, machst du hier?“
Der Besitzer steht mit dem Messer in der Hand an der Kochstelle und weiß nicht, was er sagen soll.
„Und was machen all die Töpfe auf dem Boden?“, fragt seine Frau, während sie herbeikommt und zwei von ihnen aufhebt.
„Ich weiß es nicht.“, flüstert der Besitzer, unfähig, das eben Erlebte zu fassen. Vorsichtig nimmt ihm seine Frau das Messer aus der Hand und schiebt es zurück in den Block. Dann räumt sie die Töpfe an ihren Platz. „Komm!“, sagt sie, greift seine Hand und zieht ihren Mann aus der Küche, nicht ohne einen wachsamen Blick zurückzuwerfen und das Licht ganz zu löschen. „Lass uns zu Bett gehen, die letzten Tage waren wohl einfach zu viel für dich. Jetzt steht Weihnachten vor der Tür, das Fest der Familie.“

(Eine weitere „Herzgeschichte“ – Fortsetzung von „Voll das Herz„, „Friedvolles Herz“, „Herzdame“ und „Eine Seele im Herzen„.)

©Martin Bensen