Im Café

Dort sitzen sie sich gegenüber
Die eine redet viel mit Gesten
Auf die mit großen Augen ein
Es scheint Gewichtiges zu sein

Ein Monolog ist es wohl mehr
In dem die vielen Worte nicht
Um Verständnis buhlen müssen
Es scheint was Fesselndes zu sein

Niemand kann die Beiden stören
Selbst jener Ohrenzeuge nicht
Der herzhaft drüber lachen muss
Dass es um einen Stellplatz geht

©Martin Bensen

Andockmanöver

Gut, dass er drüben nicht wohnen muss. Dieser Verhau von einem Balkon! Als wäre er eine Müllhalde. Nur leider muss er täglich draufgucken, kommt kaum daran vorbei, weil die Häuser so dicht stehen, gerade mal eine schmale Schneise lassen für einen seitlichen Blick auf etwas Grün, den alten Baum, der schon im August braun wird. Er gehört zum nahen Park, den er das letzte Mal vor einem Jahr besucht hatte – damals schon kurzatmig und in Begleitung eines Betreuers. Weiterlesen

Kein Herbst

Lässt du mich also schon
An Fäulnis schnuppern
Den Duft des Abgesangs

In Haufen welken Laubs

Doch deine Kälte fehlt
Der Nebel auf dem Feld
Das fahle Sonnenlicht

Sein Spiel ins Abendrot

Noch weht der Südwind her
Der selbst in langen Schatten
Das letzte Grün dem nimmt

Der erst noch kommen soll

©Martin Bensen

Wenn das Urteil fällt

Er oder sie fällt ein Urteil
Das Urteil selbst fällt nicht
Fällt niemals nur aus sich
Fällt womöglich milde aus
Doch auch das nicht von allein

Und mag es eines zum Tode sein
Ist es mindestens ein Mensch
Der entscheidet und verkündet
Und immer auch ein Henker
Der es dann vollstrecken muss

Willentlich ist der Prozess
Und selbst auf dem Schafott
Fällt wohl nichts von ganz allein
Das Fallbeil etwa ebensowenig
Wie die Falltür unterm Galgen

©Martin Bensen

Am Ziel

Ein letztes Aufbäumen tief in seinem Inneren, ein letzter Funke von Widerwillen, dann ist alles gut. Jetzt wird Frieden sein. Eine gnädige Schläfrigkeit übermannt ihn, lässt ihn endgültig vergessen, dass er unter Drogen steht. Sie stellen seinen Körper ruhig, seit Tagen schon. Oder sind es Wochen? Er hat kein Empfinden mehr für Zeit oder für den Ort, an dem er ist, noch erinnert er sich daran, wie er hierher gekommen ist. Wenn er überhaupt noch einmal erwachte, würde er vielleicht nicht mehr wissen, wer er ist. Weiterlesen

Regen

So sehnsuchtsvoll erhofft
So bald auch schon verflucht
Erst stillt er unseren Durst
Dann weicht er alles auf
Trommelt weiter ohne Rast
Auf Dächer Haut und Nerven
Macht die meisten flügellahm
Doch manchen auch zum Täter

©Martin Bensen

Sommergewitter

So viel neu. So viele erste Erfahrungen. 1980, endlich erwachsen. Dem rechtlichen Status des Minderjährigen entwachsen. Führerschein, erster Unfall, nichts Schlimmes, aber ein Dämpfer für die neue Freiheit. Unsere Band ist zur Hälfte volljährig und tritt jetzt selbstbewusster auf. Meine Haare sind so lang wie sie nie waren und nie wieder sein werden. Ich fühle mich wie frisch gehäutet, im übertragenen Sinn, denn ich habe immer noch Pubertätspickel. Ich fühle mich stark, voller Energie, dabei bin ich dünn, fast dürr, einer Schlägerei nicht gewachsen, die jeden Tag hinter den Hecken meiner Provinz lauert. Zum Glück trage ich keine Brille, bin auch kein Musterschüler, denn auf die haben es die prekären Burschen besonders abgesehen, die eher früher als später im Knast landen. Einer von ihnen tanzt mit seiner Perle zu unserer Musik. Wir spielen, sie tanzen! Wochen später lädt der spätere Zuhälter mich zum Bier ein, ich scheine ihn beeindruckt zu haben, sieh mal an. Ich bin 18, aber alles andere als selbstbewusst. Deshalb kann ich es zunächst kaum glauben, dass ein Mädchen auf mich stehen soll. Weiterlesen