Sie liebte den Herbst hier am Meer, etwas abseits vom Treiben rund um den Port Vell. An diesen Teil des Strandes verirrten sich weniger Touristen, die angesagten Bars und die anderen Attraktionen des maritimen Teils Barcelonas lagen noch ein Stück weiter weg. Sicher, auf der Mole standen sie mit ihren Handys, fotografierten die Wolken, die sich jetzt am Abend von Gelb über Orange tiefrot färbten, um dann fast auf einen Schlag ins Silbergraue zu wechseln wie vorher schon das Meer, aber das sahen die meisten der Smartphone-Menschen schon nicht mehr. Auf ihrem Weg ins Hotel, Restaurant oder in eine der unzähligen Tapas-Bars nahmen sie vielleicht noch den Schattenriss der Frau wahr, die allein am Strand ganz nah an der Wasserlinie auf einer karierten Wolldecke saß. Sie hatte sie im Korb ihres Fahrrads mitgebracht, das neben ihr im Sand lag. Ohne jede Regung kauerte die ganz in Schwarz gekleidete Frau da, unverwandt aufs Meer hinausblickend, die angewinkelten Knie mit beiden Armen umfangend, als wollte sie sich schützen, sich kleinmachen, ganz bei sich sein.
Für Alba kam jetzt die schönste Stunde, die flüchtige Phase, in der die Wolken dunkler wurden, der Himmel dazwischen dunkelblau. Das war »ihre« Stunde gewesen, an jenem Abend im Mai, an dem sie sich hier zum ersten Mal geküsst haben. Sie hatten noch die Glut des sonnigen Tages auf der Haut und das Salz des Meeres auf den Lippen. Den ganzen Nachmittag waren sie an diesem Stück Strand geblieben, unbehelligt von den zahlreichen Spaziergängern, Joggern und Radfahrern, die ein ganzes Stück weiter oben zwischen Hafen und Bar-Meile pendelten. Selbst jetzt im November ließ das Treiben auf der Strandpromenade kaum nach. Kein Wunder, zogen die Urlaubsflieger doch nach wie vor wie an einer unsichtbaren Schnur am Horizont vorbei, um einige Kilometer weiter südlich immer neue Gäste der katalanischen Hauptstadt auszuspucken. Obwohl auch sie vom Tourismus lebte, mochte Alba diese Seite Barcelonas am wenigsten, jetzt erst recht, alles war so unwichtig geworden seit dem Tag, an dem er ohne ein Wort spurlos verschwand.
»AJ & JA« – die Anfangsbuchstaben von Alba Jimenez und Jordi Alvarez, wieder schrieb sie die Buchstaben in den Sand, so wie an den vielen Abenden zuvor und wie an dem unbeschwertesten aller Tage, dem Tag, an dem sie sich unsterblich in Jordi verliebte.
An diesem Tag malten sie kein kitschiges Herz drumherum, nur ihre Initialen schrieb er in den Sand, sie waren in ihrer Spiegelbildlichkeit beinahe magisch, zwei Seiten einer Medaille, zwei Menschen untrennbar miteinander verbunden. Sie ließen es zu, sahen es mit Wollust, wie das Meer näher kam, erst an ihren Initialen züngelte, um sie dann mit einer der länger ausholenden Wellen ganz in sich aufzunehmen. Und als wollten auch sie sich gegenseitig verschlingen, küssten sie sich auf eine so innige Weise, dass die Welt um sie herum versank. Später, nach der blauen Stunde liebten sie sich im Schutz der Dunkelheit, hinter den großen Steinen der verwaisten Mole.
Ein Frösteln erfasste Alba. Jetzt war alles anders, jetzt schrieb sie allein ihre magischen Buchstaben in den Sand. Und das Meer holte sich ihre Namen nur noch unter ihren Augen, nahm sie jedes Mal, weil sie es zuließ, so wie sie beide zuvor, verschlang sie wie alles, was ihm zu nahe kommt. Wie Jordi.
Er war wohl aus freien Stücken gegangen, das hatte sie nach Tagen ruheloser Suche und hartnäckiger Fragerei schließlich herausbekommen. Zuvor hatte sie in jeder freien Minute im Internet recherchiert, hatte immer wieder seine Handynummer angerufen, vergeblich. Alle ihre Versuche, ihn zu erreichen, einen Hinweis auf seinen Verbleib zu bekommen, waren erfolglos geblieben, sie musste etwas unternehmen. Unglücklicherweise hatte sie nur ein unscharfes Foto von ihm, Teil eines albernen Porträts von ihnen beiden, das sie aus einer Laune heraus an einem Passbild-Automaten gemacht hatten. Sie zeigte es im Hafen herum, in den Büros und unter einigen bekannten, zumeist aber unbekannten Hafenmitarbeitern. Ein alter Fischer, das Hafen-Faktotum, wie ihn die Leute etwas abschätzig nannten, hatte ihn schließlich erkannt, ein am Pier tätiger Hafenbediensteter wollte ihn ebenfalls gesehen haben, wie er auf einem Kreuzfahrtschiff anheuerte. Der Luxuskreuzer fuhr unter maltesischer Flagge, sein Betreiber saß allerdings in Deutschland, genauer gesagt in Hamburg. Doch als nach zeitraubender und auch kostspieliger Recherche weder Reederei noch Reiseveranstalter von einem Jordi Alvarez wussten und die Personenbeschreibung auf keinen der Schiffsbeschäftigten voll und ganz zutraf, gab es nur noch eine Möglichkeit.
Alba fuhr nach Calella, ein Stück weiter nördlich an der Küste. Der Ort ist bekannt durch seinen historischen Stadtteil Palafrugell mit dem Port Bo und seinen weißen Häusern. Von hier, hatte Jordi gesagt, stamme er. Sie hatte sich große Hoffnungen gemacht, doch alles Fragen und Recherchieren verlief im Sande, offenbar hat es hier nie einen Jordi Alvarez gegeben.
Und so reiste Alba nach drei Tagen zwischen Hoffen und Frustration wieder ab, äußerlich gefasst, doch nach innen leer, ratlos und untröstlich. Sie musste erkennen, was offensichtlich war: Er hatte sie die ganze Zeit getäuscht und belogen. Trotz ihrer Wut und Verzweiflung und auch wenn sie einfach nicht verstand, warum er über Nacht verschwunden war, wuchs mit jedem Tag ohne Jordi eine unbändige, schmerzvolle Sehnsucht nach ihm, wurde die Liebe für den Mann ihres Lebens, für den sie ihn doch immer noch hielt, nicht etwa schwächer, sondern grub sich umso tiefer in ihr Herz. Natürlich meldete sich ihr Verstand; ihr war bewusst, dass alles gegen Jordi sprach. Nicht zuletzt ihr Vater redete ihr ins Gewissen, sah mit Bekümmerung, wie seine Tochter litt und wusste doch keinen Weg, sie zu trösten.
Der Mann, der plötzlich in seiner Bar stand, hatte auch ihn, den an Lebenserfahrung reicheren Pedro Jimenez, getäuscht, hatte sein Vertrauen, das im Angesicht seiner glücklichen Alba schließlich über sein Misstrauen siegte, schmählich missbraucht. Pedro war mehr als wütend auf diesen »Lump« und doch durfte er den bohrenden Zorn keinesfalls seiner trauernden Tochter zeigen, die sich wieder in Schwarz kleidete, was ihn zusätzlich verstörte. Den Tod seiner Frau, Albas Mutter, haben sie bis heute nicht verwunden. Die Wunden, die ihr tödlicher Unfall damals gerissen hatte, würden wohl nie heilen. Nun kommt die Trauer auf so schändliche Weise wieder zurück.
Ohne Zweifel machte ihn jetzt auch das Leiden Albas krank und mehr als einmal flehte Pedro das Bild seiner verstorbenen Frau um ein Zeichen an, einen Rat, den sie ihm zu Lebzeiten aus klugem Verstand und gutem Herzen gegeben hätte. Alba, die nach dem Tod ihrer Mutter ihrem Vater zwar nicht die Frau, aber doch die helfende Hand in Küche und Bar ersetzen konnte, musste sich selber helfen, sich wieder in ihrem seelischen Alleinsein einrichten.
Der Alltag half ein wenig, es gab mehr als genug zu tun. Aber wenn sich die Stille der Nacht über das alte Fischerhaus mit der Bar senkte und sie oben in der Wohnung in ihrem Bett lag, weinte sie, dann wünschte sie sich ihren Jordi trotz allem so sehnlich zurück. Sie würde ihm verzeihen, das versprach sie ihm mit Nachdruck in solchen trost- und schlaflosen Stunden, das blasse Foto von ihm und ihr in ihren gefalteten Händen.
Kann denn die Liebe nicht alles schaffen? Noch immer schöpfte sie Hoffnung aus den tief empfundenen Momenten des Glücks, Momenten, von denen es so viele gegeben hatte – bis zum 4. Juli, dem Tag, an dem Jordi Alvarez, oder wie immer dieser Traummann hieß, über Nacht spurlos verschwand.
Alba konnte ihren Blick nicht vom Meer lösen, dessen silbergrauer Glanz sich langsam verlor, um bald der Schwärze der Nacht zu weichen. Wie immer in den letzten Wochen leuchteten dann die Erinnerungen auf, wärmten sie gegen den kühlen Wind, der nach Sonnenuntergang von der hohen See her Richtung Land wehte. Der Beginn ihrer Beziehung war eigentlich ein Fehlstart.
An einem Tag Anfang Mai, es dämmerte schon, hatte er plötzlich in der Bar gestanden, weißes Hemd, schwarze Hose, mit einem strahlenden Lächeln, umrahmt von langen braunen Locken. Alba war gerade dabei gewesen, einen Tisch abzuräumen, als sie mit Gläsern in der Hand abrupt stoppte. Für einen Moment wurde es still in der Bar, am Stammtisch mit den fünf alten Männern verstummte die bis dahin lauthals geführte Debatte und hinter der Bar stellte sogar Pedro die Wermutflasche leiser ab als sonst. Alle Blicke waren auf den Fremden gerichtet, in dessen Lächeln sich nun etwas Unsicherheit mischte. Alba stand immer noch wie angewurzelt da, als sich der Wortführer am Stammtisch regte und mit heiserer Stimme rief:
»He, Pedro, hast du dir einen Kellner bestellt?«
Die anderen, dankbar für den Scherz, fielen in sein Gelächter ein, Pedro verzog das Gesicht zu einem müden Grinsen und Alba löste sich endlich aus ihrer Erstarrung. Sie bot dem Mann einen Tisch an. Der Fremde zögerte, wünschte lieber, auf einem Hocker am Tresen zu sitzen, wobei sein Blick über die wenigen, aber von Alba mit Liebe gemachten Tapas glitt. Offenbar hatte es ihm die Sprache verschlagen, er zeigte auf die Pescaditos fritos, die kleinen frittierten Sardinen, räusperte sich mehrmals, bekam endlich heraus, dass er dazu gerne einen Wermut trinken würde. Alba fand seine Stimme auf Anhieb sympathisch, wenn sie ehrlich war, den ganzen Mann.
»Kommt sofort!», brummte Pedro wenig freundlich.
Er hatte natürlich bemerkt, dass der Fremde seine Wirkung auf Alba nicht verfehlte. Sie wiederum fragte freundlich, ob sie lieber ein paar Fische frisch frittieren solle, doch der Fremde schüttelte den Kopf und sah sie dabei herzerwärmend an.
Am Stammtisch war das übliche Murmeln zu hören, doch den alten Männern, allesamt ausgediente Fischer mit tiefen Falten, schiefen Zähnen und einer schlechten Kinderstube, entging nichts. So oft verirrte sich um diese Zeit noch kein Fremder in ihre Bar, die für die Stammgäste über den Winter ihr zweites, eigentlich sogar erstes und einziges Wohnzimmer war. Sehr zum Ärger Pedros, der nach Wochen des Anschreibens immer mit Nachdruck und unter großem Wehklagen seiner „Compañeros“ das ausstehende Geld eintreiben musste. Er mochte sie ja und wusste, dass sie nicht viel hatten, aber wovon sollten Alba und er sonst leben, geschweige denn die Bar betreiben?
Alba war schon bescheiden genug, ging nie aus, schmiss ohne Murren Küche und Gastraum, also eigentlich den ganzen Laden. Damit nicht genug: Sie verdiente nebenher noch eine respektable Summe hinzu, indem sie vormittags als Zimmermädchen in den großen Touristen-Hotels am Hafen arbeitete. Ohne dieses Geld würden sie nicht über die Runden kommen, das wussten beide, zumal jetzt, denn selbst in der Hauptsaison verirrten sich nicht die allermeisten Touristen ins Innere des alten Fischerviertels, an diesen Abschnitt des Carrer del Baluard, der zu weit vom Meer entfernt war, um mehr als ein paar Zufallsbrosamen vom Massentourismus abzubekommen. Wenn überhaupt, flanierten die Gäste durch das Viertel, um am Ende lieber in den Strandbuden oder den zahlreichen Restaurants im Port Vell zu essen und zu trinken. Dabei war die Bar günstiger und authentischer.
Ein Besuch von einem Fremden, noch dazu von so einem attraktiven, erfreute Alba. Mit stillem Vergnügen wischte sie schon zum dritten Mal das andere Ende der Theke und wünschte sich insgeheim, dass der Mann noch eine Weile bliebe.
»Alba! Der Gast hier hat dich was gefragt.« Ihr Vater schaute mürrisch.
Der Fremde schenkte ihr dagegen ein reizendes Lächeln, schob sich aber fast zeitgleich einen frittierten Fisch in den Mund.
»Sind Sie die Tochter des Hauses?«, wiederholte er seine Frage kauend.
»Will wer wissen?«, fragte Alba nun patzig zurück.
Sie hatte ihren Stolz und konnte trotz seines attraktiven Aussehens nicht darüber hinwegsehen, wie unhöflich er sich verhielt.
»Oh, entschuldigen Sie, Senyoreta.«
Eilfertig sprang er von seinem Hocker auf, schluckte hastig den Bissen runter, wischte sich seine Hand an der Serviette ab und streckte sie ihr entgegen.
»Wie unhöflich von mir. Ich heiße Jordi. Ich bin heute mit meinem Kreuzfahrtschiff angekommen, habe dort …« – er blickte kurz Richtung Stammtisch, an dem die Männer das Geschehen neugierig verfolgten – »… tatsächlich als Kellner gearbeitet. Bin jetzt aber auf der Suche nach einem Job in Barcelona, denn ich möchte hier gerne den Sommer verbringen.«
Ein Raunen ertönte am Nebentisch, Schulterklopfen für den vorlauten Alten, der triumphierend »Wusste ich‘s doch« sagte.
»Bei uns gibt’s nix zu holen«, mischte sich Pedro ein, »wir schaffen das gut alleine.«
Der Fremde hielt noch immer Albas Hand, wie ertappt ließ sie los.
»Mein Vater hat recht!«, sagte sie mit fester Stimme. »Kein guter Startpunkt für eine Jobsuche in Barcelona. Ganz abgesehen von Ihrem Benehmen. Oder war das auf Ihrem Luxusdampfer so üblich?«
Der Mann sah betreten zu Boden. Das besänftigte sie.
»Bo, ich heiße Alba«, sagte sie versöhnlich.
Der Mann, der sich Jordi nannte, sah sie erleichtert an.
»Freut mich! Ehrlich! Entschuldigen Sie bitte noch mal. Ich bin ziemlich müde. Kam hier zufällig vorbei, nachdem ich vor den Touri-Lokalen geflüchtet bin. Davon hatte ich genug an Bord, brauch das nicht auch noch an Land. Eure Bar hier hat mir gleich gefallen. Und jetzt«, er schaute Alba schüchtern, aber zugleich schmeichelnd an, »gefällt sie mir noch besser …«
Alba zog ihre Hand zurück und wandte sich ab, nicht ohne in sich hineinzulächeln. Es kam in letzter Zeit nicht oft vor, dass ihr jemand Komplimente machte. Abgesehen vielleicht von den schmachtenden Blicken manches Hotelgastes, über dessen schmutzige Fantasien sie erst gar nicht nachdenken wollte, bekam sie keinerlei Bestätigung. Dabei war sie, das wusste sie sehr wohl, alles andere als hässlich.
Damals, als ihre Mutter noch lebte, war sie eine fröhliche junge Frau gewesen. Da hatte sie sich oft ins Nachtleben Barcelonas gestürzt und konnte sich vor Verehrern kaum retten. Oft kam sie mit einem gehörigen Schwips nach Hause, ohne auch nur einen einzigen Cent selber ausgegeben zu haben. Doch keines dieser nächtlichen Abenteuer hatte vor ihren Augen das Zeug für eine richtige Beziehung gehabt. Jordi, das ahnte Alba bereits an diesem Abend in ihrer Bar, hatte das Zeug dazu. Sie sehnte sich so nach einem besseren Leben – und nach Liebe.
In den folgenden Tagen kam Jordi immer schon mittags, noch vor Öffnung, in die Bar. Er hatte eine günstige Bleibe in der Nähe gefunden. Bald schon war auch der einst Fremde ein Stammgast geworden. Im Unterschied zu den alten Männern an ihrem runden Tisch nahe der Theke zahlte er aber stets sofort. Andererseits machte er keine Anstalten, sich einen Job zu suchen, wie er es angekündigt hatte. Viel lieber saß er am Tresen, unterhielt sich bestens mit Alba, während Pedro meistens stumm blieb.
Waren die Gespräche zwischen ihm und Alba immer wieder durch ihre Tätigkeiten in Küche und Gastraum unterbrochen, bot sich Jordi bald an, ihr zur Hand zu gehen. Sie zögerte anfangs, ließ ihn dann aber doch und sah mit wachsender Begeisterung, wie leicht ihm die verschiedenen Tätigkeiten von der Hand gingen. Den Stammtisch und die wenigen Zufallsgäste erfreute er mit immer neuen flotten Sprüchen, kleinen Komplimenten und einigen Jongliereinlagen, auch wenn dabei schon mal das eine oder andere Glas zu Bruch ging und Pedro missmutig hinter dem Tresen grummelte.
Wie Alba lebte aber auch er zusehends auf, ließ sich mitreißen von dem liebenswürdigen, humorvollen Wesen Jordis, dessen Wirken durch Hörensagen sogar einige Gäste mehr in die Bar lockte. Von den Mehreinnahmen wollte er jedoch nichts abhaben, ihm reichte es, »in der Familie« zu essen, trotzdem steckte ihm Pedro ab und zu einen Schein zu. Nachts nach dem Zuschließen trank Jordi gerne einen letzten Wermut mit Alba und Pedro und war dabei durchaus zu tiefer gehenden Gesprächen fähig und willens.
Langsam bekamen sie einen Eindruck von seiner Persönlichkeit, lauschten seinen Erzählungen aus einem nicht weniger einfachen Leben, das ihn früh von zu Hause, vorgeblich jener kleinen Stadt an der nördlichen Küste Kataloniens, weg und in die weite Welt geführt hatte. Er war wohl einige Jahre älter als Alba, die Anfang Mai erst 27 Jahre alt geworden war. Jordi machte nicht den Eindruck, als hätte er ein Ziel, er lasse sich gerne treiben, bummle durchs Leben, verdinge sich hier und da, was Besseres gebe es doch gar nicht. Wenn er so redete, beneidete ihn Alba fast ein wenig, Pedro hielt davon erkennbar nichts, schwieg aber.
Manchmal, beim letzten Wermut um Mitternacht, wurde Jordi schwermütig, schwor dann, sein Leben zu ändern, sesshaft zu werden. Barcelona sei immer sein Traum gewesen, hier würde er gerne für immer bleiben. Dazu passte, dass er Alba von Abend zu Abend zärtlicher ansah. Das gefiel ihr, und auch wenn sie meistens rechtschaffen müde war, hörte sie ihm aufmerksam, mehr und mehr auch mit schwärmerischen Blicken zu. Ihr Vater ließ die beiden gewähren, verabschiedete sich jetzt oft früher nach oben, machte sich gleichwohl seine durchaus sorgenvollen Gedanken.
Alba zog die Knie noch enger an ihren Oberkörper, fror jetzt ein wenig. Sie nahm die Enden der Decke und hüllte sich darin, so gut es ging, ein. Wann war der Funke übergesprungen? Was war der magische Augenblick gewesen?
Am letzten Sonntag im Mai stand Jordi spätnachmittags mit einem Picknick-Korb unten vor der Tür. Die Bar hatte sonntags geschlossen, der Tag war wie gemacht für einen Ausflug an den Strand, ein Stück raus aus La Barceloneta. Die Sonne schien von einem makellos blauen Himmel, es war der erste heiße Tag des Jahres und die Aussicht auf kühle Getränke und kleine Snacks am Strand war zu verlockend, als dass Alba hätte Nein sagen können. Sie wusste, wo sie ungestört vom beginnenden Touristenrummel sein würden und er ließ sich von ihr bereitwillig an ihren Lieblingsplatz am Strand führen.
Jordi hatte an alles gedacht, breitete eine Decke aus und wollte gerade Albas Hand nehmen, als sie in eine versteckte Mulde trat und strauchelte. Vom Ungleichgewicht überrumpelt fielen beide übereinander her. Ob gänzlich unfreiwillig, darüber stritten sie später ausgelassen und lachend wie in diesem Augenblick des gemeinsamen Fallens, als sie sich unversehens auf der Decke liegend wiederfanden, einander erst verdutzt, dann immer tiefer in die Augen sahen, als ihre Lippen zueinanderfanden und ihre Körper sich mit wachsender Leidenschaft aneinanderschmiegten. Jordi hatte danach immer scherzhaft von »ihrem Sündenfall« gesprochen. Wenn Alba an diesen ersten Kuss zurückdachte, spürte sie immer noch das Kribbeln, das sich wohlig über ihren ganzen Körper ausbreitete.
Als sie sich endlich voneinander lösen konnten, war der Cava warm geworden. Sie tranken ihn dennoch mit Lust, ließen ihn sich von Mund zu Mund perlen, konnten sich nicht sattspüren an diesen prickelnden, immer wieder vollmundig aufbrausenden Küssen. Später lagen sie erschöpft und glückselig nebeneinander auf der Decke, hielten sich an ihren Händen und schauten in den Himmel. Ob sie wohl beobachtet worden waren? Es war ihnen egal.
Als die Sonne bereits tief im Westen stand, sich weiter hinter ihnen die Promenade langsam leerte, setzten sie sich auf und schauten hinaus auf das abendliche Farbenspiel am Horizont. Jordi nahm den Korken in die linke Hand, legte Albas rechte auf seine und fing an, mit ihren beiden Händen vor ihren Füßen in den Sand zu malen. Ein A und ein J – ihre Initialen, zugleich die ihrer Vornamen –, ein &, und dann seine: ein J und ein A, wieder doppeldeutig. Eine innere, sehr kräftige Magie der Buchstaben.
Er legte den Korken weg, zog sie auf die Decke zurück und ihre Hand an seine glatte, braun gebrannte Brust. So küsste er sie sanft und mit weichen Lippen. Nein, das Herz mussten sie nicht malen, es klopfte wie wild in Alba. Als das Wasser der leichten Flut sie erreichte, sahen sie zu, wie ihre Initialen im Sand verschwammen, aufgesogen von einem bereits golden glitzernden Meer. Und während ihre Namen im ewigen Spiel der Gezeiten verschwanden, hatten sich ihre Herzen gefunden.
Alba fror nun richtig – trotz ihres dicken Strickpullis und der warmen Wolldecke, in der sie noch immer eingehüllt nahe am Wasser saß.
Zuletzt hatten sich Jordi und ihr Vater blendend verstanden. Pedro hatte mit wachsendem Wohlwollen verfolgt, wie gut der junge Mann inzwischen alle Handgriffe in der Bar beherrschte. Langsam gewöhnte sich der Patró an den Gedanken, nur noch als guter alter Geist in der Bar zu stehen, sich schon mal zu seinen Leuten an den Stammtisch zu setzen oder mit einem Stuhl draußen in die Sonne.
Als Jordi ihn dort das erste Mal sitzen sah, kam ihm eine Idee: Warum nicht draußen servieren? Drei Tische mit je vier Stühlen, dafür reichte der Platz vor der Bar gerade aus. Er organisierte die Möbel irgendwo für wenig Geld, Alba war so stolz auf Jordi. Der machte sich gleich ans Werk, war sich nicht zu schade, ein paar Flyer, die er auf Albas altem Laptop mit seinen Smartphone-Fotos gestaltete, zu kopieren und drüben am Strand zu verteilen. Und tatsächlich kamen neue Gäste, an manchen Tagen lief das Geschäft so gut, dass sie nachts nicht einmal mehr zu ihrem Wermut kamen, so müde waren all drei.
Schon bald ließ der Zustrom wieder nach. Jordi machte sich daran, neue Flyer zu produzieren, doch – und das bemerkte Alba leider viel zu spät – er war nicht mehr mit dem ursprünglichen Feuereifer bei der Sache. Einige Male verschwand er, dann sah ihn Alba bei einer ihrer Besorgungen zufällig in Strandnähe mit seinem Smartphone am Ohr unruhig auf und ab gehen. Obwohl es sie bedrückte, wagte sie nicht, ihn danach zu fragen, welches Recht hatte sie dazu? Auch war Jordi am Abend, dem letzten vor seinem Verschwinden, wieder ganz der Alte, drehte richtig auf und selbst der Stammtisch hatte immer noch seine Freude daran. So vergaß Alba die trüben Gedanken.
Später in der Nacht zog er sie in ihrem Bett – längst war er zu Alba ins Zimmer gezogen – sanft zu sich heran, schob ihr dünnes Nachthemd hoch und bedeckte ihren Körper über und über mit zärtlichen Küssen. Alba wusste nicht, wie ihr geschah, hellwach und bis in die Haarspitzen erregt. Er spielte Katz und Maus mit ihr, brachte sie bis an die Grenze der Erfüllung, um innezuhalten, sich selbst kurz abzukühlen, obwohl sie nach mehr bettelte, nicht mit Worten, mit ihren Küssen, so fordernd, dass er wieder heiß wurde, sich beide dem Höhepunkt entgegen sehnten, der sie laut aufschreien ließ, rücksichtslos, rasend, sie schüttelte und lange noch zittern ließ. Sie hielten sich umklammert, ineinander verschlungen, so gerne hätte sie ihn in sich aufgenommen, für immer behalten. Und er drang noch einmal in sie, so sanft und warm, sie liebten sich ein weiteres Mal, diesmal auf eine ruhige, fast meditative Art, lange und mit beinahe unerträglichem Genuss.
Noch in den Nachbeben des letzten Orgasmus’ und in den Armen ihres Jordi glitt Alba in einen tiefen, traumlosen Schlaf, aus dem sie erst spät am nächsten Morgen erwachte. Allein …
Auch wenn sie da schon gewusst hätte, dass es das letzte Mal sein würde, Alba hätte die Liebe nicht inniger auskosten können, im Gegenteil: Düstere Gedanken oder auch nur eine Andeutung dieses Schicksals hätten ihr diese letzte Nacht wohl verleidet. Somit war sie Jordi auf eine Weise sogar dankbar dafür, dass er sie ahnungslos ließ – bei aller Trauer und Sehnsucht, die bis heute kaum nachgelassen haben.
Jordi oder wie immer du heißt, wo bist du nur? Warum hast du mich verlassen? Ein Zittern ging durch die Frau am Strand.
Was hat Alba nicht alles zusammenfantasiert. Am Ende hielt sie für die plausibelste Version, dass sie womöglich nicht seine einzige Liebe gewesen war, dass er irgendwo doch eine Familie hatte, eine Frau und Kinder … Bei solchen Gedanken krampfte sich ihr Herz zusammen, wollte sie am liebsten ins Meer hinausschwimmen und am Ende für immer darin versinken. Doch dann dachte sie an ihren lieben Vater, der immer zu ihr gehalten hatte, stets für sie da war, auch jetzt. Dabei ging es ihm schlechter in letzter Zeit, er baute merklich ab, körperlich und geistig. Es hielt ihn nicht davon ab, sich nach einem Heimplatz umzusehen, er spürte, dass er seiner Tochter zu einer Last wurde, in der Bar nur noch ein Schatten seiner selbst war und immer öfter auf dem Sofa ausruhen musste. Er machte aus allem keinen Hehl, beriet sich offen und schonungslos mit seiner Tochter, die sich trotz aller Bekümmerung keine Illusionen machte, dass die Tage der Bar gezählt waren. Beide spielten mit dem Gedanken, sie zu schließen und zusammen mit ihrer Wohnung zu verkaufen. Doch die Fassungslosigkeit der alten Fischer hielt sie von der letzten Konsequenz ab. Noch.
Viele traurige Tage lagen hinter Alba und auch Pedro, der mit seiner Tochter litt und dadurch noch hinfälliger wurde. Dabei war er längst nicht der älteste unter seinen Leuten, was sie ihm auch gerne immer wieder vorhielten und es dabei sogar gut meinten. Als der November begann und den Katalanen noch einmal wunderschöne Tage mit blauem Himmel und Temperaturen um die 20 Grad spendierte, lebten Alba und Pedro etwas auf. Weil jetzt wirklich keine Gäste mehr kamen, schob Pedro seine Tochter fast gewaltsam vor die Tür, sie müsse mal rauskommen, solle doch ruhig etwas unternehmen. Mit seinen Leuten käme er schon klar, sie hätten sogar ihre Hilfe angeboten.
Alba zögerte anfangs, doch dann begann sie, ihre morgendlichen Radtouren zum Strand auf den frühen Abend zu verlegen, Sonnenuntergänge, wenn auch nicht direkt über dem Meer, waren am schönsten dort zu genießen. Erst recht, wenn die Touristen nicht, wie morgens, erst kamen, sondern schon wieder gingen. So war sie auch an diesem Tag mit ihrem alten Rad an ihren Platz gefahren, vorbei an den Strandbuden, der riesigen Fischskulptur, die im Licht der untergehenden Sonne zu einem wahren Goldfisch wurde. Dort waren das Casino und die Bars, die nach dem Strandbetrieb am Tag erst in der Nacht zur Hochform aufliefen. Um nicht ständig Touristen oder einheimischen Joggern und Skatern ausweichen zu müssen, hatte sie den gut ausgebauten Radweg gemieden, der irgendwie doch von allen genutzt wurde, und war auf der Straße gefahren, auf der zu dieser Jahreszeit nicht mehr ganz so viel Verkehr herrschte wie in den Sommermonaten mit den langen hellen Abenden.
Nun wurde es Alba doch zu kalt, zitternd stand sie auf, faltete ihre Decke zusammen und legte sie in den Korb. Ein ganzes Stück musste sie das alte Fahrrad durch den nachgebenden Sand schieben, bis sie die Strandpromenade erreichte. Nur noch wenige Fußgänger waren in der Dunkelheit unterwegs, die meisten Xinringuitos hatten inzwischen geschlossen. Dort hinten im Hafen prangte das gläserne Segel des »W Hotels«, das auch bei Nacht hell erstrahlte und zu einem modernen Wahrzeichen geworden war. Alba mochte den Protzbau nicht, er stand für alles, was nicht ihre Welt war, für die verlorene Kindheit, eine glücklichere Zeit, als das Fischerviertel noch lebendig war – als Mamà noch lebte. Sie vermisste sie immer noch so sehr.
Tränen stiegen ihr in die Augen, in solchen Momenten trostloser Einsamkeit hatte sie immer Zuflucht in ihrer Kirche gefunden, der Basílica Santa Maria del Mar. Wenn sie sich beeilte, konnte sie es noch rechtzeitig zur Abendmesse schaffen und sogar vorher noch eine Kerze anzünden. Wie oft hatte sie in diesem äußerlich imposanten, innen jedoch erstaunlich bescheidenen Gotteshaus Trost gefunden, unter dem von Opferkerzen beschienenen Kreuz Jesu mit der Jungfrau Maria gebetet, für die Seele ihre Mutter und zuletzt umso inständiger für eine Rückkehr ihres über alles geliebten Jordi. Sie wählte den schnelleren Weg über die Hauptverkehrsstraße und fuhr zur Kathedrale des Meeres.
Der Fahrer des SUV hatte sie nicht gesehen. Als er seine Kippe im Aschenbecher ausdrückte und gerade wieder aufschaute, vernahm er nur ein Scheppern, spürte, wie der schwere Wagen rechts zwei kleine Hüpfer machte. Mit Verzögerung bremste der Mann, hielt endlich an und blickte verdutzt in den Rückspiegel. Einige Meter hinter ihm lag ein dunkles Bündel auf der Straße. Bis der Fahrer nach einer gefühlten Ewigkeit aus seinem Auto stieg, waren schon einige Menschen herbeigeeilt, hatten sich über die Unfallstelle gebeugt. Schockiert erkannten sie, dass da eine dunkel gekleidete Frau auf der Straße lag, ihr Körper wirkte genauso verbogen wie das Fahrrad, das auf bizarre Weise mit ihr verbunden zu sein schien. Bei genauerem Hinsehen war zu erkennen, dass der Lenker mit der einen Seite in ihrem Bauch verschwand, daraus tropfte eine schwarze Flüssigkeit auf die Straße. Der Notarzt kam schnell, aber auch er konnte nur noch feststellen, was allen bei ihrem Anblick sofort klar war. Die junge Frau war auf der Stelle tot gewesen.
Die Tatsache, dass die Senyorita auf einem unbeleuchteten Fahrrad und zudem noch in komplett dunkler Kleidung die abendliche Hauptverkehrsstraße befahren hatte, ließen die ermittelnden Polizisten keinesfalls milder auf den Verursacher des Unfalls blicken. Wie die Befragung ergab, hatte der Mann das nahe Spielcasino besucht und mit jeder verlorenen Partie ein Glas Brandy gekippt. Die Blutuntersuchung ergab einen Wert von 1,6 Promille. Er würde erst einmal in Gewahrsam bleiben.
Dagegen gestaltete sich die Suche nach der Identität des Unfallopfers schwierig. Die junge Frau hatte keine Papiere dabei, der einzige Hinweis war ein verblichenes Foto in einer Plastikhülle, das neben ihrem Körper lag und einen etwa dreißigjährigen attraktiven Mann zeigte. Ein Teil des Bildes, wahrscheinlich der mit der Frau, war abgetrennt worden, doch immerhin war auf dem verbliebenen Stück die Hand der anderen Person zu erkennen, mehr noch: die Hand hielt ein Stück Papier in die Kamera. Am Computer konnte das Bild so weit rekonstruiert werden, dass ein Flyer sichtbar wurde und in großen Lettern der Name einer Bar. Zeitgleich mit diesem Ergebnis war ein Anruf bei der Polizei eingegangen. Eine ältere Frau hatte sich nach einer seit Stunden vermissten Senyoreta erkundigt, im Auftrag des Vaters. Alles Weitere war Routine – zumindest für die Behörden. Als zwei Polizisten zur Bar fuhren und die traurige Nachricht persönlich überbrachten, brach der arme Mann unversehens zusammen. Trotz sofortiger Hilfe und anschließender Behandlung im Krankenhaus, wachte Pedro nicht mehr auf.
An einem kalten und grauen Dezembermorgen ging im Hafen von Barcelona ein Mann von Bord, der ohne Umschweife den Weg zur Barceloneta einschlug. Er hatte einen kleinen Seesack geschultert und trug eine dicke Jacke, mit seiner blauen Wollmütze sah er aus wie ein Seemann längst vergangener Zeiten. Im Fischerviertel, im Carrer del Baluard, klingelte er vergeblich an einigen Wohnungstüren, schließlich erkannte ihn einer der alten Stammgäste aus der Bar als den Mann, der Trauer und Verderben über die Familie Jimenez gebracht hatte.
»Da! Schauen Sie, was Sie getan haben!«, bekam er zu hören, Türen wurden zugeschlagen und öffneten sich nicht mehr für ihn.
Langsamen Schrittes ging der Mann hinüber zur geschlossenen Bar, las die Traueranzeige an der heruntergelassenen Jalousie, er lehnte seine Stirn gegen das mit Graffiti besprühte Rolltor und verharrte so eine ganze Weile. Schließlich verließ er mit gesenktem Kopf das Blickfeld der Nachbarn, die hinter ihren Fenstern lauerten.
Noch einige Male wurde der Mann gesehen, immer an derselben Stelle am Meer, ein ganzes Stück außerhalb der Barceloneta, immer nachmittags bis weit nach dem frühen Sonnenuntergang. Die Menschen auf der Promenade wunderten sich, dass dieser Mann an derart unwirtlichen Tagen über Stunden am Strand nah beim Wasser saß. Irgendwann erhob er sich, schrieb mit einem Stock etwas in den nasskalten Sand, blieb mit hängenden Schultern davor stehen, bis die Wellen seine Füße erreichten. Erst dann wandte er sich ab und ging in Richtung Hafen davon.
Kurz vor Weihnachten blieb die Stelle leer. So lautlos, wie er gekommen war, war er wieder verschwunden. Und diesmal fragte niemand mehr nach ihm.