Jeden Stein, jede Pfütze, die der Regen in diesen Tagen immer wieder füllt, kennt er. Warum nur geht er trotzdem diesen Weg? Erst runter, recht steil sogar, dann oberhalb des Dorfes im Tal an den wenigen tristen Häusern in Hanglage vorbei, aus denen kein Leben dringt, kein Geräusch, einer Totensiedlung gleich, und wieder hoch über eine Kurve, den ganzen Weinberg in Serpentinen bis zu seinem Ziel ganz oben, das auch der Anfang ist. 4,6 Kilometer Bewegung und Draußensein, mehr aber auch nicht. Jeden Tag schließt sich der Kreis in seiner piekfeinen Siedlung, seinem abgehalfterten Haus, dem Schandfleck der Nachbarschaft. Nur heute ist etwas anders. Das ahnt er aber noch nicht.
Liebe
Alleinbeteiligt
In einer Polizeimeldung lese ich wieder diesen merkwürdigen Begriff:
„Autofahrer kommt alleinbeteiligt von der Fahrbahn ab und überschlägt sich“.
Alleinbeteiligt. Ich verstehe natürlich, was gemeint ist, ahne, dass es bei dem seltsamen Adverb um eine juristische Kategorie geht: kein Fremdverschulden, keine weitere Person ist beteiligt. Aber wieso spricht man bei einem allein verursachten oder dem Einzelnen widerfahrenen Unfall überhaupt von beteiligt? Weiterlesen
Manchmal und immer
Manchmal bist du
Meine Biene
So emsig
Honigsüß
Manchmal bist du
Meine Maus
So putzig
Niedlich
Manchmal bist du
Meine Katze
So geschmeidig
Gefährlich
Manchmal bist du
Meine Venus
So anziehend
Abgrundtief
Immer bist du
Meine Liebste
So bezaubernd
Vertraut
Nichts anderes
Nichts anderes ist Glück
Als dich
Wenn du freudestrahlend
Dem Regen trotzend
Ihn auch genießend
Auf mich zurennst
Bedingungslos
Zu lieben
On demand
„Darf ich fragen, ob es noch lange dauert?“ Peer erschrickt selbst über den ungehaltenen Ton in seiner Stimme. Weshalb regt er sich auf? Hat er nicht alle Zeit der Welt?
„Darf ich Sie noch einen Moment um Geduld bitten? Frau von Langenbach hat noch zu tun.“ Die Hausdienerin scheint Übung im Umgang mit Gästen wie ihm zu haben, so kühl und distanziert, wie sie ihn abfertigt. Berufserfahrung, denkt Peer und ist zugleich befremdet davon, dass es diesen Beruf noch gibt, sogar jene Uniform, die er eigentlich nur aus alten Filmen kennt oder vielleicht noch von Kellnerinnen in altmodischen Cafés. Überhaupt kommt ihm die Situation unwirklich vor, aber er hat es so gewollt. Wer kann schon behaupten, je in diesem Haus gewesen zu sein? Weiterlesen
Verlassen
Was ich dir gab gibst du
Zurück wie eine alte Haut
Als wäre nur noch Last
Was uns einst fliegen ließ
Was du mal Liebe nanntest
Ist doch nicht raus aus mir
Prallt jetzt nur ab läuft leer
So wie alles und noch mehr
Wer lädt mich wieder auf
Die Welt die nur mit dir
Die beste aller möglichen
Nun jedoch unmöglich ist
Eros an Aphrodite
Ich will dich nicht
Lieben wie mich selbst
Ich mag dich nicht
Vertraut in jeder Faser
Du sollst mir fremd
Und ein Geheimnis
Darfst mir Fährnis
Und Verderbnis sein
Un
Es begann mit diesem
Unsagbar unerhörten
Un… Un… Un…
Duft
Der alles was er schuf
Unsäglich unrettbar
Un! Un! Un!
Wieder enden ließ
Am Ziel
Ein letztes Aufbäumen tief in seinem Inneren, ein letzter Funke von Widerwillen, dann ist alles gut. Jetzt wird Frieden sein. Eine gnädige Schläfrigkeit übermannt ihn, lässt ihn endgültig vergessen, dass er unter Drogen steht. Sie stellen seinen Körper ruhig, seit Tagen schon. Oder sind es Wochen? Er hat kein Empfinden mehr für Zeit oder für den Ort, an dem er ist, noch erinnert er sich daran, wie er hierher gekommen ist. Wenn er überhaupt noch einmal erwachte, würde er vielleicht nicht mehr wissen, wer er ist. Weiterlesen
Normal-Null
„Es ist wie es ist. Nicht zu ändern. Trotzdem…“ Mein Vater sieht an mir vorbei ins Licht. Die Gardine vor dem festverriegelten Fenster ist beiseite gezogen, doch viel gibt der Blick nicht her: eine belebte Straße, dessen Geräusche aber nur ganz leise zu vernehmen sind, dahinter Bäume mit frischen, aber schon angegrauten Blättern. Ich habe mich mit dem Rücken zum Fenster gesetzt, in den „Ausguck“-Sessel, den ich in Richtung meines Vaters gedreht habe.
Weiterlesen
Minne
So fliehe ich vor Menschen
Bleibe achtsam nur bei mir
Doch wo bleibt der Trost
Wenn nicht du wie sonst
Mich kannst berühren
Wenn statt Deiner Hand
Tentakeln nach mir greifen
So singe ich von Minne
Wie einst das hohe Lied
Doch wo bleibt die Liebe
Wenn nicht unsere Lippen
Sich im Kuss vereinen
Wenn sie nur von Ferne
Mit Masken sich verhüllen
So schreibe ich Dir Postings
Winke Dir auf Displays zu
Doch wo ist die Wärme
Wenn wir uns nicht nähern
Noch in die Arme nehmen
Wenn nicht ein süßer Kuss
Vergiftet könnte sein
Die Frau im Astloch
Er kriegte sie nicht mehr aus dem Kopf. Ihr Anblick hatte sich ihm eingebrannt. Warum war er nicht stehengeblieben? Wenigstens umkehren hätte er doch können, dachte er verärgert. Jetzt war es zu spät; sie würde längst nicht mehr da sein. Er hatte schon das Tal erreicht.
Weiterlesen