Drehspieß

„Na, wieder Stunk daheim? Feuchte Wände?“
„Ja hallo! Komm her, du Arsch!“
Die beiden Männer fallen sich in die Arme, kurz und kernig, klopfen sich auf die Schultern, lassen einen Abstand zwischen sich und sind schon wieder auseinander.
„Hey, Klimbim, wie immer!“
Der Mann im Kabuff schüttelt den Kopf. Dass er Salim heißt, sagt er schon lange nicht mehr. Am Anfang ist ihm das noch wichtig gewesen. Da hat er solche Typen noch verflucht. Leise nur, weil er keinen Ärger wollte, wie auch heute nicht.Er hat genug erlebt. Vieles liegt zum Glück hinter ihm. Der Kampf, an dieser winzigen Straßenecke einen Dönerimbiss aufzumachen, alle Anträge endlich bewilligt zu bekommen, alles so zu verstehen, dass er keine Nachteile hat, dass man ihm die Bude nicht gleich wieder zumacht, vielleicht gerade wegen solcher Typen, „Gäste“, die nur irgendwo saufen wollen, sein Essen aber verschmähen, ihn hinterhältig und viel zu laut fragen, was denn das für Fleisch sei an seinen Drehspießen und ob wohl alles sauber zugehe „da in seinem Kabuff“, in dem er allein sich gerade einmal herumdrehen kann, oft schwitzend in der Hektik der Mittagszeit, da rotiert er wie die beiden Döner vor den glühenden Heizschlangen, ein Spieß für Kalbfleisch, einer für Hähnchenfilets. Männer wie die beiden da draußen nehmen ihm nicht ab, dass er seinen Kunden nur das Beste anbietet, auf das noch bessere Lammfleisch sogar verzichtet, weil er eben in Deutschland ist, wo sie zwar Lamm essen, aber eben nicht vom Spieß, nicht im Fladen, nicht mit frischem, knackigem Gemüse und schon gar nicht den köstlichen Saucen, die seine Frau nach altem Familienrezept zubereitet – wie manch andere Spezialität, die selbst die Vegetarier unter seinen Kunden zufriedenstellt. Er würde auch lieber feineres Essen anbieten, die ganze Vielfalt seiner Heimat, aber das würden die Leute hier nicht goutieren. Sie kennen und lieben ihre Döner. Wenigstens seine Ware ist vom feinsten.

Sie haben es beide so gewollt, Salim und seine Frau, haben ihr ganzes Geld hier reingesteckt, haben sich verschuldet, zwar bei der erweiterten „Familie“, aber trotzdem zu gewissen, durchaus strengen „Bedingungen“. Der Laden geht gut, sehr gut sogar. Er kann seine Frau und seine vier Kinder mühelos ernähren. Er betet jeden Tag, dass es so bleiben möge. Die Ecke ist eine Goldgrube, das hat er gleich gewusst. Sie ist belebt, nicht gerade in der besten Gegend der Stadt, aber tagsüber voller Menschen, die aus den Büros strömen und etwas Schnelles auf die Hand wollen. Etwas Gutes, nicht ganz so Billiges wie das, was sie in den Kaschemmen des Viertels bekommen, dem Asia-Imbiss, der Kettenbäckerei oder der Säuferkneipe gleich nebenan, aus der ein säuerlich-rauchiger Dunst zu ihm herüberweht, wann immer die Tür aufgeht, was zum Glück nicht allzu oft geschieht. Schon gar nicht jetzt, nach dem Mittagsstress, wenn auch Salim etwas durchatmen kann.

Er stellt den beiden Männern die gut gekühlten Bierdosen hin. Der Vorlaute greift danach, reicht eine seinem Bekannten weiter, über den eckigen, weißen Resopaltisch, von dem Salim die Flecken schon lange nicht mehr abbekommt, so sehr er sich auch bemüht und seine Anschaffung verflucht. Schon ewig will er sich neue Bistro-Tische zulegen, aber die Tage vergehen so schnell und bisher hat sich kein Kunde beschwert. Im Gegenteil: Die meisten lassen sich ihr Essen ohnehin einpacken. Und wenn sie wiederkommen, loben sie seine Zubereitungen, wollen dann fast immer das Gleiche noch einmal, geben ihm oft gutes Trinkgeld – und einige halten trotz ihrer Eile das eine oder andere freundliche Schwätzchen mit ihm.

Der Mann, der näher zu seiner Bude steht, nimmt die Dose zwischen beide Hände und flucht.
„Verdammt, Klimbim, du weißt doch, dass ich von der kalten Plörre nen Flotten kriege! Stell die Kannen raus. Wie oft muss ich dir das denn noch sagen?“
Salim wendet sich ab, tut so, als habe er zu tun. Dabei ist schon alles sauber. Blitzsauber. Da kann ihm keiner was. Selbst wenn die Typen es wollten. Bei ihm wird man kein Haar in der Suppe finden. Wie es bei denen zu Hause aussieht, will er sich gar nicht vorstellen. Das Fleisch an den Spießen schmurgelt leise, dreht sich auf kleinster Stufe, bereit, jederzeit angeheizt zu werden und binnen kurzem eine schöne braune Kruste zu bekommen. Viel ist gar nicht mehr übrig, vom Kalb nur noch eine dünne Säule. Noch zwei Stunden, dann ist ohnehin Schluss. Es hat bereits zu dämmern begonnen an diesem milden Januartag. Auch heute Abend wird er wieder alles verbraucht haben. Das ist gut so, denn seine Familie hat sich inzwischen abgewöhnt, auf Reste zu spekulieren. Sie essen spät und gut, ein richtiges Mahl, keinen Imbiss – so wie Salim und seine Frau es aus der Heimat gewohnt sind und es ihren Kindern weitergeben. Essen ist wichtig, die lange Tafel, das Beisammensein. Oft sind seine beiden Brüder da, seine Schwester, oder eine der drei jüngeren Schwestern seiner Frau. Sie und Salim haben noch jeden untergebracht, an dem großen, schweren Tisch, der das ganze Zimmer ausfüllt und den er und seine Brüder aus gutem Holz an Ort und Stelle zugeschnitten und zusammengebaut haben. Ja, sie sind alle hier und sie sind froh, dass sie sich haben. Sie wissen, dass sie in Deutschland nicht willkommen sind – oder warum sonst meldet sich niemand mehr von denen, die ihnen damals noch geholfen haben, liebe Menschen, die sich dann irgendwann wieder um andere gekümmert haben, denen Salim aber ewig dankbar sein wird. Wie oft haben seine Frau und er sie eingeladen, es irgendwann enttäuscht aufgegeben?

„Die haben doch den Schuss nicht gehört!“ Die Stimme des Wortführers dröhnt bis zu ihm, scheint sich in dem kleinen Raum zu verfangen, ihn vollständig auszufüllen. Salim reißt die Arme hoch, hält sofort wieder inne. Den Gefallen, sich die Ohren zuzuhalten, tut er ihm nicht, diesem widerwärtigen Schweinefleischfresser und Biertrinker – oder wovon sonst hat er seine feiste Wampe? Dreimal würde Salim in ihn reinpassen. Er schüttelt sich bei dem Gedanken.
„Na, ist doch klar, oder nich?“, raunzt der Mann seinen Gesprächspartner an, um sich gleich wieder der Bude zuzuwenden und Salim anzublaffen: „Plemplem, du Muselmane, jetzt aber mal zimmerwarm, kapiert?“
Salim hat tatsächlich drei Dosen zur Seite gestellt, sogar in die Nähe des Döners gerückt. Jetzt ist nur noch eine übrig. Der Mann fängt an zu lallen. Salim verachtet Männer, die sich gehen lassen. Er selbst trinkt nicht. Nicht wegen der Religion; er ist nicht gläubig, auch kein „Muselmane“. In seinem Umkreis ist das kein Thema. Aber Alkohol eben auch nicht. Obwohl es wahrlich Anlässe genug gegeben hätte, schlimme Anlässe, Schicksale. Aber wer weiß, welchen Grund die beiden Männer haben. Deutsche trinken, wenn es ihnen schlecht geht, so viel hat er mit der Zeit hier gelernt. Und sie werden aggressiv.

„Kuck dir doch die ganze Mischpoke an!“ Der Mann lallt immer stärker.
Salim weiß, dass er nicht viel verträgt. Warmes Bier erst recht nicht. Dabei ist er ein Hüne, wiegt bestimmt 130 Kilo. Aber seine Erscheinung hat wenig Würde: Seine graue Jacke sieht billig aus, ist an den Ärmeln abgestoßen, am Kragen speckig. Er trägt eine blaue Strickmütze, unter der fettiges, graues Haar hervorlugt, sein Gesicht ist käsig, weich, ein bisschen wie der Teig für die Fladen, nur eben mit einem schmutzigen Dreitagebart und einigen fiesen Mitessern, seine Augen sind wasserblau, sein klarer Blick lässt noch am ehesten erahnen, dass der Mann auch mal jung war und vielleicht sogar ganz ansehnlich. Sein Alter kann Salim schlecht einschätzen. Er hat davon gehört, dass die Menschen hier früh in Rente gehen können, gar nicht mal nur, wenn sie krank sind. Dieser hier ist es gewiss.
„Und jetzt frage ich dich: Wer erwirtschaftet das denn alles? Na? Na!?“ Der Mann stiert seinen Begleiter triumphierend an, den Kopf herrisch erhoben. „Doch wohl wir!“ Seine Faust saust wie ein Fallbeil auf den Tisch. Der andere Mann weicht erschrocken zurück, greift aber mit der freien Hand nach dem wackelnden Möbelstück.

In diesem Moment tritt ein junger Mann in Anzug an die Luke des Dönergrills. Widerwillig machen die beiden Männer ihm Platz. Das Parfum kommt Salim bekannt vor. Er liebt diesen Duft nach Patchouli, Zedern, Rosen und kräftigen Gewürzen. Er erinnert ihn an die Gerüche seiner Heimat. Salim weiß, dass das Parfum teuer ist – und sehr beliebt bei ehrgeizigen, jungen Männern wie diesem. Er arbeite bei der kleinen Bank dort drüben, hatte ihm der gutaussehende Junge gleich bei seinem ersten Besuch im Sommer anvertraut. Sicher nicht lange, hat er gesagt, er habe schließlich studiert und eigentlich wolle er an die Börse. Anders als erwartet, lässt er sich das Restgeld stets herausgeben. Auch diesmal. Salim gefällt das. Der Mann hat Prinzipien, verschleudert sein Geld nicht. Wer reich sein will, muss selbst die kleinste Münze ehren, das weiß auch Salim. Von nix kommt nix – hat der junge Mann das nicht selbst gesagt? Ob er denn schon Feierabend habe, fragt Salim ihn freundlich und erhält als Antwort nur ein fröhliches Kopfschütteln. Nein, daran sei gerade nicht zu denken, sprudelt es schließlich aus ihm heraus, nicht mal eine Mittagspause habe er gehabt, aber jetzt hänge ihm der Magen durch. Er brauche unbedingt was zu essen, gerne viel Fleisch, sonst könne er später nicht trainieren. Eilig wie er gekommen ist, verschwindet er wieder. Die Männer schauen ihm mit finsteren Blicken nach.

„Steigbügelhalter“, zischt der lallende Mann, nimmt einen Schluck und rülpst leise. Gegen die aufsteigende Luft in seiner Speiseröhre ankämpfend legt er los: „Alle in einen Sack und draufprügeln, triffste immer den Richtigen! Den Ehrlichen verarscht man doch. Immer nur auf die Kleinen. Uns knöpft man das Geld ab. Und dann verteilen es diese Verbrecher in alle Welt! Oder geben es gleich den Asylanten. Ja, oh ja! Und du? Was glotzt du so blöd?“ Wütend funkelt er Salim an. Für einen Moment sieht es so aus, als wolle er ihn schlagen, doch er reißt nur die Hand mit der Dose hoch, trinkt das Bier auf ex, wobei ihm etwas davon am Kinn entlang auf seine Jacke tropft. „Ach, scheiß drauf!“ Er knallt die Dose auf die kleine Theke der Bude und torkelt ohne ein Wort davon. Sein Begleiter lässt seine halbvolle Dose auf dem Tisch stehen und stiehlt sich in eine andere Richtung davon. Salim seufzt. Er ist plötzlich sehr müde.

Aber einige Kunden kommen noch, manche bestellen Essen für die ganze Familie. Salim ist großzügig, häuft mehr in die Schachteln als sonst; es würde ja doch nur schlecht werden. Eine ältere Frau legt ihm einen Zehner hin, will die vier Euro sechzig Restgeld nicht. Das sei eine Spende, die könne er doch sicher gut gebrauchen. Er wehrt ab, aber dann fällt ihm ein, dass die beiden Männer die Zeche geprellt haben, und er bedankt sich höflich. Salim rechnet fest damit, dass sie wiederkommen, zumindest der Freche. Salim wird ihn nicht abweisen. Er wird ihn bedienen, wie jeden anderen auch, als sei nichts gewesen. Er wird auch nichts sagen. Oder vielleicht doch? Er denkt an seinen Großvater, an das Sprichwort, das der schweigsame Mann in seinen seltenen Momenten zitierte – und das Salim fast vergessen hat. Jetzt kommt es ihm wieder in den Sinn:

Zwei Dinge sind Zeichen von Schwäche:
Schweigen, wenn man reden müsste,
und sprechen, wenn man schweigen sollte.

©Martin Bensen