Wunderwasser

Ein Märchen

Einmal in der Woche, immer sonnabends zogen die älteren Männer des Dorfes in aller Frühe hinauf auf ihren Hausberg. Sie taten dies bei jedem Wetter und selbst im tiefsten Winter. Dann war der Weg so beschwerlich, dass sie der Aufstieg gut und gerne einen halben Tag kostete. Nur einmal in der Geschichte des Dorfes blieb den Männern der Aufstieg drei Wochen lang verwehrt, zu widrig waren die Umstände, zu groß die Lawinengefahr, sodass sie um Leib und Leben fürchten mussten. In jenen Tagen strickten die Frauen ihnen Mützen aus Schafwolle, die zwar wärmten, aber doch auch gehörig kratzten, sodass die Männer den Abend herbeisehnten, an dem sie die wollenen gegen ihre leichten Nachtmützen aus lindernden Leinen tauschen konnten. In jenen drei Wochen trugen alle älteren Männer jenes Dorfes Tag und Nacht Mützen. Aber nicht wegen der Kälte allein taten sie das, denn ihre Häuser waren warm und draußen war zu dieser Jahreszeit ohnehin nichts zu tun. An Holz zum Heizen herrschte auch kein Mangel. Es gab einen anderen Grund für das Behüten ihrer Köpfe. Weiterlesen

Assimiliert

Er ist wie der Kubus der Borg
Der neue Zeitgeist fängt uns alle
Verleibt sich unser Leben ein
Das einst so lebenswert war

Als wir noch wussten was falsch
Was sozial und menschlich war
Jetzt im Netz ist alles gleich groß
Ist alles allen ungleich wichtig

In Panik schreien wir nach Halt
Sehen nicht die wahre Gefahr
Dass wir erst unsere Vernunft
Dann unsere Freiheit verlieren

©Martin Bensen

Krone

Krone der Schöpfung hast du Angst
Weiß du denn wovor du bangst
Ein Husten raubt dir die Vernunft
Der Irrsinn feiert Wiederkunft

Vor Corona bist du auf der Hut
Mit ner Grippe bist du allen gut
So ist der Dummheit Weltenlauf
Du verreckst – ich atme auf

©Martin Bensen

Schattenriss

Draußen aus dem Schatten
Der vom Raum erhellten Tür
Löst sich wie ein Schemen
Die schwarz verhüllte Frau
Schon halb im Licht
Noch halb im Dunkeln
Zieht aus letztem Glimmen
Der Rauch erst weiß
Zum Schein hin schwarz
Ihm folgt die Nachtgestalt
Wie der Schatten ihrer selbst
Löst sich drinnen auf im Licht

©Martin Bensen

Jammertal

Eine Art Moritat

O Neckartal du Jammertal
Es ging dir schon zu lange gut
O Neckartal du Jammertal
Erkalten wird die Eisenglut

Doch wer da denkt es geht den Bossen
In ihren flieh’nden Stahlkarossen
An ihre fein gestärkten Kragen
Der hört noch nicht die Schwaben klagen

Die saufen wieder eig’nen Wein
Der fremde ist nun viel zu fein
Den Geiern schmeckt er allemal
O Neckartal du Jammertal

©Martin Bensen

Jener Sommer

Meine Hand wird ruhiger, bleibt flach auf dem Tisch liegen. Ein fast unmerkliches Kribbeln in den Fingerspitzen, ein letzter leiser Impuls zu begreifen, was soeben passiert ist. Ihre Hand hat dicht neben meiner gelegen. Wir haben uns nicht berührt, nicht einmal heute. Und jetzt, da die Nähe so greifbar ist, verstummen wir, senken unsere Blicke, beben leise voneinander weg. Aus. Weiterlesen

Tannen-Hütte

Eine Art Idylle (II)

Meine Tannen-Hütte steht, wie kann es anders sein, an einer Lichtung, zu drei Seiten hin und am Ende der sanft abfallenden Lichtung umsäumt von hohen Tannen, die dahinter einen dichten, dunklen Wald bilden. Die Hütte ist aus eben diesen Nadelhölzern gebaut, nur der große Kamin mitten in dem einen Wohnraum besteht aus gemauerten Natursteinen. Im Winter, Weiterlesen

Ein heiliger Abend

Wiederentdeckte Weihnachtsgeschichte aus dem Jahr 2000

„Heilig Abend – erheiternd und labend. Noch eins, Herr Wirt!“ Das zynische Lächeln gefror dem Gast am Tresen im Gesicht. Noch immer waren seine Hände taub vor Kälte, eine eisige Böe drückte gegen die Fenster der kleinen Kneipe. Jeder Schluck spülte ihn weiter fort von diesem unglückseligen Abend, der doch so schön begonnen hatte. Weiterlesen

Kartoffelherz

„Es ist eine Schande!“ Wütend stampfte der Koch mit dem Fuß auf. Die Holzdielen knarrten unter seinem Gewicht, das Geschirr in den Schränken klirrte. Gerade einmal eine Gabel hatte die Herrin von ihrem Teller gegessen. Was man auch tat, wie schön man das Mahl auch dekorierte, nichts brachte diese… diese… Person dazu, etwas mehr zu nehmen als genau diese eine Gabel. Der dicke Koch rang die Hände, schließlich seufzte er und nahm sich des vollen Tellers an. Es hing ihm zum Hals heraus: Tagein, tagaus gab es Kartoffeln. Ausschließlich Kartoffeln. Aber nicht irgendwelche Kartoffeln. Weiterlesen