Tannen-Hütte

Eine Art Idylle (II)

Meine Tannen-Hütte steht, wie kann es anders sein, an einer Lichtung, zu drei Seiten hin und am Ende der sanft abfallenden Lichtung umsäumt von hohen Tannen, die dahinter einen dichten, dunklen Wald bilden. Die Hütte ist aus eben diesen Nadelhölzern gebaut, nur der große Kamin mitten in dem einen Wohnraum besteht aus gemauerten Natursteinen. Im Winter, der hier oben, in tausend Metern Höhe, bereits im September beginnt und bis weit in den April dauert, sitze ich in meinem alten Ohrensessel, die Füße zum prasselnden Feuer hin ausgestreckt, auf einem weichen Hocker gebettet, und genieße die angenehme Wärme. Nur Kerzen erleuchten den Raum, hier oben gibt es keinen Strom, das Wasser hole ich mir jeden Morgen von der Quelle etwas oberhalb meiner Hütte. Ich brauche nicht viel, nur das, was ich in meinem Rucksack herschleppen kann. Zum nächsten Dorf sind es mehr als zehn Kilometer, kein Rauschen dringt an mein Ohr – nur das des Windes in den Bäumen. Vieles schenkt mir der Wald, ich weiß, wo die besten Pilze stehen, die süßesten Beeren hängen, die würzigsten Kräuter wachsen. Selbst Honig hole ich mir von den wilden Bienen, nicht mehr, als ich selber benötige. Hier draußen lebe ich nach dem Lauf der Natur, durchstreife so oft wie möglich mein Revier. Wenn es Frühling wird, pflege ich meinen kleinen Garten, erfreue mich an den bunten Blüten, den frischen Blättern, dem Gesang der Vögel. Alles strebt hinaus ans Licht, Knospen springen auf, aus der Erde und aus Zweigen treibt es aus, die Luft ist voll von sinnlichstem Duft. Dann will auch ich hinaus, so sitze ich in den ersten wärmenden Strahlen der Sonne und kann kaum an mich halten vor Glück. Wenn die Natur es will, besuchen mich Rehe und Hasen, ganz nah kommen sie von der saftiggrünen Wiese der Lichtung her, auf der sie äsen, sich verstecken, lustvoll springen und hoppeln. Dann beobachte ich sie – sie haben nichts von mir zu befürchten, hier auf meiner Holzveranda, auf der ich ganz ruhig sitze, selbst dann noch ausharre, wenn die Sonne längst untergegangen ist und die Tiere sich müde in ihren Unterschlupf zurückgezogen haben. Dann sitze ich an der noch warmen Wand meiner Tannen-Hütte gelehnt und zünde mir eine Pfeife an. Wo sonst, als an diesem Ort, macht Pfeiferauchen Sinn? So genieße ich, was ich schon als Kind erträumte, mit Lakritz im Mund dem gemütlichen Herrn im Nachbargarten nacheifernd: einmal so friedlich sitzen, ein Pfeifchen schmauchen, im süßen Rauch dem Rauschen lauschen, das der laue Abendwind im Immergrün der Nadelzweige anstimmt. Wenn auch er abflaut und alles still wird um mich herum, klopfe ich die Asche aus, drehe mich an der Tür noch einmal zur Lichtung hin, atme tief den Duft der Tannen ein, höre das leise Knacken im Gehölz, den Ruf eines Käuzchens. Später auf dem kleinen Heuboden sehe ich durch das winzige Dachfenster Sterne blinken, unzählbar viele Glitzerlichter am schwarzen Nachthimmel. Wie ein endloses Meer von Augen sehen sie auf mich hinab und funkeln mich sanft in den Schlaf – in einen weiteren schönen Traum von meiner Tannen-Hütte.

©Martin Bensen