Flieg du Kleine
Flieg und träume
Flieg und träume dich
In ein neues größeres Leben
missing btw
nichts an allem ist mehr btw
nichts mehr zwanglos
nichts mehr leicht
#partyverbot
nicht mehr belanglos sein
wie mein freund der mir verrät
dass er mit seiner bürstenhaarwäsche
die fingernägel reinigt
#maskenpflicht
nicht mehr sicher sein
ob die frau im zug gegenüber lächelt
und wenn sie lächelt
wie sie lächelt
#ausgangssperre
nicht mehr spüren
wie sich stille über den weinberg senkt
die erhabene des sternenweiten alls
nicht die der gruft daheim
#reisewarnung
nicht mehr kerosin riechen
ohne die sorge dass dies nur ein traum
nur der rauch des grillanzünders
nebenan sein könnte
nichts ist mehr geil oder cool
nichts mehr krass nur krass
alles ist lame
Alter Mann
Die Stadtbahn ist schon wieder zu voll. Viel zu voll für diese Zeit – für diese Zeiten. Da nützen auch keine Masken. Wie gut, dass ich bereits geimpft bin. Prio 2, Risikogruppe – die Zipperlein eben. Noch bin ich keine sechzig. Ein Jahr bleibt mir noch. Ein weiteres verlorenes Jahr? Ich gebe zu: Dieser runde Geburtstag ist eine Bank, eine Schlachtbank. Mit sechzig ist man alt. In zehn Monaten werde ich ein alter Mann sein. Endgültig. Unabänderlich. Die Grauzone bekommt ein neues Mitglied. Sieh dir das Gruselkabinett doch an: Wie Zombies sitzen sie da, stumm, ausdruckslos, ihre schlaffen Leiber nur in Bewegung durch die ruckelnde Bahn. Die Masken verbergen nur wenig von dem Elend. Die Bahn hält. Niemand steigt aus, eine alte Frau drängt herein. Meine Chance! Weiterlesen
Nichts anderes
Nichts anderes ist Glück
Als dich
Wenn du freudestrahlend
Dem Regen trotzend
Ihn auch genießend
Auf mich zurennst
Bedingungslos
Zu lieben
Spanner
Er ist ein Spanner, das sagt er selbst. Kein Grund, sich beschimpfen zu lassen, meint er. Er stehe dazu, denn es tue niemandem weh. Vielleicht seiner Frau, wenn sie von seinen geheimen Gedanken wüsste, seinen seelisch-sinnlichen Abwegen. Aber sie ist auch kein Unschuldsengel, weißgott nicht. Weiterlesen
Schutzmaske
Wir sind bereit. Die Gasmaske – „Wie heißt das, Soldat?!“ „ABC-Schutzmaske!“- schneidet mir in die Haut, die beiden Sichtfenster beschlagen. Das Atmen fällt mir schwer. Ich verfluche dieses Scheißding. Gut, dass wir nicht rennen müssen, nicht durch hohes Gras robben. Diesmal nicht. Diesmal geht es in den ABC-Übungsraum. „Gaskammer“ raunen die Rekruten pietätlos, einer gluckst was von „Café Eichmann“. Ich hasse diesen zynischen Jargon. Hasse mich selbst, nicht den Kriegsdienst verweigert zu haben. Wie unwürdig das alles ist.
Regen (II)
Tropfen tropfen nicht nur so
Hier trommeln sie auf Blech
Dort prasseln sie durch Blätter
Zerplatzen auf der Straße
Zerstieben in alle Richtungen
Zerfließen zu langen Strömen
Klatschen weiter dahinein
Peitschen meine nackte Haut
Schonung
In Reih und Glied
Wie auf dem Feld
Einem Gräberfeld
Stehen sie im Wald
Nicht Steine noch Kreuze
Gleich einem Kerzenheer
Umschirmen diese Stelen
Noch zartes neues Leben
Traumgesichte (VI)
Endlich klappt es mit dem Laden. Lange hat eine Freundin von uns gesucht, gefeilscht und sich mit den Behörden herumgeschlagen. Heute sitzen wir zum ersten Mal in ihrer „Waffles Bakery“. Nein, nicht in dem neuen Lokal, sondern draußen. Es ist eine laue Nacht hier in Manhattan, die Außenbeleuchtung ist noch nicht installiert. Nur eine nackte Glühbirne hängt da, aber New York hat immer genügend Licht für alle. Weiterlesen
Gerüche
Die Werbung hat nicht zu viel versprochen. Ich habe es mir gekauft, den Flakon aufgeschraubt, auf den Zerstäuber gedrückt, den Duft direkt auf die Brust gegeben, wie früher, als meine Haut noch jünger, noch ganz glatt und ohne Behaarung war, appetitlicher, und als mein Schweiß noch anders gerochen hat, strenger vielleicht, nach Testosteron, weshalb ich mir jetzt über die Wirkung nicht sicher sein konnte. Weiterlesen
Letzte Dinge
So passt denn doch
Was im Leben Hab
Und jetzt noch Gut ist
In einen Pappkarton
Für den letzten Umzug
In die Gruft auf Abruf
Oben auf dem Speicher
Steht der Sarg der Dinge
On demand
„Darf ich fragen, ob es noch lange dauert?“ Peer erschrickt selbst über den ungehaltenen Ton in seiner Stimme. Weshalb regt er sich auf? Hat er nicht alle Zeit der Welt?
„Darf ich Sie noch einen Moment um Geduld bitten? Frau von Langenbach hat noch zu tun.“ Die Hausdienerin scheint Übung im Umgang mit Gästen wie ihm zu haben, so kühl und distanziert, wie sie ihn abfertigt. Berufserfahrung, denkt Peer und ist zugleich befremdet davon, dass es diesen Beruf noch gibt, sogar jene Uniform, die er eigentlich nur aus alten Filmen kennt oder vielleicht noch von Kellnerinnen in altmodischen Cafés. Überhaupt kommt ihm die Situation unwirklich vor, aber er hat es so gewollt. Wer kann schon behaupten, je in diesem Haus gewesen zu sein? Weiterlesen