Wind, meine Liebe

Nichts erfrischt, nichts tröstet und beglückt mich so unmittelbar wie der auffrischende Wind, besonders im Sommer, wenn er in belaubte Bäume fährt, ihre Kronen bewegt, sie belebt und in ihren Blättern ein vielstimmiges Rascheln und Rauschen erzeugt, mal säuselnd, mal heulend, mal zart, mal hart und mal schmeichelnd, mal reißend.
Der Wind macht eine eigene Musik – eine, die unmittelbar meine Seele anstimmt, sie schwingen lässt wie die Baumkronen in der Natur. Vielleicht hat meine Seele auch Blätter, die mit sich spielen lassen, solange es der Wind gut meint, andernfalls zittern sie wie Espenlaub und mein Körper gleich mit.
Tausende Härchen heben sich im Wind, kräuseln meine Haut, wenn er darüber fährt, mich streichelt, auch mein Kopfhaar, wie ein sinnlicher, oft wilder Liebhaber. Wind ist maskulin, auch in wohlklingenden Sprachen: le vent, il vento, el viento… Doch weil ich so bin, wie ich bin, stelle ich ihn mir lieber als Frau vor: die Wind, die wilde, die zärtliche – erotische.
Dann schließe ich die Augen und lasse alles geschehen, selbst die Möglichkeit zu sterben. An meinem letzten Tag soll Wind sein, in meinen Haaren, auf meiner Haut, in meiner Seele, die sie dann forttrüge, und in dem Baum zu meinem Gedenken, in dem sie weiter spielt und singt. Wind, meine Liebe.

©Martin Bensen

Trost, beizeiten

Wenn Traurigkeit und Sorgen
Klamm dein Herz umfangen
Weite deinen Blick ins Grün
Spüre warmen weichen Wind
Lausche seinem Rauschen

Genieße frischen Frühlingsduft
Den saftigprallen Sommer
Eh der Herbst Vergängnis
Der Winter wieder Wehmut
Und trostlos tote Kälte bringt

©Martin Bensen

Hand in Hand

Jeden Stein, jede Pfütze, die der Regen in diesen Tagen immer wieder füllt, kennt er. Warum nur geht er trotzdem diesen Weg? Erst runter, recht steil sogar, dann oberhalb des Dorfes im Tal an den wenigen tristen Häusern in Hanglage vorbei, aus denen kein Leben dringt, kein Geräusch, einer Totensiedlung gleich, und wieder hoch über eine Kurve, den ganzen Weinberg in Serpentinen bis zu seinem Ziel ganz oben, das auch der Anfang ist. 4,6 Kilometer Bewegung und Draußensein, mehr aber auch nicht. Jeden Tag schließt sich der Kreis in seiner piekfeinen Siedlung, seinem abgehalfterten Haus, dem Schandfleck der Nachbarschaft. Nur heute ist etwas anders. Das ahnt er aber noch nicht.

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Alleinbeteiligt

In einer Polizeimeldung lese ich wieder diesen merkwürdigen Begriff:

„Autofahrer kommt alleinbeteiligt von der Fahrbahn ab und überschlägt sich“.

Alleinbeteiligt. Ich verstehe natürlich, was gemeint ist, ahne, dass es bei dem seltsamen Adverb um eine juristische Kategorie geht: kein Fremdverschulden, keine weitere Person ist beteiligt. Aber wieso spricht man bei einem allein verursachten oder dem Einzelnen widerfahrenen Unfall überhaupt von beteiligt? Weiterlesen

Ein Flügelschlag

Da sitzen sie, stecken ihre Köpfe zusammen. Die Espressotassen auf dem Tisch sind längst ausgetrunken. Während der Kaffeesatz eintrocknet, sprudeln Worte aus den Männern. Eigentlich redet nur einer, ein junger, leicht untersetzter Typ, hemdsärmlig, gestikulierend. Er spricht italienisch. So schnell, dass ich nur Bruchstücke verstehe und fast nichts von jener schwärmerischen Melodik dieser schönen Sprache wiedererkenne, für die ich die mediterranen Europäer so beneide – neben vielem anderem. Ist es das ruppige Wetter in Deutschland, die immer noch steife Draußenkultur, überhaupt das ganze stocksteife Deutschtum? Oder warum ist er so in Aufregung, sind die Gesichter seiner beiden Zuhörer so ernst? Was um alles in der Welt ist denn so wichtig, so schlecht, dass alle drei Männer beinahe verschwörerisch dasitzen, vornübergebeugt, einander zugetan? Immerhin das. Weiterlesen

Manchmal und immer

Manchmal bist du
Meine Biene
So emsig
Honigsüß

Manchmal bist du
Meine Maus
So putzig
Niedlich

Manchmal bist du
Meine Katze
So geschmeidig
Gefährlich

Manchmal bist du
Meine Venus
So anziehend
Abgrundtief

Immer bist du
Meine Liebste
So bezaubernd
Vertraut

©Martin Bensen

Leichter

Auf dem Boden eine Flocke
Etwas vom Müsli denke ich
Als ich mich nach ihr bücke
Weicht sie aus – fliegt davon

Ein winziger Falter flirrt
Mit feinen Flügeln filigran
Hinaus aus meiner Welt
Ob er leichter lebt als ich?

©Martin Bensen

Im Abfluss

Dieses Buch riecht muffig
Seine Seiten sind vergilbt
Sein Autor längst verblichen
Sein Inhalt ohne Nutzen

Wie Haargeflecht im Abfluss
Ein krauses in der Lakenfalte
Spült die Nachwelt Überreste
Und jegliches Erinnern fort

©Martin Bensen

Bella Wismar

Reisesplitter IV (Nachtrag)

In Wismar flanieren wir durch eine ruhige, an diesem Vormittag seltsam reservierte Innenstadt. 1991 waren wir zum ersten und bisher einzigen Mal hier, heute nur auf der Durchreise. Wir wollen sehen, ob wir die Stadt, die wir damals so kurz nach der Wende besuchten, heute noch wiedererkennen. Wie viele andere Städte der ehemaligen DDR hat sich auch Wismar sehr gemausert. Wie andere Hansestädte bekam Wismar aber wohl auch weniger von der sozialistischen Gleichgültigkeit gegenüber schmucker, historischer Bausubstanz zu spüren als solche weiter südlich, besonders in der grauen bis verpesteten Einheitsödnis des Arbeiter- und Bauernstaates. Weiterlesen

Selten der Himmel

So wenig wie der klare Himmel
Sich blau auf Meeren spiegelt
So steht für sich das Farbenmeer
Von wilden Blumen auf dem Feld

Es ist das Licht mit allen Farben
Das ein Fang der Netzhaut wird
So viel das Auge kann erblicken
So selten ist der Himmel bunt

©Martin Bensen

Kühlungsborn

Reisesplitter III

Dieser Ort kühlt meine Reiselust gehörig ab. Ich habe ihn anders in Erinnerung, nicht so voll, weniger touristisch, selbst vor zwei Jahren zur gleichen Zeit, als es noch keine Pandemie gab. Sorglos wälzen sich ortsfremde Menschen links und rechts über die Strandstraße, ein nicht abreißender Strom zur Seebrücke hin und zurück, vorbei an Läden, Restaurants und Buden. Sorglos suchen die Menschen wieder Nähe – sie macht ihnen zumindest nichts mehr aus. Weiterlesen