Das Meer verschwinden lassen

Wenn Sehnsucht wie das Meer
Mit Wucht aufbrandet
Uns machtvoll mitreißt
Gierig verschlingt
Uns wieder ausspuckt
Sich endlich beruhigt
Mit flacheren Wellen
Uns zart umschmeichelt
In Sanftmut wiegt
Um nur kräftiger krachend
Uns jäh wieder einzuholen
Noch tiefer aufzuwühlen
Bis zum Krieg der Gefühle
Dann schützt uns wohl ein Hafen
Doch friedvoll wäre einzig
Das Meer verschwinden zu lassen

©Martin Bensen, 17. Juni 2017 – Kaum zu glauben, die Sehnsucht wahrer Liebe begann für mich genau heute vor 37 Jahren, unter einem Vordach bei heftigem Gewitter. Sie geriet drei Jahre später in ihre schmerzvolle Phase, die erste und nicht die letzte…  

 

Alte Liebe (II)

Im Schatten ist es noch recht kühl. Das Meer ist über Nacht zur Ruhe gekommen, nur im letzten Auslauf wirft es noch kleine Wellen an Land. Obwohl ich Urlaub habe, bin ich früh wach, habe ich mich mit einer Liege und einem Buch an den Strand begeben. So früh am Morgen sind nur Bedienstete der benachbarten Ferienanlage und – ich muss es leider gestehen – ältere Menschen unterwegs, barfüßig am Meer entlang watschelnd, hier und da sich nach irgendeinem Treibgut bückend. Genau besehen sind es ausschließlich Männer, die meisten braun gebrannt und mit imposanten Wölbungen über ihrer Männlichkeit, die an diesem Strandabschnitt zum Glück in mehr oder weniger knapp bemessenen Badehosen verbleibt.

Dann traue ich meinen Augen nicht:
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High Five

„No, thanks!“ Das ist ja wohl eindeutig und gerade noch so höflich, wie es sich gehört. Oder doch nicht? Der Afrikaner weicht nicht von meiner Seite. Was denn noch? Lass mich in Ruhe, belästige die anderen hier am Strand. Ist dein armseliger Job. Ich kann nichts dafür und ich will auch nicht wissen, was dich hierher getrieben hat. Solche Strandverkäufer wie dich gibt es schon lange. Scheint ja zu laufen. Bei mir gerade nicht so. Meine Firma geht den Bach runter, mein Geld ist futsch. Ein schwacher Moment, eine falsche Entscheidung gegen hundert richtige. Egal, nicht mehr zu ändern. Das ist sicher der letzte Familienurlaub hier in Italien. Er gehört schon zu den bescheideneren in den letzten Jahren. Und das ist gut so. Haben wir uns je ein Urlaubsfoto noch einmal angeschaut? Machen wir überhaupt noch Fotos? Klar, wenn das Smartphone gerade griffbereit ist. Dabei sind die Dinger perfekt, um jeder Unterhaltung auszuweichen, sich nicht mehr als nötig am Familienleben zu beteiligen. Ist mir auch egal. Ich weiß schon lange nicht mehr, wo sie alle unterwegs sind. Bin es ja selber genug. Ich werde mich trennen…

„No, thanks!“ Hat er mich gerade nachgeäfft? Wie er die zwei Worte ausspricht, mit hoher Stimme, muss ich unwillkürlich an Filme mit Eddie Murphy denken. Der Afrikaner schaut mich freundlich an, zwinkert mir zu. So beladen, sieht er unfreiwillig komisch aus: Auf seinem Kopf stapeln sich bestimmt zehn Sonnenhüte, sein ganzer muskulöser Oberkörper ist über und über behängt mit bunten Körben. Billig-Ware aus China. Ich sehe Schweißperlen auf seiner Stirn. „Are you sure?“, fragt er. Plötzlich muss ich lachen. Über das ironische Echo meiner Abweisung, über mich Weichei. Darüber, wie ich hier in der Strandliege kauere, käsig weiß bis rot verbrannt, gelangweilt vom Leben.

„Yes, I’m sure!“, lache ich. Er streckt die Hand aus zum High Five. Ich schlage ein. Er geht. Lebt sein Leben weiter. Ich meines. Nicht mehr sicher, welches armseliger ist…

©Martin Bensen