Das Karwendel-Geheimnis

Es war ihr Lächeln. Ein Lächeln, das nicht zu den traurigen Augen passte. Sie hatte ihn nur kurz angeblickt. Nein, eigentlich hatte er nur kurz aufgeblickt. Zu sehr war er damit beschäftigt gewesen, nicht auszurutschen. Gerade an der steilsten Stelle war der geschmolzende Schnee zu einer Eisbahn geworden. Nur mit Mühe und mit Hilfe des verwitterten Handlaufs schaffte er es. Weiterlesen

Verbrannt

„Ich lüge dich nicht an! Wie kommst du überhaupt darauf?“ Er hat das Messer, mit dem er eben noch den edlen Fisch für den Heiligen Abend filetiert hat, in die Spüle geworfen und schaut sie aufgebracht an. Sie hätten nicht schon so viel Wein trinken dürfen. Ein Schlückchen zum Kochen, dazu besinnliche Musik und im Kamin ein prasselndes Feuer – der Abend in ihrer einsamen Hütte hätte eigentlich nicht besser beginnen können. Weiterlesen

Einer von tausend

Ja, guck nur! Wenn du wüsstest, wie oft ich hier angestarrt werde. Im Grunde seid ihr alle gleich. Schwanzgesteuert. Seht den tiefen Ausschnitt meines Dirndls und schon geht euch einer ab. Wenn ihr überhaupt einen hochkriegt. Unter Alkohol sind die Augen meist größer als der Lümmel in eurer Hose. Unten hängt der kleine Mann, während sein Besitzer oben das Maul aufreißt. Und dann die Grapscher, ich erkenne euch gleich. Mit euren ungewaschenen Händen, euren geifernden Blicken aus Schweinsäuglein in fetten, roten Gesichtern. Am liebsten seid ihr mir bei Dienstschluss, mit dem Kopf auf der Tischplatte. Wenn euch dann die Ordner unsanft nach draußen schubsen. Dann seid ihr harmlos, mit euch selbst beschäftigt und schwach. Ja, auch du bist ein Schlappschwanz, du Glotzer! Obwohl … Dein Blick hat was. Was Warmes. Trinken liegt dir wohl auch nicht, nippst schon seit Stunden an deinem schalen Bier. Nun schau nicht so …

Jetzt hat sie reagiert! Oder, doch nicht? Hinter mir sind alle mit ihren Schlachtgesängen beschäftigt. Sie kann nur mich gemeint haben. Den ganzen Abend muss ich hier schon diese saudumme Musik ertragen, das Geschrei. Ja, auch meine Kumpels sind immer lauter geworden. Seit einer Weile stehen sie auf den Bänken und hopsen, gröhlen diese Dumpfbacken-Lieder. Ich sitze lieber und suche verzweifelt Rettung. Unsere Bedienung wäre eine. Obwohl ich diese Volksfest-Uniformen hasse, muss ich zugeben: ihr steht das Dirndl. Schöne Brüste hat sie darin. Ihr Gesicht ist hübsch, mit Lachfältchen um die Augen. Aber warum schaust du nur so geschäftig, so unnahbar? Hier gibt es auch nette Menschen. Mich zum Beispiel. Ich finde dich toll, würde dich gerne kennenlernen. Ich glaube, du bist was Besonderes. Gehörst hier genauso wenig hin wie ich. Wenn ich mich dir doch nur von meiner wahren Seite zeigen könnte – so wie ich wirklich bin …

Er wartet, hat extra getrödelt. Draußen ist es kalt. Seine Kumpels haben sich lallend verabschiedet. Sollte er nicht auch besser nach Hause gehen? Wenn die Tür an der Seite in den nächsten fünf Minuten nicht aufgeht, dann …

Sie macht heute früher Schluss, ihre Kolleginnen sind mit Aufräumen dran. Ist genug für heute. Ihre Beine schmerzen, ihr Nacken ist ganz steif vom vielen Krügeschleppen. Sie will nur noch nach Hause, öffnet die Seitentür …

Gerade schickt er sich an zu gehen, da öffnet sich die Tür. Sie stehen sich gegenüber. Zwei Menschen in der stillgewordenen Nacht.

Sie: „Auch tausend Blicke lernen mich nicht besser kennen!“

Er: „Tausend Blicke sind Luxus, nur einer von dir macht mich reich.“

Sie: „Zu dir oder zu mir?“

Er: „Zu uns!“

Sie lachen, nehmen sich bei der Hand und gehen nach Hause. Von tausend Momenten lieben sie diesen einen immer besonders.

©Martin Bensen

Das Bildnis der Donna

Novelle

© 2018 Martin Bensen

Prolog

Niemals hätte ich auf ihr Angebot eingehen dürfen. Sie war keine Touristin wie die vielen anderen Kunden, sondern eine waschechte Römerin. Eine wahrhaftige Schönheit unter dem Himmel, ihre Kleidung so erlesen und elegant, dass sie es mit Sicherheit nicht nötig hatte, zu den Straßenkünstlern auf die Piazza Navona zu kommen, um sich malen zu lassen. Hätte ich damals auch nur geahnt, wie verhängnisvoll diese Begegnung sein würde, ich hätte ihre Bitte ohne Zögern ausgeschlagen.  Weiterlesen

Die Frau am Meer

Eigentlich hatte ich genug von Sand, Strand und Sonne. Die Ostsee war Anfang Juni noch zu kalt zum Baden. Morgen würde ich in aller Frühe abreisen. Mein Kurzurlaub, vier Nächte in einem Waldschlösschen im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, er war mir nun doch ausreichend lang erschienen. Drei Tage war ich stramm auf Deichen und durch Wälder geradelt, hatte mich hier und da an den Strand begeben, das Meeresrauschen und den warmen Westwind genossen, war jeden Abend treuer Gast im freundlichen Schlösschen und nach einem Zwei-Gänge-Menü und drei großen Störtebekern vom Fass alsbald auf meinem Zimmer und wenig später im Reich der Träume.
Weiterlesen

Kuss und Schluss

Ein Junge sitzt dort auf der Mauer
Lässt seine Beine lässig baumeln
Dazwischen steht ein keckes Mädchen
Zerrt seinen Kopf wild zu sich ran

Sie küsst ihn stürmisch hält ihn fest
Bedeckt Gesicht und Haar mit Küssen
Da verliebt sich dieser stolze Junge
In ihre herzhaft-süße Zärtlichkeit

Sie hält ihn noch ein Weilchen fest
Doch irgendwann erlahmt ihr Schwung
Und ehe er es recht begreift
Reißt sie sich los und ist davon

©Martin Bensen

Den langen Weg

Life is all we have to share
You know we must take care
Lovers in the wind
(…)
Love is all I have to give
It’s all I need to live
Lovers in the wind

Aus: „Lovers in the wind“ von Roger Hodgson

Du
Du lebst
Du lebst ganz glücklich so
Du bist schon gern mit dir
Du würdest aber lieber
Dein Leben teilen

Du
Du sehnst
Du sehnst Dich nach Liebe
Du hast viel Herz in Dir
Du würdest es vielleicht
Dem einen öffnen

Du
Du denkst
Du denkst du kannst nicht
Du weißt es nur noch nicht
Du nimmst eben einfach
Den langen Weg

(Zahlenmagie? Zündfolge des V-Motors, Sechszylinder: 1-2-5-6-4-3 – aus: Wikipedia)

©Martin Bensen

Ins Leben

In jenem Moment als ich zurück zur Erde fiel
Reichte das Schicksal mir ein neues Spiel
Ich wähnte mich erst in vertrauten Bahnen
Schon bald aber konnte ich Großes erahnen

Rüde hat der Sturz meine Seele verrückt
Und der Aufprall mein Herz beinahe zerdrückt
Haltlos zog ich wieder durch Partydickicht
Erfasste noch gerade dein schönes Gesicht

So folgte ich dir und verlor dich schon bald
Aber nicht lang es erwischte mich kalt
Nah warst du plötzlich das ließ mich erbeben
Fast hilflos stand ich vor dir ganz ungestalt
Tja – da lachtest du und zogst mich ins Leben

In memoriam, 1985 – 1990

©Martin Bensen

Mai-Frau im Juni

Als wir endlich zueinander fanden
Zuckten Blitze grell vom Himmel
Setzten dein rotes Haar in Flammen
Entzündeten unsere Lippen im Kuss

Als wir uns gänzlich einander hingaben
Unsere Körper ineinander verschlungen
Rollten Donnerschläge um uns herum
Prasselte Regen schwer auf unser Dach

Als ich dich später immer noch spürte
Süßer Sommerhauch auf heißer Haut
Fuhr ich allein über dampfende Straßen
Liebestrunken in einen blauen Morgen

Ein neues Leben

17. Juni 1980

©Martin Bensen