Ein magischer Moment

Eine Weihnachtsgeschichte

Gibt es die eine Liebe? Oder ist sie vielgestaltig, von jedem Menschen unterschiedlich stark empfunden – wie der Hass? Ist die Liebe absolut? Oder gibt es verschiedene Grade? Wer oder was kann ermessen, wie sehr ich liebe? Wie will ich es vergleichen? Jede Liebe ist einzigartig und gleichzeitig universell – über ein Leben hinaus. Was sie vermag, zeigte mir ein einziger Moment kurz vor Weihnachten. Ein magischer Moment.
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Strahlender Mond

Erst ganz hinten hob das Flugzeug ab, verschwand wie eine Geistererscheinung im Nebel des Novembermorgens. Hier, wo ich stand, hatte er, der jetzt mit meinem Ticket flog, jeden Tag ausgeharrt. Wie sehnsuchtsvoll er durch das Panoramafenster gestarrt hatte, zugleich geduldig, lange bevor die Maschine nach Laos an den Start gehen würde. Nur ihr galt sein Sehnen. Ich habe es beendet, jetzt war es an ihm, dass sich sein einziger Wunsch erfüllte, sein letzter in diesem Leben.
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Zuwendung, schließlich

Nachts, wenn er ihre Nähe, die gleichzeitige Ferne nicht erträgt, wendet er sich immer wieder ab, spürt dann, wenn auch schwach, einen Anflug von Verlassenheit, fürchtet aber schon die Ahnung, wirklich verlassen zu sein, weswegen er sich doch wieder zu ihr, seiner Liebe, hinwendet, seine Hand flach unter ihren Po gleiten lässt, behutsam, nichts fordernd, um sie nicht zu wecken, denn wie kann er sicher sein, dass sie ihn noch liebt, weniger als am Anfang, gewiss, das fühlt auch er, und doch so, dass sie noch verbunden sind, ein Paar, aneinander gewöhnt, vereint nach außen, einander gewiss nach innen, und doch schon eine Weile ohne Leidenschaft, ersetzt durch ein Gefühl der Leere, das am Tag weniger bedrückend, jedoch nachts umso beängstigender Raum nimmt, sodass ihm das Atmen schwerfällt und er sich also rasch wieder abwendet, dann daran denkt, wie ihn früher Tränen fast erstickten, wenn ihm ganz bange wurde vor der Zukunft, die nun hinter ihnen liegt, nicht mehr schmerzt, wie sein abgestorbener Zahn, wegen dem er morgen unter gleißendem Licht sitzen wird, einsam, ohne Trost, anders als jetzt, mit ihrer schläfrigen Wärme, die wohl Träume befeuern, welche fragt er sich, wo sie doch so reglos daliegt, sich der Schemen ihres Körpers vor dem schwachen Licht der Nacht abzeichnet, so fein und zart, als schwebte er über dem Bett, so leicht wie ihre regelmäßigen Atemzüge, die ihn trösten, ihm Sicherheit geben, ihn animieren, sich ihr wieder zuzuwenden, um nun endlich in den Schlaf des Vergessens zu fallen.

©Martin Bensen

Song

Ein schöner Augenblick, ein letzter Blick zurück
Du hast mich angeschaut, mir den Verstand geraubt
All die Jahre, die vielen Tage, sind so voll von dir
Es erleben, das volle Leben, nur mit dir – nur wir

Mit dir zu sein, heißt frei zu sein
Deine Zeit in meiner Zeit
Die Zeit zu zweit
Unsere Ewigkeit

Auf dem Weg ins Glück bleibt ein Stück von mir zurück
Es ist nicht für dich, ein Rest vom Ich, das anders war
All die Jahre, die neuen Tage, brauch ich nur noch dich
Es erleben, das volle Leben, nur mit dir – nur wir

Mit dir zu sein, heißt frei zu sein
Deine Zeit in meiner Zeit
Die Zeit zu zweit
Unsere Ewigkeit

–  Solo auf Strophe –

Mit dir zu sein, heißt frei zu sein
Deine Zeit in meiner Zeit
Die Zeit zu zweit
Unsere Ewigkeit

Ein Text von 2017 – die Melodie habe ich auch irgendwo. Wenn ich sie finde, könnte ein Song daraus werden.

©Martin Bensen

Sylvie (Concarneau)

Heiß, viel zu heiß. Das war so nicht ausgemacht. Bretagne geht anders. Dachte er. Ist den langen Weg gefahren, weil er genau ihr entfliehen wollte: der sengenden Hitze, die seit Wochen über dem Süden Deutschlands hängt. Der allem zusetzenden Trockenheit. Der lähmenden Trostlosigkeit. Hier an der Nordküste wollte er die bretonische Brandung spüren, rau und ungestüm. Frisch. Er hat auf das Tosen des Meeres gehofft, auf Gischt an Felsen, das Heulen des Windes, darauf, dass sich die Zunge endlich vom Gaumen löst, sei auch Salz auf den Lippen, dass das Wetter bretonisch ist – ruppig und kalt. Solcher Art scheint aber nur die Katze zu sein, die ihn unvermittelt anfaucht.
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Dein Liebesbrief

Dein Brief, dein Liebesbrief
Worte einer anderen Zeit
Verblasst ist diese Tinte
Angegraut wie das Papier

Ob ich den Brief kopiere?
Ihn scanne, digitalisiere?
Dann wäre er nicht mehr
Dein Brief, dein Liebesbrief

Ob ich mir die Worte merke?
Sie in mein Herz einschließe?
Wie damals, nicht so gierig
Als es von dieser Liebe brannte

Nur Narben sind geblieben
Wehmut nur wie kalter Rauch
Ein bloßes Echo unserer Liebe
Ein Ende, das den Anfang frisst

Deine Worte, deine lieben Worte
Verblassen doch wie Zaubertinte
Dein Brief, dein Liebesbrief
Vergeht. Wie das Leben. Die Liebe.

©Martin Bensen

Wei(na)ch(t)en

Fünf Tage schon. Jeden Tag zur selben Zeit. Pünktlich. Das war nicht leicht, denn er kann nicht einfach Feierabend machen, wann es ihm passt. Zweimal hat seine Abteilung spontan späte Meetings angesetzt. Er hat sich entschuldigen lassen. Das macht einen schlechten Eindruck. Aber er musste einfach die Straßenbahn um 17:02 Uhr erreichen. Ankunft Charlottenplatz um 17.25 Uhr. Dort wird die Frau einsteigen. Heute wird sie es schaffen und er wird sie endlich wiedersehen. Richtig sehen. Es kann gar nicht anders sein. Weiterlesen

Liebestöter

Ich stoße mein Messer
In dein Herz
Schäle Schicht für Schicht
Eitelkeit und Stolz hinweg
Verletzung und Enttäuschung
Stoße unter Tränen vor ins
– Nichts

Was hast du dir und mir getan
Fragst du
Verletzt, enttäuscht bist du
Durch mein eitles grobes Tun
Nackt und schutzlos welkt nun
Was warm umhüllt nur keimt
– Liebe

©Martin Bensen

Montpellier

(Ein Kapitel aus meinem neuen Romanprojekt,
das in den Achtzigern spielt)

»Warum hast du denn nicht angerufen, du Heiopei?« Rike trägt ihr Herz auf der Zunge wie viele aus dem Ruhrpott. Heiopei (ungefähr: Dummkopf oder Trottel) ist ein typischer Ausdruck von da. Rike benutzt ihn oft und gerne, und Tom hat gleich heimatliche Gefühle. Sie will ihn gar nicht loslassen, ihr Kopf liegt an seiner Brust, sein Rucksack zu seinen Füßen.
Sie stehen unter der hellen, nackten Glühbirne in der Wohnküche ihrer WG, halten sich in den Armen, als ob es nie eine »Sendepause« zwischen ihnen gegeben hätte und ein bisschen auch, um ihre Verlegenheit zu überspielen. Er hat sie vermisst, ihr spitzbübisches Lächeln, ihren frechen Blick, ihre offenherzige Art, die ihm bei ihrer ersten Begegnung gleich aufgefallen sind. Das war im Oktober 1982. 

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