Die weiße Lady

An jenem Abend, als ihr Mann auf den Berg stieg, blickte sie ihm vom Dorfplatz aus lange nach. Aber erst als über seinem Pfad ein blutroter Mond aufging, wusste sie, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor.

Anders als ihre Altersgenossinnen im Ort hatte sie noch immer keine Kinder. Doch sie war ja noch jung, sagte sie sich, trotzig ob der Blicke der anderen Frauen. Sie waren ohne Mitleid, beinahe schadenfroh. Will wohl was Besseres sein, hörte sie sie flüstern, nichts kann sie ihm geben, ein Trockengewächs, schön zwar, aber dornig.

Die älteren Frauen erbarmten sich ihrer, machten Pulver, verabreichten ihr Kräuter und Samen, einen Sud aus geheimen Zutaten, der habe auch ihnen geholfen. Doch bei ihr versagte all das. Sie musste aufpassen, sie bei Laune halten, sie konnte sie zum Lachen bringen, aber sie fürchtete zugleich, dass Mitleid und Verachtung in Zorn umschlagen – dass sie eines Tages sogar verstoßen werden könnte. So kümmerte sie sich, half, wo sie konnte, doch nichts war den anderen recht, im Gegenteil: Unerbittlich redeten die Dorffrauen auf sie ein, ermahnten sie wie ein kleines Kind. Sie solle lieber für ihren Mann sorgen, ihm zu Diensten sein, ihm vor allem Nachwuchs schenken. Nichts anderes versuchte sie, umsorgte, streichelte, lockte ihn, gab sich ihm mit großer Hoffnung hin, bis sich seine Lust in ihr ergoss.

Er hatte nie über seinen Körper nachgedacht, nicht als Werkzeug und nicht als Versprechen. Doch abends, wenn er vom Busch zurückkam, blieb er manchmal im Eingang stehen und sah sie an, ohne etwas zu sagen. Sie spürte das, ohne hinzuschauen. Die anderen Männer kamen nach Hause und setzten sich. Er stellte das Feuerholz ab und fragte, ob er helfen könne. Die Mädchen im Ort sahen das. Sie sahen es alle.

Ihre Liebe war stark, aber das war auch der Granit im Damaraland, der Gebirgsgegend, in der sie lebten. Nirgendwo ausreichend Wasser, kaum genug Nahrung zum Leben, Mais als Brei, Ziegenmilch, ab und zu Fleisch. Mehr überleben als leben. Tag um Tag wurde er trauriger. In der Nacht weinte er leise, sein abgewandter Körper bebte, sie tat, als schliefe sie, doch auch ihr Herz war schwer. Es sollte noch schwerer werden. Tagsüber ging er in den Busch, wo er seinen Gedanken nachhing, die Ziegen fanden ihren Weg allein und selbst in der Halbwüste genug zu fressen, er staunte immer wieder darüber. Das Abendessen rührte er nicht an. Ihm gehe es nicht gut, sagte er, lächelte sie an, wollte zuversichtlich erscheinen, doch seine Augen strahlten nicht. Als die Sonne unterging, nahm er seinen Stock.
»Geh nicht!«
»Ich muss.«

Sie spürte und roch seine Haut noch, als seine Gestalt längst zwischen den mächtigen Steinen verschwunden war, die jetzt wie die Glut ihres Feuers leuchteten, und wie der Himmel darüber. Stille senkte sich über das Dorf, die Grillen verstummten, später auch das Gemurmel in den Hütten, Kinderweinen, und endlich auch ihr Schluchzen auf dem Lager, das ohne ihn so leer war.

Er erklomm Stein um Stein, ließ die letzten Dornensträucher hinter sich. Er fühlte sich stark, er war stark.
Als Fremder war er in das Dorf gekommen, in seinem gefiel ihm keine Frau. Er hatte nur kurz bleiben wollen, hatte nicht damit gerechnet, jemanden zu finden. Die Liebe erwischte ihn kalt. Das Mädchen hatte im Eingang ihrer Hütte gestanden, als wollte es sich hinter den anderen jungen Frauen verbergen, die sich ihm zeigten, ihn neckten und umgarnten. Anders als diese anmutige Frau dort hinten. Ihre Blicke trafen sich, ein Funke sprang über.
Sie heirateten im Dorf. Seine Braut weinte anschließend in ihrer Hütte. Ein lästiges Fest sei es gewesen, lustlos sei getanzt und gesungen worden und viel zu früh seien alle gegangen, ihre Ehe stehe unter keinem guten Stern. Sie redete sich in Rage, er ließ sie, sprach ruhig auf sie ein, davon, dass er sie mitnähme, schon morgen könnten sie sich auf die Reise machen. Vielleicht sogar in die Hauptstadt, nach Windhoek, er habe eine gute Bildung, könne Englisch und Afrikaans. Da wurde sie noch wütender. Nein, sie wolle hier glücklich werden, mit ihm. Sie sei so stolz, den besten Mann auf Erden zu haben, aber wenn er sie nur als Trophäe wolle, könne er gleich gehen. Zärtlich legte er seinen Finger über ihre Lippen, ich will sein, wo du bist. Dann küsste er sie lange. Die Hochzeitsnacht wurde wunderschön.
Er hatte nie bereut, geblieben zu sein. Obwohl auch er gehadert, unzählige Male wach gelegen und gebangt hatte. Er hoffte, dass aus dem, was er ihr so lustvoll gab, ein Kind wuchs und sich der sehnlichste Wunsch des Paares endlich erfüllte. Sein Verstand war gebildet genug, dass er bei allem Aberglauben und den Traditionen zuwider die Möglichkeit in Betracht zog, es könnte an ihm liegen. Der Gedanke bedrückte ihn und, einmal geboren, brannte er in seinem Kopf wie der Saft des Milchbuschs auf der Haut, er war immer da und machte ihn verrückt. Dann hörte er von der Weißen Lady.

Geologen hatten sie vor anderthalb Jahren in einer unzugänglichen Gesteinsspalte zwischen mächtigen Granitblöcken entdeckt: eine Steinzeichnung, die sich von allen anderen unterschied – statt in brauner Farbe und handtellergroß, sollte die Zeichnung strahlend weiß sein und sich beinahe plastisch von der Wand abheben, als wäre sie körperlich. Wie man sich erzählte, zeigte sich das Bildnis nur einen kurzen Moment um die Mittagszeit, wenn die Sonne in die Spalte schien. Drei Tage dauerte das Spektakel, dann passte der Winkel der Sonnenstrahlen nicht mehr und die Erscheinung blieb aus. Lachend hatte ein Dorfbewohner berichtet, wie Wissenschaftler mit Spezialausrüstung kamen, um in die Spalte zu leuchten. Was sie auch unternahmen, so hell ihr Licht auch strahlte: Die Weiße Lady kam nicht mehr zum Vorschein. Sie war auf einen Schlag erschienen und genauso wieder verschwunden. Wenn man sie wenigstens hätte dokumentieren können, aber es war wie verhext, sie ließ sich nicht abbilden. So gab es kein einziges Foto, stattdessen kursierten nur vage Schilderungen darüber, wie sonderbar die Weiße Lady wirkte, auf unwirkliche Weise lebendig, aber nicht wie ein Mensch, sondern wie eine Göttin. Gut, die Leute redeten viel, und trotzdem setzte sich der Gedanke einer magischen Kraft in ihm fest.

Er hatte geträumt, da war er noch zu Hause gewesen, alles hatte so realistisch gewirkt. Es war stockdunkel, er war eingeklemmt, schwere Steine drückten auf seinen Brustkorb, nahmen ihm die Luft. Dann geschah etwas Seltsames: Er erwachte und sah an seiner Schlafstatt eine helle Gestalt stehen, eine Frauengestalt von so hellem Licht, dass er geblendet wurde und die Augen schließen musste. Als er sie gleich wieder öffnete, war die Gestalt verschwunden. Seine Frau erwachte neben ihm. Ich glaube, stammelte er, ich habe die Weiße Lady gesehen. Er war nach draußen gegangen, doch da war nichts mehr. Das Dorf lag still im Mondlicht. Er erinnerte sich, dass er sehr hell geschienen hatte. Ein Vollmond. Da stand sein Entschluss fest.

Nichts konnte ihn abhalten, auch wenn sein Verstand sich immer wieder meldete, ihn zweifeln ließ, weil sich die Dinge um die Erscheinung in eine fatale Richtung entwickelten. Im Jahr nach der Entdeckung machte sich zur gleichen Zeit eine wahre Völkerwanderung auf, um die Weiße Lady zu sehen. In der Zwischenzeit hatte das Phänomen den Weg von Fachzeitschriften in Zeitschriften und sogar Reiseführer gefunden – und auch wenn die Weiße Lady seither nicht mehr erschien, gehörte ein Stopp bei der Granitspalte inzwischen zu den touristischen Programmpunkten. Die Behörden hatten schnell reagiert und einen massiven Zaun mit Eingangstor um die Stelle errichten lassen – Hunderte Arbeiter waren unter widrigsten Bedingungen und in kräftezehrender Handarbeit damit beschäftigt. Auch eine neue Schotterstraße führte Richtung Gebirge, allerdings war das unwegsame Gebiet dann immer noch zwei Kilometer entfernt. Ein schweißtreibender Pfad voller Felsblöcke musste bis zum Eingang gemeistert werden. Zweihundert namibische Dollar kostete der Eintritt. Wofür das Geld verwendet wurde, wusste niemand im Dorf zu sagen. Jedenfalls nicht für den Erhalt der alten Kulturen oder auch der einzigartigen Naturlandschaft. Nichts kommt bei uns an, sagten zornig die jungen Männer im Dorf. Die Alten schüttelten nur gleichmütig ihre Köpfe, man wolle kein schmutziges Geld, das habe man früher auch nicht nötig gehabt.
Solche Diskussionen ermüdeten ihn, sie führten zu nichts. Im Grunde lebten sie immer noch gut, auch wenn es zusehends schwerer wurde, die Menschen zu versorgen. Und vielleicht, dieser Gedanke kam ihm auf seinem mühsamen Weg, würde der Zauber der Weißen Lady, nicht nur seiner Frau und ihm helfen können, sondern allen Menschen hier, die im Einklang mit der Natur lebten – vielleicht war sie genau deshalb erschienen und womöglich zeigte sie sich nur den rechtschaffenen Menschen und gerade nicht solchen, die ein Geschäft damit machen wollten. Diese Hoffnung trug ihn, ließ seinen Verstand verstummen und kaum merken, wie sehr er keuchte.

Es ging nun steiler bergauf, manche Hürde musste er kletternd überwinden, große Steinblöcke mühsam erklimmen. Aber er war geschickt und ausdauernd. Außerdem konnte er sich auf seinen Instinkt verlassen, er roch Wasser schon auf einen Kilometer und mehr. Und er wusste, dass es hier Wasserbecken gab, die fast ganztägig im Schatten lagen und nicht so leicht austrockneten.
Erst vor zehn Tagen hatte es geregnet, sehr sogar – nach Monaten der Dürre. Sein Dorf hatte das ausgelassen gefeiert. Auch seine Frau und er hatten sich gefreut. Zugleich fragte er sich, warum alle noch so naturergeben waren, statt über moderne Techniken nachzudenken, die es ermöglichten, Wasser zu transportieren und zu sammeln. Für die Minen im Land wurde das ja gemacht, das hatte er in der Schule gelernt. Aber was hatte er schon zu sagen? Stand sein Glaube an Magie, an die Weiße Lady nicht auch im Gegensatz zur Vernunft und zum Fortschritt? Er wischte den Gedanken beiseite.

Als der Morgen graute und der wunderschöne, reiche Sternenhimmel mit zartem Blau übermalt wurde, hatte er den Berg erklommen. Obwohl er durstig war, setzte er sich auf einen der glatten Steine, um die Sonne zu begrüßen, so wie es die Vögel taten, die munter umherschwirrten. Wo sie in größerer Zahl zusammenfanden, musste Wasser sein. Doch jetzt genoss er das Farbenspiel im Osten: Hinter den rötlichen Felsen leuchtete es erst blau, dann gelb und schließlich wie pures Gold. Im Westen erstrahlten schon die Berggipfel, noch bevor die Sonne auch ihn in ihr warmes Morgenlicht tauchte. Es würde nicht allzu heiß werden, schließlich war noch lange nicht Sommer. Nur die Steine speicherten so viel Wärme, dass er sich möglichst schattige Pfade würde suchen müssen.
Beim Abstieg ins nächste Tal wiesen ihm die Vögel den Weg, sie stürzten hinab zu einer flachen Stelle, auf der es glitzerte, hoben gleich wieder ab, mit einem Schnabel voll Wasser. Was er zu seiner Freude fand, war ein wahrer See, mehr als genug Wasser für alle Lebewesen, zumindest solche, die hierher kommen konnten. Hier und heute war er mit den Vögeln allein. Er trank ausgiebig, wusch sich und setzte seinen Weg fort.
Wenn er den Beschreibungen glauben durfte, würde er bis zum Abend am eingezäunten Gelände ankommen. Wieso zog es ihn dorthin, wo er doch fast sicher sein konnte, dass auch ihm die Weiße Lady nicht erscheint? Und wenn doch: Was würde passieren? Was würde er tun?
In seinem Traum war sie einfach nur da gewesen, er musste nichts tun, er wusste nur, dass er zu ihr musste, bei Vollmond, denn in jener Nacht stand er so hell am Himmel wie eine fahle, kalte Sonne.
In der kommenden Nacht würde wieder ein voller Mond scheinen … Er hatte die Nächte gezählt, seiner Frau nichts gesagt – zu persönlich schien ihm alles, zu wertvoll und fragil, solange er keine Gewissheit hatte. Er hatte alles genau geplant, und er hoffte, dass sein Plan aufging.
Das Gebirge wurde unzugänglicher. Er kam langsamer voran als erwartet. Seine Kräfte schwanden, er musste häufiger verschnaufen. Als die Sonne schon sehr tief stand, begannen die Steine zu leuchten, und so nahm er zunächst nicht wahr, wie es inmitten der Gold- und Rubintöne silbrig glitzerte. Erst als ein Reflex direkt in sein linkes Auge fiel, realisierte er, dass er fast da war. Diese Aussicht verlieh ihm neue Kraft und während er behände über Steine kletterte, wurde der Zaun immer markanter. Er bestand aus einer soliden Gitterstruktur, die Pfähle waren in Gesteinslücken getrieben und zusätzlich mit Zement versiegelt worden. Oben war der Zaun mit Stacheldrahtrollen gesichert. Ein Bollwerk. Uneinnehmbar.
Panik stieg in ihm auf. War am Ende alles vergebens, all die Mühe umsonst? Der Mut verließ ihn, er umkletterte müde und ohne große Hoffnung den Zaun. Ein letzter Sonnenstrahl durchdrang die Felsen hinter ihm, der rötliche Strahl durchbohrte die Steine wie ein Laser. So etwas hatte er irgendwo schon einmal gesehen und fast war er geneigt, zu glauben, der Strahl könne den Zaun zerschneiden. Nichts dergleichen geschah und doch entdeckte er jetzt etwas, das ihm wie ein Wunder erschien. Genau dort, wo das Licht jetzt verblasste, befand sich unterhalb des Gitters ein loser Felsblock. In diesem Moment war er davon überzeugt, alles richtig zu machen. Mit letzter Kraft schaffte er es, den Stein zur Seite zu rollen. Wie er vermutet hatte, befand sich dahinter ein Loch. Er war schon durch kleinere Öffnungen geschlüpft. »Bist du am Ende eine Schlange?«, hatte seine Frau einmal gesagt und lauthals gelacht. Du wirst wieder so lachen, dachte er, wir beide werden lachen und vollkommen glücklich sein.
Doch dann steckte er fest. Das Loch verjüngte sich nach innen wie ein Trichter. So sehr er sich auch mühte, er kam weder vor noch zurück. Ihm blieb die Luft weg. Wie in seinem Traum. Nur dass ihn jetzt Todesangst packte.
Du schaffst das!
Halluzinierte er oder war das die Stimme seiner lieben Frau?
Sieh mich an!
Ihr Gesicht erschien vor seinem.
Küss mich!
Er spürte, wie sich ihre Lippen an seine hefteten, an ihnen saugten. Der Sog wurde stärker, so stark, dass sein Körper weiter in den Trichter gepresst wurde und jetzt vollends kollabierte. Er spürte nichts mehr von sich, nichts tat ihm mehr weh. Dann glitt er hindurch. Augenblicklich pumpten sich seine Lungen voll Luft. Von Ferne ein Lachen. Das Lachen seiner Frau.
Sag ich doch: Schlange!

Etwas weckte ihn. Ein roter Mond ging auf, gab dem Stein eine entrückte Röte. Träumte er noch? Er besah sich das Loch hinter ihm, konnte es kaum fassen. Nicht einmal eine Ratte wäre hier durchgekommen. Und doch war er hier, innerhalb der Umzäunung. Keine Zeit zum Grübeln, er musste die Spalte finden. Obwohl das Gelände touristisch genutzt wurde, befand sich nirgendwo ein Schild, geschweige denn ein Weg. Ohnehin musste ja jeder, der zur Spalte wollte, gut bei Kräften und einigermaßen geschickt im Klettern sein. Erstaunlich also, dass so viele Menschen den langen Weg durch die Felsen auf sich nahmen. Er hatte die Straße von vorneherein gemieden, das Gebirge bot ihm den nötigen Schutz, niemand sollte ihm begegnen, ihm unangenehme Fragen stellen. Es reichte schon, dass sich das Dorf die Mäuler über sein heimliches Verschwinden zerriss.
Das musste sie sein! Die Spalte bildete das Zentrum der Einzäunung. Er erschrak vor den massiven Granitblöcken, die parallel zueinander schräg aus dem Boden ragten und nach innen hin einen vollständig schwarzen Schlund bildeten, dessen Tiefe schwer abzuschätzen war. Er war so ergriffen, vor diesem berühmten Monument zu stehen, dass er nicht wagte, einen Stein hineinzuwerfen. Was, wenn die Spalte bis ins Erdinnere führte? Der Gedanke machte ihm eine Gänsehaut. Wenn überhaupt, konnte Licht nur auf eine der beiden Innenseiten fallen, also suchte er sich eine Position, von der aus er diese eine Fläche beobachten konnte. Abwechselnd blickte er zum Himmel und in den Schlund. Schließlich lag er bäuchlings auf einem glatten Fels direkt oberhalb der Spalte. Jetzt nur nicht einschlafen. Er zwang sich wach zu bleiben, was nicht leicht war, weil er müde von den Strapazen und die Felsplatte noch wohlig warm von der Sonne war.

Der Schrei eines Vogels weckte ihn erneut. Er fuhr hoch, sah die schmale Spalte unter sich, den schwarzen Schlund, den knochenbleichen Vollmond direkt über sich. War er zu spät? Hatte er alles verpasst? Hart schlug er mit beiden Fäusten auf den Stein. Eine hilflose Aktion, Tränen stiegen ihm in die Augen. Durch den Schleier entging ihm nicht, dass die Schwärze einem Grauton wich. Auf einen Schlag war sie da. Gleißend hell, strahlend weiß und doch durchscheinend wie ein Geist – die Gestalt einer Frau, schöner als alle, die er je gesehen hatte. Wie schaffte es die Sonne, selbst über den Mond als steinernen Spiegel die weiße Lady erscheinen zu lassen?
Nur dir, hörte er sie sagen, nein, nicht sagen, er las es in ihren Augen, die so lebendig schienen, so gütig, dass er wieder weinen musste.
Geh nach Hause! Alles wird gut.
Aus dem Nichts verhüllten Wolken den Mond. Ein warmer Regen fiel, schwere Tropfen, die sich rasch verdichteten. Blitze zuckten über den Himmel, Donnergrollen rollte über die Berge. Wie gelähmt blieb er liegen, sein letzter Gedanke galt ihr – seiner großen Liebe, daheim in seinem Dorf.

Man fand ihn am Fuß des Berges, den er vor zwei Tagen bestiegen hatte. Starke Männer schleppten ihn ins Dorf, wo seine Frau die Hände über den Kopf zusammenschlug.
Drei Tage und drei Nächte pflegte sie ihren Liebsten, bangte um ihn, weil er nicht aufwachte und das Fieber nicht sank. Wieder kamen die alten Frauen, brachten ihren Sud, obwohl in ihren Augen keine Hoffnung lag. Doch am Morgen des vierten Tages schlug er die Augen auf und blickte sie klar an.
»Hunger«, sagte er und lächelte, in seinem Blick noch mehr, ein Verlangen nach ihr, nach Liebe.

Neun Monate später saß sie in der Mitte des Dorfplatzes, umringt von der ganzen Gemeinschaft. Die Freude um sie herum kam nicht in ihrem Herzen an. Sie hielt ihren Sohn vor der Brust, umklammerte das in Tüchern eingeschlagene Baby fast ängstlich. Gegen den Lärm, den Staub und das Ungestüm der Kinder, die nur zu gerne einen Blick auf das Baby geworfen hätten. Ihr Mann lachte ausgelassen, die anderen Männer klopften ihm auf die Schultern, während die Frauen sangen und tanzten. Am Ende war sie froh, als Regen einsetzte und alle in ihren Hütten verschwanden.
Abends lagen sie zu dritt nebeneinander. Sie sah ihn an, und er schien sofort zu begreifen. Sein Nicken. Ihr Lächeln. Ihr gemeinsames Glück. Aber nicht hier.

Die Gesteinsspalte gibt es heute nicht mehr. Dort, wo sie war, hatte sich zunächst ein Krater gebildet, feuerrot, als enthielte er glühende Lava. Anscheinend hatte das Loch alles verschlungen, auch die Umzäunung. Nicht allein vom Regen füllte sich das riesige Becken, das Wasser schien zugleich aus der Tiefe zu kommen, staute sich zu einem blau-grün glitzernden See mit klarstem Wasser.
Wieder rätselte die Fachwelt, wieder stand die Region im Mittelpunkt des Interesses. Die Regierung ließ einen Wanderweg anlegen. Der ist zwar gangbarer, aber immer noch anspruchsvoll. Viel wichtiger aber: Vom See führt heute eine Wasserleitung zu den Dörfern und selbst in entlegenere Ortschaften – hauptsächlich aber zu der neuen Fabrik, die Granit abbaut und zu transportablen Blöcken verarbeitet.

Kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes hat die Familie das Dorf verlassen. Zwei Kinder folgten. Für die zwei Töchter und den Sohn ist nun genug Platz, die Familie bewohnt eine der Hütten in der ausgedehnten Siedlung bei Walvis Bay, südlich von Swakopmund. Er arbeitet im Hafen, zum Glück nicht in den Minen. An den kleinen Werften gibt es viel zu tun und zu sehen, die Touristen stören ihn nicht, er kann verstehen, was auch sie an diesem Ort reizt: Der rote Sand der Wüste trifft auf das blaue Meer, und die Lagune bevölkern Robben und Pelikane, nicht weit davon tummeln sich Delfine, zur Freude der Bootsbesitzer.

Auch er liebt das Meer, doch oft schaut er hinter sich, nach Osten, auf die am Abend rot schimmernde Wüstenlandschaft, das Hinterland. Dann erinnert er sich an die massiven Felsen, die er so wenig vermisst wie das Dorf. Dort wären sie versauert.
Man muss weitergehen, denkt er, nach vorne, immer weiter. Die Natur macht es so, sie entwickelt sich fort, selbst was nicht lebt, verändert sich: die Dünen, die der Wind jeden Tag aufs Neue formt wie die Wellen des Meeres.
Von seiner Begegnung mit der Weißen Lady hat er nie erzählt. Seine Frau hat ihn auch nie gefragt, doch so manches Mal wissend gelächelt.

Martin Bensen