Erst ganz hinten hob das Flugzeug ab, verschwand wie eine Geistererscheinung im Nebel des Novembermorgens. Hier, wo ich stand, hatte er, der jetzt mit meinem Ticket flog, jeden Tag ausgeharrt. Wie sehnsuchtsvoll er durch das Panoramafenster gestarrt hatte, zugleich geduldig, lange bevor die Maschine nach Laos an den Start gehen würde. Nur ihr galt sein Sehnen. Ich habe es beendet, jetzt war es an ihm, dass sich sein einziger Wunsch erfüllt, sein letzter in diesem Leben.
Ich hatte mich in das Fast-Food-Restaurant begeben, der Aussicht wegen, hinter dem großen Fenster erstreckte sich der Besucherbalkon des Flughafens, der an diesem Morgen aber geschlossen war. Doch mit einem Kaffee konnte man sich nah genug heransetzen, um das Rollfeld zu überblicken, den Wechsel von Starts und Landungen zu beobachten. Mein Flieger ging erst am frühen Nachmittag, ich hatte noch viel Zeit. Besser so als gestresst, ich war gerne lange vor der Abreise am Flughafen, so oft flog ich nicht.
Den Mann am Fenster hatte ich erst gar nicht bemerkt. Er stand schräg vor mir, lehnte gegen die Säule, doch sein Körper wirkte seltsam angespannt – wie sein Blick, der den Horizont abzusuchen schien. Viel war nicht zu erkennen, der Nebel lichtete sich nur langsam, und wenn ein Flugzeug landete, war es erst kurz vor dem Aufsetzen zu sehen. Den Mann schien das nicht zu stören. Erst jetzt fiel mir auf, dass er kein Gepäck bei sich trug, überhaupt sah er aus wie ein Obdachloser, seine langen, gelblich-grauen Haare lagen kreuz und quer verklebt um seinen Kopf, als hätte er sich eine Mütze vom Kopf gezogen. Tatsächlich knetete er eine mit beiden Händen, die einzige Bewegung an diesem Mann mit dem schmuddeligen Mantel, den abgewetzten Hosen und den durchgetretenen Sneakers.
»Ist armer Mann, aber guter Mann.« Ein osteuropäischer Akzent. Die Servicekraft schüttelte den Kopf, nahm meine leere Kaffeetasse vom Tisch.
»Was ist mit ihm?«, fragte ich schnell.
Die Frau winkte ab. »Vermisst sie sehr«, raunte sie mir zu. »Ist jeden Tag hier, jeden Tag.« Kopfschüttelnd wandte sie sich ab.
Ich hatte den Mann nicht aus den Augen gelassen. Er bemerkte es. Für eine Sekunde trafen sich unsere Blicke, seiner warf mich um. In diesem einen Augenblick lag ein stumpfer Schmerz, in dem so etwas wie Hoffnung aufblitzte, ein Leuchten, fast wie Flehen, das mich völlig unvorbereitet traf. Es hielt mich nicht länger auf meinem Platz.
»Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?«, sprach ich ihn an.
»Dürfen Sie«, sagte der Mann, der jünger klang, als er aussah, und mich freundlich anlächelte.
Ohne zu zögern, setzte er sich auf meinen Platz. So habe er das Geschehen im Blick, sagte er mit einem Seufzer, die Augen unverwandt nach draußen gerichtet, die Mütze auf dem Schoß.
Ich bestellte zwei Kaffee und ein Croissant für den unbekannten Gast an meinem Tisch. Auch das nahm er dankbar an, aß es mit Appetit, den Kaffee laut schlürfend. Ich trank vorsichtig, blickte wie er nach draußen. Als sein Teller und seine Tasse leer waren, rieb er sich den Bauch und sah mich zum ersten Mal richtig an, ruhig, fast vertraut, als wäre ich ein alter Bekannter. Er hatte klare blaue Augen, als junger Mann war er wohl sehr hübsch gewesen. Sein Gesicht hatte eine symmetrische Form, Nase und Mund waren so ebenmäßig, dass selbst die Falten sie mehr umschmeichelten als entstellten, eine Rasur würde Wunder bewirken. Ich fragte mich, wie alt er war, wahrscheinlich nicht älter als sechzig.
»Und? Wohin geht die Reise?«, fragte er, sein Blick wechselte rasch zwischen mir und dem Fenster. Es machte mich etwas nervös.
»Nach Laos«, sagte ich und augenblicklich verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen.
»Lao, ach ja …« Wie weich seine Stimme klang. Liebevoll.
»Sie kennen Laos, scheint mir.«
»Kennen … ja.« Seine Miene verfinsterte sich unversehens. »Danke«, sagte er knapp und wollte schon aufstehen.
»Wollen Sie …« Ich berührte seine Hand, was ihn sichtlich irritierte, sodass ich sie schnell zurückzog, aber ich wollte ihn nicht gehen lassen. »Möchten Sie mir davon erzählen?«
Der Mann zögerte, sah fast panisch zum Fenster, als entginge ihm dort draußen etwas, als hielte ich ihn von etwas Wichtigem ab. Dann plötzlich ein bitterer Blick zu mir.
»Sie verpassen noch Ihre Maschine«, knurrte er.
»Oh, das glaube ich nicht. Ich habe noch fast drei Stunden Zeit.«
»Ich weiß«, sagte er, jetzt sanfter. Er setzte sich wieder.
Ich zögerte, sagte es dann doch: »Ihr Blick … Er hat mich berührt. Ist Laos so schmerzhaft für Sie?«
»Nicht Lao … Das Land ist mein Leben.« Der Mann sah mich durchdringend an. »Aber ich darf dort nicht sein. Nicht mehr.« Er wandte sich wieder zum Fenster. »Ich war so jung wie Sie, als ich sie fand.«
Mit leiser Stimme begann er zu erzählen, und ehe ich es mir versah, tauchte ich nicht nur in sein vergangenes Leben ein, sondern auch in eine ferne, fremde Welt. Sie würde mir sehr nahekommen, aber das ahnte ich da noch nicht. Und so erzähle ich seine Geschichte mit dem späteren Wissen, mit Details, die er mir auf andere Weise anvertraute: mit seinem Tagebuch. Er hatte gegen sein schweres Schicksal angeschrieben, in der Hoffnung, dass es sich zum Guten wendet. Dieser Moment schien gekommen zu sein, als er mir das Buch gab.
Aber von vorne:
Mai hatten sie ihn genannt, Mai für Mike, eigentlich Michael, Verschlusslaute am Ende eines Wortes lassen die Laoten offenbar gerne weg, vielleicht klingt die fremde Sprache zu hart in ihren Ohren, Trauma aus einer anderen, nicht vergessenen Zeit, Laute wie Schüsse, das zischende »S« in Laos. So weich wie ihre Sprache ist ihr Gemüt, ihre ganze friedfertige Persönlichkeit.
Mike fühlte sich schnell zu Hause in »Lao«, den Menschen verbunden wie kaum denen eines anderen Landes, und obwohl Laos ihm am Anfang erschien wie ein Land mit Grauschleier, anders als das gefällige, touristisch schon erschlossene und dadurch auch teils verdorbene Thailand, lernte Mike bald die eigenen Qualitäten des Nachbarlandes ohne Meer schätzen, das einfache, fast unschuldige Leben am Fluss. Er blieb in Luang Prabang, der Stadt an zwei Flüssen, wohin sich Mitte der Neunzigerjahre nur wenige Rucksacktouristen wie er verirren, wo er sie kennenlernte, seine erste, seine einzige Liebe.
Mike wollte nicht gleich durchstarten, nicht gleich in den Beruf einsteigen. Er, der angehende Lehrer für Deutsch und Geschichte, wollte zuvor die Welt bereisen. Ein kleines Erbe verschaffte ihm den finanziellen Spielraum. Dass er ausgerechnet in Laos hängen bleiben würde, hatte er sich nicht ausgemalt. Am Ende aber war er aus Thailand geflüchtet, auch von Vientiane, der laotischen Hauptstadt an der Grenze, und weiter nördlich, in Luang Prabang, gelandet. Hier war ihm alles recht, hier fand er schlagartig Ruhe. Die freundlichen Menschen begegneten ihm herzlich, verehrten ihn beinahe, den hochgewachsenen Blonden mit den blauen Augen. Selbst die sonst so zurückhaltenden buddhistischen Mönche lächelten ihn an. Er aber wunderte sich, dass sie, obwohl es ihnen eigentlich verboten war, Geld annahmen, also eigentlich »in der Welt« statt in ihrem Glauben lebten. Nur eine kleine Irritation, nicht wichtig für Mike, der ihre heilsgewisse Gelassenheit bestaunte, einen ganz in sich selbst ruhenden Frieden, den Mike immer schon gesucht hatte und hier in Laos, an diesem Abschnitt des Mekong, endlich fand.
Den »Siddhartha« lesend, hatte er am Fluss gesessen, sich wie der Lernende Buddhas in seinem Fließen verloren, als er die junge Frau entdeckte, wie sie am Ufer Wäsche eintauchte und walkte, die nassen Bündel neben sich legte, um sie noch einmal zu spülen, triefend in einen Korb tat, den sie hochhob – da war er zur Stelle, er bot ihr seine Hilfe an, durfte den Korb tragen, aber nur an der einen Seite, die andere hielt sie, sie zog ihn samt Mike in ihre Richtung, während das Wasser unten herauspladderte, eine Spur in den rötlichen Staub legte, zu einem Haus mit einem weiß-gelb blühenden Baum davor, einem Frangipani, dessen Duft ihn augenblicklich betörte. Umso härter der Aufprall, als sie den Korb losließ, auf einer Steinplatte, von der ein Pfahl hochragte, an dem sich oben Wäscheleinen verzweigten. Er sah die junge Frau fragend an, doch sie schüttelte den Kopf und jetzt erkannte er, wie schön sie war, die Augen fast mandelförmig, ihr Mund wie ein Herz, rot zur hellen Haut, heller als die der meisten Menschen hier, und erst ihr Haar, seidig glänzend, tiefschwarz. Ein scheues Wesen, ängstlich.
»Please go!«, sagte sie. Er hörte das Flehen in ihrer Stimme, sah ihr Zittern, während sie sich hektisch zu ihrem Haus umsah.
»Luk Sao!« Eine männliche Stimme.
»My father. Please go. Go!« Sie schob ihn weg, eilte zum Haus.
Mike betrachtete den Korb mit der nassen Wäsche. Er hätte ihr so gerne geholfen, aber er wusste, dass er gehen musste.
In den folgenden Tagen war er immer wieder am Fluss. Das Haus des Mädchens mied er. Er hoffte, dass sie kommt. Freiwillig. Es wäre ein Zeichen. Dass auch sie ihn mag. Wie er sie. Mehr noch: Er hatte sich in sie verliebt. Keine Nacht verging ohne Träume von ihr, nicht alle waren schön. Die Realität brach ein, die Stimmen in seinem kargen Guesthouse, der frühe Lärm von draußen, der beißende Gestank nach kokelndem Holz, das Stöhnen vom Paar nebenan, es trieb ihn noch in der Nacht hinaus, aber auch am Fluss störte ihn das Leben, das Dröhnen der Bootsmotoren, erst gegen Mittag wurde es still. Und heiß. Auch Mike suchte Schatten, fand ihn in einer Garküche. Er bestellte sich ein großes Beerlao und Reis mit Gemüse. Seit er hier ist, hatte er kein Fleisch mehr gegessen, aber er trank viel, bildete sich ein, dass Bier ihn beruhigt, ihn nicht betäubt wie der Reisschnaps aus den Plastikflaschen, dass es ihn durchströmt wie der Fluss, an dem Siddhartha sitzt, ein wenig auch seine Leidenschaft dämpft, seine Einsamkeit, die er jetzt umso härter empfand. Mit wem sollte er auch reden? Die wenigen Touristen blieben unter sich, zogen schnell weiter. Hier fand er keine Freunde, keinen Anschluss.
Sie kann Englisch, fiel ihm plötzlich ein. Ob sie das in der Schule gelernt hat? Überhaupt wirkte sie so anders, so wach und verständig unter den einfachen Menschen hier. Und ausnehmend schön. Er sehnte sich nach ihr, nach ihrer Nähe. Dann war sie da.
Erst glaubte er an ein Trugbild. Aber sie war es. Sie servierte ihm das Bier, öffnete die Flasche, schenkte ihm sogar ein. Sie lächelte, blickte ihn an, vielsagend – oder täuschte er sich?
»Enjoy«, sagte sie und verschwand im hinteren Teil des offenen Raumes, wo es dunkler und wohl auch noch kühler war.
Doch wenig später, als sie ihm den Teller mit dem Reisgemüse hinstellte, flüsterte sie ihm etwas zu.
»Tonai, Mae Nam Khong, you know, where …«
Er verstand erst nicht, traute seinen Ohren nicht, dann war er sich sicher: Sie würde am Mekong sein und auf ihn warten, heute Abend, »tonai« meinte wohl tonight. Sein Herz begann, wie wild zu schlagen, der Puls schnürte ihm den Hals zu, er konnte nichts essen, nicht einmal von dem Bier trank er. Er legte ein paar Kip-Scheine auf den Tisch und verließ das Lokal.
Der Nachmittag hing fest wie Klebreis, die Zeit wollte nicht vergehen, ihm war schlecht. Er durfte jetzt nicht schlappmachen. Dann endlich ging die Sonne unter, da war er schon am Fluss, er wusste ja, wo. Lange glühte der Himmel nach, bis sich endlich Dunkelheit über den Mekong, das Reisfeld und die bewaldeten Berge senkte und auch die Zikaden zur Ruhe kamen. Immerhin etwas Natur, er vermisste die Vögel, aber die fangen sie hier, essen sie oder verhökern sie auf dem Markt wie alle möglichen Tiere – schon tot oder gerade noch lebendig.
Es hatte abgekühlt, doch Mike fühlte sich heiß, fast fiebrig. Er glühte, als sie erschien, sich gleich neben ihn in die Böschung setzte, als kennten sie sich schon eine Ewigkeit, als läge gar nicht fern, dass sie noch in fünfzig Jahren hier säßen, sich still und einmütig erinnerten an ihre erste Begegnung, als sich ihre Hände fanden, sich lange hielten.
»Louksao«, flüsterte er an ihrem zweiten Abend. Hatte diese männliche Stimme im Haus sie nicht so gerufen?
Sie schüttelte den Kopf. »No, no«, lachte sie. »My father say. Louksao is daughter. I‘m Thipphachan.« Sie zeigte auf den hellen, fast vollen Mond.
»Better say Pimai.«
»Mike«, sagte er und tippte sich an die Brust. »Only Mike. Or just Mai.«
»Mai«, lachte sie, hielt sich erschrocken den Mund zu. »Mai and Pimai.«
Da haben sie sich das erste Mal geküsst. Er nahm sie in den Arm, spürte ihren Körper wie etwas Zerbrechliches, sich im selben Moment aber voller Kraft aus der Umarmung wand.
»Not more«, sagte sie leise, aber bestimmt. »Not yet.«
Er respektierte das, wenn auch enttäuscht.
»I’ll be waiting«, sagte er.
Mike spürte ihre Zuneigung, ihre Erregung. Sie braucht Zeit, dachte er, und er hoffte, dass sich ihre Liebe entwickelte.
Am dritten Abend trafen sie sich wieder am Fluss, diesmal verwehrte sie ihm auch den Kuss. Unter Tränen versuchte sie ihm zu erklären, dass sie sich nicht mehr sehen dürften. Es wäre nicht recht. Man würde sie bestrafen, auch ihn. Doch dann fiel sie in seine Arme, küsste ihn doch, ließ ihn wieder los. Sie reckte sich nach oben, pflückte zwei Blüten aus dem Frangipani-Baum, hielt ihm eine hin. Mit ernster Miene zog sie ihn zum Ufer, schaute sich vorsichtig um. Dann nahm sie seine Hand mit der Blüte, führte sie ans Wasser wie ihre.
»Let go«, flüsterte sie und ließ los – so wie er auch.
Arm in Arm sahen sie zu, wie der Fluss sie davontrug, zwei weiße Sterne, innen gelb, sie kreisten umeinander wie bei einem Tanz, vereinigten sich, kurz bevor sie im Strudel einer Stromschnelle untertauchten.
Am vierten Abend passierte es: Sie wurden beobachtet. Das leise Plätschern, sicher nur ein Fisch, sagte er, oh no, sagt sie, oh no, rasch umhüllte sie ihren Körper, war weg, bevor er sich auch nur aufrichten konnte, sich anziehen, als das Boot zu ihm ans Ufer stößt, der Mann schreiend auf ihn zustürzte, ihn nicht zu packen kriegte, nur sein Hemd, sodass er fliehen konnte, davonrennen, mit bloßem Oberkörper sein Guesthouse erreichte, wo er seine Sachen zusammenraffte, panisch, nur weg von hier, irgendwohin, wo er in aller Ruhe nachdenken konnte. Doch am Ausgang warteten schon zwei Männer. Sie sahen nicht aus wie Polizisten, aber sie packten ihn so, zerrten ihn zu einem Tuktuk, auf die Ladefläche, keilten ihn dort ein, ihre Griffe zeugten von einiger Körperkraft, schon setzte sich das Fahrzeug in Bewegung.
Mike war wie gelähmt. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Immer wieder sah er den Schatten auf sich zuspringen, den Mann aus dem Boot, er spürte noch die Griffe der zwei Männer, die ihn zur Polizeistation geschleppt hatten, die Fahrt über eine holprige Straße, wie die, über die er aus Vientiane hierher gekommen war, eine halbe Weltreise, da war noch alles gut gewesen. Aber da kannte er Pimai noch nicht.
»Nan lè! Pimai!« Obwohl sich die Stimme überschlug, erkannte er sie. Sie gehörte dem Mann in dem Haus, Pimais Vater. Er riss die Tür auf, wollte sich auf Mike stürzen, doch zwei junge Polizisten hielten ihn zurück, führten ihn hinaus. »Nan lè«, hörte er wieder, bevor die Tür zugeschlagen wurde.
Zwei Stunden vergingen. Mike hatte Durst, der Raum war fensterlos, stickig und heiß. Immerhin hatte man ihm keine Handschellen angelegt, ihn nicht am Stuhl fixiert – es hätte ihn nicht gewundert. Die Tür öffnete sich erneut. Die zwei Polizisten kamen herein, begleitet von einem dritten Mann, er sah europäisch aus, trug einen leichten Anzug, der ihm eine förmliche Note verlieh. Sein Blick war nicht gerade freundlich, als er Mike eine Wasserflasche reichte und »Guten Tag« murmelte. Er könne froh sein, dass man ihm hier nicht den Prozess mache, sagte der Mann mit vorwurfsvoller Miene, er vermied es, Mike anzusehen, dafür starrten ihn die zwei Polizisten umso hasserfüllter an.
»Wie idiotisch von Ihnen.« Der Mann räusperte sich. »Machen Sie bloß, dass Sie wegkommen, ich regel das hier.«
Mike wollte wissen, was los war, fiel aus allen Wolken, als er erfuhr, dass seine liebe, schöne Pimai erst sechzehn Jahre alt war. Doch das war noch nicht alles. Er habe ihr Gewalt angetan, lautete der Vorwurf. Als Mike aufsprang, sich rechtfertigen wollte, griffen die Polizisten schon zu ihren Pistolen, doch der Deutsch sprechende Mann hob die rechte Hand, legte den Zeigefinger der linken über seine Lippen, und Mike wurde klar, dass er keine Chance hatte. Dass ihm nur noch die Flucht blieb.
»Thipphachan, Strahlender Mond … Wie oft habe ich ihren Namen gerufen, auch Pimai, was Neujahr heißt. Aber es half ja nichts.« Mikes Blick war längst nicht mehr auf das Rollfeld gerichtet, die Start- und Landebahn weiter hinten, heller jetzt, eine fahle Sonne vertrieb den Nebel nur langsam. Der Mann blickte wie abwesend durch mich hindurch. Der zweite Kaffee war über sein Erzählen kalt geworden. Inzwischen musste die Maschine nach Laos eingetroffen sein. Aber es schien Mike nicht mehr zu interessieren. Tränen glitzerten in seinen Augen.
Er hatte sie nie wieder gesehen, nie wieder von ihr gehört, obwohl er über die Jahre auch im Internet nach ihr fahndete, in Foren Rat suchte, wo man ihm, wie anfangs auch ein Anwalt, dringend abriet, tätig zu werden oder gar noch einmal nach Laos zu reisen. Unterschwellig unterstellte man ihm das Gleiche wie die Einheimischen in Laos, und so wurde Mike vorsichtiger, er mied erst recht die sozialen Medien, hütete sich davor, etwas über sich und sein Schicksal preiszugeben – dort gibt es nur Hass, das wusste er. Er fühlte sich nicht wie ein Verbrecher, war es wohl auch nicht, obwohl er seinen Rauswurf moralisch nachvollziehen konnte. Er verstand auch, dass der Vater seine minderjährige Tochter schützen wollte. Das musste er. Wie aber konnte er ihn oder sonst jemanden von seiner aufrichtigen Liebe überzeugen, davon, dass Pimai sie doch auch empfand? Oder etwa nicht?
Nach der Verzweiflung kamen die Zweifel. Irgendwann hatte er zu trinken begonnen, es erschien ihm unausweichlich – ausweglos, auch das, was der Alkohol anrichtete: die Entlassung, der soziale Abstieg bis in die Obdachlosigkeit. In Vollmondnächten sah er zum hellen Schein hinauf, flüsterte leise »Thipphachan«, was ihn nicht tröstete, nur seine Sehnsucht noch verstärkte, den fortwährenden Schmerz, den er auch mit Schnaps nicht betäuben konnte. Sie ließ ihn nicht los, diese Frau, der er alles Glück wünschte, dort am Mekong, ihrem Fluss – dort, wo sie beide hätten glücklich werden können. Was hätte noch aus ihr werden können an seiner Seite, aus ihm an ihrer Seite. Was hätten sie für ein Leben haben können, hier in Deutschland oder in Laos, er hätte sich auch ihrer kleinen Welt gefügt – wenn sie doch nur hätten zusammenbleiben können.
Irgendwann hatte Mike begonnen, wenigstens seine Gedanken auf die Reise zu schicken, wenn er sie schon nicht unternehmen konnte, weil ihm nun schlicht die Mittel fehlten. Er wurde Dauergast am Flughafen, man ließ ihn, hatte Mitleid, gab ihm, was übrig blieb, auch wenn er ja nicht deswegen kam. Wenigstens die Zeit ist gnädig, die Vorwürfe von damals verblassen, übrig blieb seine Liebesgeschichte – und sie sprach sich herum. Ohne ihn zu fragen, hörte sich jemand von den Behörden um, erfuhr, dass offiziell nichts gegen Mike vorlag, weder auf nationaler Ebene, noch in Luang Prabang, der Stadt, die kurz nach seinem erzwungenen Weggang Unesco-Weltkulturerbe geworden war und seither ein touristischer Magnet war. Auch das machte Mike mutlos, bestimmt hatte sich dieses außergewöhnliche Mädchen, der strahlende Mond, in dem aufstrebendem Land zu einer Persönlichkeit entwickelt, hatte jemanden kennengelernt, einen Mann, der zu ihr passte, und mit ihm eine Familie gegründet. Er hoffte ja für sie, dass sie ihren Weg machte, Erfolg haben und gutes Geld verdienen würde, er hoffte das auch ein wenig für sich. Wenn sie ihn noch liebte, würde sie dann nicht die Mittel haben, ihn zu suchen? Würde sie dann nicht alles daransetzen, nach Deutschland zu kommen, zu ihrer Liebe?
Je mehr Zeit verging, desto mehr zweifelte er. Ob sie überhaupt noch an ihn dachte? Doch tief in seinem Herzen konnte nichts seine Liebe erschüttern, sie zog ihn jeden Tag an den Flughafen, in besonders hoffnungsvollen Momenten, nach manchem Wunschtraum, sogar in den Ankunftsbereich. Dabei wäre das gar nicht mehr nötig, inzwischen würde man ihn informieren, wenn eine Thipphachan auf der Passagierliste stände. Aber alle verstanden, dass er den Ort der Sehnsucht und der Hoffnung brauchte. Und alle waren auf seiner Seite, ein eingeschworener Kreis, ein bisschen auch Familie, nach außen hielten sie dicht. Vielleicht wäre seine Geschichte sonst in der Presse gelandet, vielleicht hätte man ihm Geld dafür angeboten, doch dazu wollte man es keinesfalls kommen lassen – ganz sicher hätte es ihm geschadet.
Wer auch immer den Einfall hatte: Einmal, es ging auf Weihnachten zu, legte das Flughafenpersonal zusammen. Als Mike das Ticket nach Laos in Händen hält, rannen dicke Tränen über seine Wangen, dann wurde er blass, brach zusammen. Im Krankenhaus fand man nichts – nichts Organisches. Sein Herz sei sogar besonders stark, hieß es. Oh ja, dachte Mike traurig, es hält mich am Leben, aber es kommt um vor Liebe.
»Überfordert war ich.« Der Mann senkte den Kopf. »Als ich entlassen wurde, war das Ticket natürlich perdu, da war man selbst hier an der Quelle machtlos. Und enttäuscht natürlich, wie ich. Was soll’s, Chance verpasst.«
»Das glaube ich nicht.« Einem spontanen Gedanken folgend, ging ich mit Mike hinunter zum Schalter. Bedauerlicherweise sei die Maschine komplett ausgebucht, war die Auskunft, doch als ich kurzerhand mein Ticket anbot, öffneten sich alle Türen, die Überschreibung auf Mike war reine Formsache, alle sahen mich dankbar an, selbst beim Sicherheitspersonal hob sich verstohlen mancher Daumen. Und Mike? Er lächelte so glücklich, sein ganzes Gesicht strahlte, während ihm gleichzeitig die Tränen über die Wangen liefen. Er ließ sich von allen drücken und küssen und verschwand so beseelt hinter den Kontrollen, dass auch ich eine Träne verdrückte.
»Warten Sie«, rief eine Frau aus dem Sicherheitsbereich.
Sie hielt ein Buch hoch, das sie mir an der Warteschlange vorbei in die Hand drückte. Mikes Tagebuch.
Ich plante kurzerhand um, machte Urlaub an den winterlichen Stränden der Nordsee, traf einen alten Freund, der dort lebte, löste damit sogar ein Versprechen ein, denn wir hatten uns seit dem Studium nicht mehr gesehen. Wir unternahmen lange, nasskalte und doch seelenwärmende Strandspaziergänge. Wie ich war er noch auf der Suche nach der einen, großen Liebe, an die ich bisher nicht geglaubt hatte – bis ich Mike traf und sein Tagebuch las.
Ein Jahr später sitze ich wieder mit einem Kaffee vor dem Panorama-Fenster des Flughafens. Ohne Mike. Ein gutes Zeichen.
Der Flug über Hanoi nach Laos ist lang, aber angenehm.
In Luang Prabang buche ich mir einen Deutsch sprechenden Reiseleiter und gehe mit ihm zur Polizei, wo ich ohne Scheu nach dem Vorkommnis von damals frage. Ein älterer Beamte erinnert sich daran, will aber nichts weiter dazu sagen. Nein, etwas Schriftliches gebe es nicht, es sei nichts in den Akten gelandet. Man habe das alles unbürokratisch geregelt.
Und zwei Menschen die Zukunft zerstört, denke ich. Ob das Mädchen, vielmehr die Frau, noch dort wohne, will ich wissen.
Der Polizist blickt unsicher zu meinem Guide, die beiden wechseln ein paar Worte, sehen immer wieder zu mir, etwas betreten, wie ich finde. Was ist hier los? Mein Guide lächelt kurz, nimmt sich einen Stift und ein Notizblatt von der Theke und schreibt mit konzentrierter Miene, reicht mir schließlich den Zettel mit den laotischen Schriftzeichen, darunter alles in lateinischen Buchstaben. Die Adresse solle ich dem Taxifahrer zeigen, alles Weitere würde sich ergeben. Ich sehe ihn fragend an, er weicht meinem Blick aus. Das alles kommt mir seltsam vor, doch jetzt will ich nur noch weg und endlich Mike sehen – und sein Liebesglück. Deshalb bin ich schließlich hier. Ich bezahle meinen Reiseleiter noch auf der Wache, verabschiede mich in aller Kürze und sehe beim Hinausgehen noch, wie er dem Polizisten ein paar Scheine hinschiebt, ihre Blicke sind ernst.
Im Taxi habe ich ein mulmiges Gefühl. Was haben sie mir auf der Wache verschwiegen? Was erwartet mich an meinem Ziel?
Das Leben auf der Straße lenkt mich ab, die fremden Eindrücke, moderne Läden wechseln sich mit einfachen Holzbaracken ab, die Verkaufsstände reichen bis an den schmalen Gehweg, auf dem Autos kreuz und quer parken, dazwischen Touristen und Einheimische, mehr slalomgehend als flanierend, immer auf der Hut vor dem Verkehr der viel befahrenen Straße. Mein Taxi fährt stadtauswärts, hier geht es nur stockend voran, ab und zu kreuzen Kühe unseren Weg, dann sind wir durch und ich erblicke den Mekong. Wenig später hält der Wagen.
Ich brauche nicht lange, kann mich mit meinem Routenplaner auf dem Smartphone gut orientieren, finde schließlich das Haus am Fluss. Eine junge Frau erscheint im Eingang, sie ist wunderschön. So muss sie ausgesehen haben, Mikes große Liebe.
»Sabaidee, can I help you?«, fragt die Frau freundlich.
»Sabaidee«, auch ich nehme die flachen Hände zusammen, verbeuge mich leicht, bringe dann mit rauer Stimme heraus, weswegen ich da bin: «Yes … I’m searching for Pimai. And Mike – Mai …«
Die Frau mustert mich. Etwas in ihrem Blick kommt mir bekannt vor, die Trauer darin. Dann schüttelt sie den Kopf, bedeutet mir, ihr zu folgen, und führt mich zu einer nahen Tempelanlage, wo sie zielstrebig auf ein Stupa mit goldener Spitze zugeht und auf zwei Bilder am Denkmal weist – eines zeigt das Porträt einer älteren Frau, die unschwer als Mutter der jungen Frau zu erkennen ist, das andere Mike, wie ich ihn kennengelernt habe. Pimai und Mai. Beide tot. Sie wendet sich ab, während ich auf die Bilder starre, links die schöne Laotin in einem cremefarbenen Seidenkleid und rechts, mit dunklem Anzug und Krawatte, Mike, in dessen Augen kein Schmerz mehr lag, sondern das reine, lachende Glück. Die getrennten Bilder verschmelzen in meinen Augen zu einem Hochzeitsfoto, vielleicht war es eines und man hatte es für das traditionelle Totengedenken auseinandergeschnitten, obwohl das Paar selbst im Tod vereint ist. Der Gedanke tröstet mich.
Wir verlassen die Tempelanlage, gelangen zu einer Stelle am Fluss. Wenn ich die Frau richtig verstehe, hat man die beiden hier gefunden. Vor einem halben Jahr, ein halbes Jahr nach ihrem Wiedersehen und einer Zeit voller Liebe und Glück.
Ein heller Mond habe geschienen, strahlend und voll, als wollte er Thipphachan die letzte Ehre erweisen. Hand in Hand hätten sie dagelegen, ihre Gesichter glücklich gewirkt.
Der betörende Duft der Frangipani-Blüten, ich pflücke zwei von dem Baum über uns, gebe ihr eine. Schweigend setzen wir sie ins Wasser, wo die träge Strömung sie bald erfasst und davonträgt.
Wir sehen ihnen lange nach, dann treffen sich unsere Blicke.
Vientiane/Laos, Dezember 2025
Martin Bensen