Regen

So sehnsuchtsvoll erhofft
So bald auch schon verflucht
Erst stillt er unseren Durst
Dann weicht er alles auf
Trommelt weiter ohne Rast
Auf Dächer Haut und Nerven
Macht die meisten flügellahm
Doch manchen auch zum Täter

©Martin Bensen

Sommergewitter

So viel neu. So viele erste Erfahrungen. 1980, endlich erwachsen. Dem rechtlichen Status des Minderjährigen entwachsen. Führerschein, erster Unfall, nichts Schlimmes, aber ein Dämpfer für die neue Freiheit. Unsere Band ist zur Hälfte volljährig und tritt jetzt selbstbewusster auf. Meine Haare sind so lang wie sie nie waren und nie wieder sein werden. Ich fühle mich wie frisch gehäutet, im übertragenen Sinn, denn ich habe immer noch Pubertätspickel. Ich fühle mich stark, voller Energie, dabei bin ich dünn, fast dürr, einer Schlägerei nicht gewachsen, die jeden Tag hinter den Hecken meiner Provinz lauert. Zum Glück trage ich keine Brille, bin auch kein Musterschüler, denn auf die haben es die prekären Burschen besonders abgesehen, die eher früher als später im Knast landen. Einer von ihnen tanzt mit seiner Perle zu unserer Musik. Wir spielen, sie tanzen! Wochen später lädt der spätere Zuhälter mich zum Bier ein, ich scheine ihn beeindruckt zu haben, sieh mal an. Ich bin 18, aber alles andere als selbstbewusst. Deshalb kann ich es zunächst kaum glauben, dass ein Mädchen auf mich stehen soll. Weiterlesen

Schweres Herz

Sie haben sich alle zurückgezogen. Seit Tagen – oder sind es Wochen? Eine gefühlte Ewigkeit hat der Besitzer des Herzens keinen Gast mehr zu sehen bekommen. Nur noch seine Frau ist an seiner Seite. Oder auch nicht. Sie hat sich verändert. Schleichend. Erst wich sie seinen Küssen aus, dann selbst kleinsten Berührungen, am Ende auch seiner puren Anwesenheit. Er zog es irgendwann vor, in der Lobby zu übernachten. Auf diese Weise ist er eigentlich nur noch im Dienst. Einen Portier hat er ja nicht mehr und auch das restliche Personal hat er irgendwann wegschicken müssen. Es gab ja nichts mehr zu tun. Auch nicht für ihn. Was machte er also hier? Weiterlesen

Erinnerung

Sie kommt meist
Von ganz allein
Nackt und prall
Überfällt sie mich

Wenn ich sie
Gar nicht brauche
Sucht sie mich
Heim mit Gewalt

Dann tobt sie
Zehrt an mir
Lässt mich leer
Und schlaff zurück

Wenn aber ich
Ihr was entlocken
Was entreißen will
Bleibt sie verhüllt

©Martin Bensen

Ausgehen

Als Kind habe ich die Dinge wohl naiver gesehen als schon wenig später und erst recht heute, nach einem halben Jahrhundert. Mein Gott… Immer wenn meine Mutter sich zum Ausgehen „fein machte“, kam es mir so vor, als wäre es ihr im Grunde unangenehm. So wie mir.
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Zwischenreich

Es ist als glitte meine Wirklichkeit
In einen Traum von einem Traum
Wo von Zwischenmenschlichkeit
Nichts mehr bleibt als Zwischenraum

In meiner eben noch vertrauten Welt
Verdünnt sich Zeit zur Zwischenzeit
Was wahr und schön und gut zerfällt
Wie das Licht zu neuer Dunkelheit

©Martin Bensen

Normal-Null

„Es ist wie es ist. Nicht zu ändern. Trotzdem…“ Mein Vater sieht an mir vorbei ins Licht. Die Gardine vor dem festverriegelten Fenster ist beiseite gezogen, doch viel gibt der Blick nicht her: eine belebte Straße, dessen Geräusche aber nur ganz leise zu vernehmen sind, dahinter Bäume mit frischen, aber schon angegrauten Blättern. Ich habe mich mit dem Rücken zum Fenster gesetzt, in den „Ausguck“-Sessel, den ich in Richtung meines Vaters gedreht habe.
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Minne

So fliehe ich vor Menschen
Bleibe achtsam nur bei mir
Doch wo bleibt der Trost
Wenn nicht du wie sonst
Mich kannst berühren
Wenn statt Deiner Hand
Tentakeln nach mir greifen

So singe ich von Minne
Wie einst das hohe Lied
Doch wo bleibt die Liebe
Wenn nicht unsere Lippen
Sich im Kuss vereinen
Wenn sie nur von Ferne
Mit Masken sich verhüllen

So schreibe ich Dir Postings
Winke Dir auf Displays zu
Doch wo ist die Wärme
Wenn wir uns nicht nähern
Noch in die Arme nehmen
Wenn nicht ein süßer Kuss
Vergiftet könnte sein

©Martin Bensen