Ausgehen

Als Kind habe ich die Dinge wohl naiver gesehen als schon wenig später und erst recht heute, nach einem halben Jahrhundert. Mein Gott… Immer wenn meine Mutter sich zum Ausgehen „fein machte“, kam es mir so vor, als wäre es ihr im Grunde unangenehm. So wie mir.

Vielleicht, weil sie in eine andere Rolle schlüpfen musste, in eine ihr (und mir) fremde. Ausgehen war etwas Besonderes; es kam alle Jubeljahre vor oder eben tatsächlich nur zu Jubelfeiern. Was ziehe ich bloß an? Habe ich überhaupt was Passendes? Oje, das Kleid geht ja gar nicht. Und zum Friseur hätte ich auch noch gehen sollen. Überhaupt Friseur: Auch wenn sie von einem solchen kam, sah meine Mutter aus, als wollte sie ausgehen – unvertraut, fremd, nicht wie meine Mutter. Vielleicht schon schön, aber auf eine Weise, die sich mir, ihrem Kind, eben nicht erschloss. Für mich sollte meine Mutter so sein wie sie ist. Aber wie ist sie? Wie ist sie, wenn sie ganz sie selbst ist? Wann fühlt sie sich wohl in ihrer Haut? Hatte ich mir darüber je Gedanken gemacht? Vielleicht eher unbewusst gespürt, was sie als Mensch ausmacht, schließlich war ich ja mal in ihr drin. Aber schon als Schuljunge ahnte ich, dass sie immer dann sie selbst ist, wenn sie sich in trauter Runde befindet und nicht in der Öffentlichkeit stehen muss, egal wie klein und begrenzt diese sein mag. Genau das war wohl das Problem des Ausgehens. Für sie – nicht für meinen Vater.

Mein Vater hatte es leicht. Nun gut, sein Ausgehanzug besaß vielleicht nicht mehr den modernsten Schnitt, aber Anzug an sich, weißes Hemd – in den Siebzigern gern auch ein buntes – und eine Krawatte gingen immer. Egal für welchen Anlass. Echte Galas, die Frack und Fliege erfordert hätten, waren in unserer ländlichen Gegend ohnehin nicht angesagt, noch hätten meine Eltern dafür eine Einladung bekommen. An der Schwelle zu meiner Schulzeit, also gegen Ende der Sechziger, gingen meine Eltern gerne tanzen. Irgendwo auf so einem Tanzfest, eher einer Art Schützenfest, hatten sie sich Ende der fünfziger Jahre kennengelernt. Mein Vater, der drahtige, von harter körperlicher Arbeit gestählte und durchaus als schlagfertig – im wahrsten Wortsinn – gefürchtete junge Mann, abgehärtetes Mitglied einer achtköpfigen Geschwisterschar, Rivale unter Männern, Frauenheld und -beschützer – dieser Prachtkerl hatte meine Mutter wohl in klassischer Manier erobert. Alle genannten Attribute, auch eine fast naturgesetzliche Balz gehörten zu unserer dörflichen Gegend wie der allsonntägliche Kirchenbesuch und das CDU-Wählen. Nur letzteres tat mein Vater nicht, im Gegenteil: Seinem Kampf Mann gegen Mann, geprägt von einer eher einfachen Westernmoral, entwuchs eine edlere Bestimmung im Namen sozialer Gerechtigkeit und Solidarität: die Gewerkschaft. Sie und eine noch authentische sozialdemokratische Politik wurden seine Heimat, sein Kompass – sein Leben.

Ich frage mich manchmal, ob ich überhaupt auf der Welt wäre und wenn ja, wie ich wäre, wenn meine Familie nicht bescheidenen Verhältnissen, sondern jenem wohlhabenden Großbürgertum entstammt wäre, der nur wenigen Familien meines Heimatortes vorbehalten war und der einmal sogar mich zu Faustschlägen animierte, als ein Junge über uns in den kleineren Häusern spottete und allein aufgrund seines „guten“ Familiennamens meinte, besonders privilegiert zu sein. Keine Ahnung, ob mein Vater stolz auf mich gewesen wäre, denn ich habe ihm nie davon erzählt. Ich wusste ja, dass er und mehr noch meine Mutter mit Abscheu auf diejenigen blickten, die sich für „was Besseres“ hielten. In Gedanken sehe ich meine Mutter immer verächtlich ausspucken, aber das ist nur Erinnerungsphantasie; sie ist eine gute Seele, hat das Herz am rechten Fleck, wie man so sagt. Vielleicht aber ist es genau diese Erfahrung von Ungleichheit und die daraus gewonnene Sicht auf das Leben, die meine Eltern und besonders meine Mutter hemmte, wenn es ums Ausgehen ging (was für eine Kurve…).

Wenn sie endlich von ihrer Kommode, dem ungeliebten „Altar“ mit dem Triptychon-Spiegel, abließ, vor dem sie sich in schlechtem Licht schminkte, die Haare hochtoupiert, die Augenbrauen braun nachgezogen, die Lider grünspanfarben, die Lippen weinrot und nur die große Brille ein vertrauter Anker in ihrem Gesicht, mied sie die Blicke von uns Kindern, zupfte nervös an ihrer Bluse, ihrem Jackett und stöhnte leise beim Anziehen der Schuhe, die nur fürs Ausgehen da waren und dementsprechend wenig getragen. Mein Vater tigerte bereits seit einer Weile durch den Flur, vielleicht memorierte er noch einige Witze, die er zum besten geben würde, immer bemüht, gute Laune zu verbreiten – jedenfalls war er lange schon bereit zu gehen. Wie immer. Ein ewiges Gesetz vielleicht, verbunden mit dem Duft jenes Damenparfums, dessen Flakon länger auf der Welt war als ich und mir immer dann vor Augen stand, wenn ich krank im Bett meiner Mutter liegen durfte und mir im Fieber vorstellte, dass die gelbe Substanz auf der Kommode der mit Ei und Traubenzucker verquirlte Orangensaft sein könnte, den ich mir als „Krafttrunk“ wünschte und mangels Zutaten nicht immer bekam. Jener im Flakon wäre mir nicht bekommen; ich hätte es auch nicht runtergebracht, denn das Parfum stach in meiner Nase und bohrte sich so für immer in meine Erinnerung. Später, wenn ich es ganz woanders roch, selten nur, kam mir unmittelbar dieses eine Wort in den Sinn: Ausgehparfum.

Meistens verließen meine Eltern das Haus in Missstimmung. Zu viele Hemmnisse, zu viel Unsicherheit und noch massig Zeit. Sie hatten zu wenig Übung, gingen einfach zu selten aus. Wie das Ausgehen dann verlaufen war, bekamen wir Kinder am nächsten Morgen mit. Meistens war alles wie immer, mein Vater leicht verkatert, aber aufgeräumt, meine Mutter wieder meine Mutter, uns wieder vertraut in der ihr vertrauten Umgebung. Dann sah sie auch wieder gut aus, jedenfalls soweit ich das als ihr Kind beurteilen konnte. Manchmal war die Stimmung allerdings mies, mein Vater grummelnd, meine Mutter aufbrausend und wegen jeder Nichtigkeit schimpfend. Was schief gelaufen war, bekamen wir leider nicht zu hören. Nur einmal – ich weiß noch, dass ich gerade aufs Gymnasium gekommen war und dort selbst mächtig fremdelte – sprangen meine Eltern vom Frühstückstisch auf, gingen in Tanzstellung und schwoften durch die Küche. Dazu trällerten sie „Eviva España“, den Partykracher jener Zeit, der sogar bis ins tiefste Westfalen vorgedrungen war. Und in die Herzen meiner Eltern. Ausgehen würden sie noch viele Male, sogar für länger – zum Beispiel nach Mallorca. Eviva España!

Nach Erinnerungsmotiven frei verfasst – Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Orten sind nicht garantiert. 😉

©Martin Bensen