Traum in der Tram

War was? Irritiert löste ich meinen Blick vom Display meines Smartphones und ließ ihn durch das Abteil wandern. Hatte zwei Sitze vor mir nicht eben noch ein Mann gesessen? Ausgestiegen sein konnte er nicht, die Straßenbahn hatte gar nicht angehalten. Ach so, weiter vorne sitzt er, der mit dem altmodischen Trenchcoat. Wahrscheinlich hat er sich einfach umgesetzt. Aber dass ich das nicht bemerkt habe. Die Tram war bis auf den Mann und mich leer. Und so interessant waren die Dinge auf meinem Handy auch nicht. Früh morgens lieferten die Plattformen nur Werbung, die immer gleichen Newsletter und auch die Nachrichtenapps boten nur Sachen von gestern. Gelangweilt sah ich wieder auf. Jetzt wunderte ich mich doch. Der nächste Halt kam erst noch, doch der Mann war schon wieder verschwunden. Da vorne war niemand und ich saß schon ganz hinten im Abteil. Kaum dass ich die Lage erfasst hatte, legte sich eine Hand auf meine Schulter. Ich erschrak, direkt neben mir saß der Mann mit dem Trenchcoat und sah mich traurig an.

„Danke“, kam es heiser von irgendwo aus dieser Gestalt. Sie war dürr wie eine Vogelscheuche, das Gesicht aschfahl, die Augen waren kaum zu erkennen, so tief lagen sie in ihren Höhlen. Vielleicht das Neonlicht der Bahn, versuchte ich mich zu beruhigen. Doch dann sah ich die Hand, erschrocken zog ich meine Schulter weg. Die Finger des Mannes waren nicht mehr als blanke Knochen.
„Danke“, erklang es noch einmal, diesmal noch grauenhafter. Wie tief aus der Gruft, dachte ich und erschauderte. Angst schnürte mir die Kehle zu. Warum hielt die Bahn denn nicht? Fuhr sie überhaupt? Ich war vollkommen verstört, saß wie gelähmt da und konnte meinen Blick nicht von dem absonderlichen Wesen neben mir lösen.
„Danke“, sagte die Gestalt ein drittes Mal. Endlich fasste ich mir ein Herz.
„Wieso danke?“, fragte ich mit zitternder Stimme. Der Mann stöhnte laut.
„Endlich! Sie ahnen nicht, was Sie getan haben. Endlich, endlich, endlich! Sie haben mich erlöst. Sie haben mich tatsächlich erlöst!“ Ich muss ihn angeblickt haben wie ein Auto. Ein Lächeln ließ sein Gesicht zur Fratze werden. Mit einem tiefen Seufzer lehnte sich der Mann zurück.

„Der erste Schritt war, mich überhaupt wahrzunehmen. Sie haben mich wirklich und wahrhaftig gesehen. Das weiß ich, denn ich habe ihre Gedanken gehört. Sowas kann ich. Der zweite und entscheidende Schritt war, dass Sie mich ansprachen, mich wirklich meinten – auf mich achteten.“ Der Mann begann zu lachen. Jetzt klang die Stimme beinahe menschlich. Und es geschah etwas mit dieser Gestalt. Sie nahm an Fülle zu, Energie schoss in den Körper, das Gesicht bekam freundliche Züge, seine Hände, die der Mann selber erstaunt betrachtete, waren nun ganz normal. Doch dann ging ein Zittern durch seinen Körper. Es hielt ihn nicht länger auf dem Sitz. Aber was war das? Seine Füße hatten keinen Bodenkontakt. Der ganze Mann schwebte einige Zentimeter über dem Boden. Verzweifelt rieb ich mir die Augen, kniff mir in den Arm. Nein, ich träumte nicht. Warum, zum Teufel, hielt die Bahn nicht an. Und warum diese Grabesstille?

„Ich habe wenig Zeit und eine große Bitte: Seien Sie um Himmels willen achtsam! Zu sich selbst, aber besonders Ihren Mitmenschen gegenüber. Hören Sie mir genau zu: Das Leben hat einen Sinn. Für jeden. Für jeden von uns kommt irgendwann der Tag, an dem er erkennt, manchmal schmerzhaft, warum er lebt.“ Ein Beben ging durch den schwebenden Mann, er fing an zu verblassen. Die folgenden Worte klirrten hell wie Glas:
„Ich muss mich beeilen. Hier meine Geschichte: Auf einer Fahrt in dieser Tram sank ein Mann zu Boden und blieb reglos liegen. Niemand anders war in der Bahn. Ich war wie gelähmt und sprang beim nächsten Halt einfach heraus. Sollen sich andere drum kümmern, der Fahrer würde bestimmt Hilfe rufen. Falsch, falsch, falsch! Nachts erschien der Mann an meinem Bett, ein weiterer stand an seiner Seite. Beide sahen mich traurig an. Der andere sprach nur wenige Worte, etwas in einer fremden Sprache, dann saß ich plötzlich in dieser Bahn, vollständig angezogen, als wäre ich nie ausgestiegen. Es dauerte lange, bis ich begriff, was mit mir vorging und dass das alles kein Traum war.“

Inzwischen war mehr von dem Straßenbahn-Interieur zu sehen als von der Gestalt davor. Ihre Stimme verlor sich langsam im Fahrgeräusch der Bahn, das ich mit einem Mal wieder wahrnahm. Ich musste genau hinhören, um die letzten Worte des Mannes zu verstehen.
„Ein Fluch! Auf ewig gefangen in dieser Bahn. Wegen meiner Verfehlung. Wie oft wollte ich helfen, wollte jemandem mit schweren Gedanken folgen, doch ich kam nicht raus und keiner sah mich. Sie auch nicht. Aber heute! Endlich! Ihre Achtsamkeit – meine Erlösung.“

„… Lösung… “ Mit dem letzten Hauch seiner Worte war die Tram zum Stehen gekommen, die Türen gingen auf, kalte Morgenluft erfrischte mich. Der vertraute Lärm der Großstadt. Menschen mit müden Gesichtern quollen herein, ließen sich auf die leeren Sitze fallen und versanken gleich in Smartphones, Zeitungen, Bücher. Wenn mich jemand angesehen hätte, wäre ihm vielleicht ein verwirrter Zeitgenosse aufgefallen. Vielleicht. Ruckelnd setzte sich die Tram wieder in Bewegung, ganz langsam kam der Alltag zurück. Habe ich das alles nur geträumt? Wer weiß das schon?

Jedenfalls fahre ich seitdem ganz anders Bahn, lasse mein Smartphone stecken und schaue mir die Menschen bewusst an. Manchmal, selten, schenkt mir jemand ein Lächeln.

©Martin Bensen