Im Turm

In meinem Turm habe ich eine Rundum-Sicht. Ich blicke vom höchsten Punkt in den Talkessel von Stuttgart, auf die gegenüberliegenden Höhen. Ich stelle mir vor, das da unten sei mein Königreich, die Niederungen des Lebens, über die ich herrsche, ich, der ich eigentlich immer noch nicht glauben kann, in einem solchen Anwesen wohnen zu dürfen – in einer eigenen Burg mit Turm, nur ich allein. Und meine Frau. Meine Frau, die damit hadert … Weiterlesen

Allein steh ich

Allein steh ich an eurem Grab
Gedenke eurer, unserer Leben
Dessen, was nicht mehr kommt
Wenn überhaupt noch etwas

Es ist als frören wir uns ein
In Agonie und Einsamkeit
Und in stiller Angst erstarrt
Als wär’n wir jetzt schon tot

Doch so überdauern wir nicht
Sterben mehr als dass wir leben
Nur jene Welt liegt mir zu Füßen
Allein steh ich an meinem Grab

©Martin Bensen

Andockmanöver

Gut, dass er drüben nicht wohnen muss. Dieser Verhau von einem Balkon! Als wäre er eine Müllhalde. Nur leider muss er täglich draufgucken, kommt kaum daran vorbei, weil die Häuser so dicht stehen, gerade mal eine schmale Schneise lassen für einen seitlichen Blick auf etwas Grün, den alten Baum, der schon im August braun wird. Er gehört zum nahen Park, den er das letzte Mal vor einem Jahr besucht hatte – damals schon kurzatmig und in Begleitung eines Betreuers. Weiterlesen

Minne

So fliehe ich vor Menschen
Bleibe achtsam nur bei mir
Doch wo bleibt der Trost
Wenn nicht du wie sonst
Mich kannst berühren
Wenn statt Deiner Hand
Tentakeln nach mir greifen

So singe ich von Minne
Wie einst das hohe Lied
Doch wo bleibt die Liebe
Wenn nicht unsere Lippen
Sich im Kuss vereinen
Wenn sie nur von Ferne
Mit Masken sich verhüllen

So schreibe ich Dir Postings
Winke Dir auf Displays zu
Doch wo ist die Wärme
Wenn wir uns nicht nähern
Noch in die Arme nehmen
Wenn nicht ein süßer Kuss
Vergiftet könnte sein

©Martin Bensen

Requiem „Im Dorfe“

Zusammengesunken sitzen sie
Und bestatten wieder einen
Aus ihren Reihen

Zwei Kirchenbänke reichen aus
Es sind nicht mehr so viele
Zum Trauern da

In der Luft ein Hauch von Leben
Im Stoff der Nachklang süßen Dufts
Aus besseren Zeiten

Aus dem Holz der alten Bänke
Weicht Muff von schwerem Balsam
Wie manche Flatulenz

Zum Himmel stinken tiefe Seufzer
Von halb verwestem Bratenfleisch
In fauligen Gebissen

Asche zu Asche Staub zu Staub
Sehet nur ihr alle seid des Todes
Wie der im Sarg

Blutleer aber voll von Ehrfurcht
Stehen sie schwankend vor dem Grab
Dem schwarzen Loch des Lebens

©Martin Bensen

Schwindzeit

Viel zu spät hatte er erkannt, was mit ihm passierte. Doch selbst wenn er früher Gewissheit gehabt hätte, so wäre er doch nicht imstande gewesen, die Entwicklung aufzuhalten. Die Zeit half ihm nicht, denn die Schwindzeit war schneller. Aber warum passierte das ausgerechnet ihm? Einem, den die Menschheit nicht brauchte…
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Traumgesichte (IV): Fliege

Als Giselher Brumma eines Abends in unruhigen Schlaf fiel, fand er sich im Traum zu einer abscheulichen Fliege verwandelt. Dergestalt erhob er sich aus schweißnassen Laken, schwebte leicht empor und sah sein Zimmer wie eine neue Welt aus Licht und Farben. Da drüben war es hell, er flog dorthin, spürte wohlige Wärme. Noch vor wenigen Minuten hätte er es besser gewusst, jetzt ließ ihn sein Instinkt ganz nah an das Licht fliegen. Er landete auf dem oberen Rand der Lampe. Hier war es angenehm. Warme Luft stieg auf von dort unten, wo es noch heller war, noch schöner schien. Also lugte er vorsichtig über den Rand, spürte die verlockende Intensität von Licht und Wärme. Es kribbelte wohlig in den Beinchen, die Flügelchen summten vor Lust, so stieß er sich ab, schwebte kurz in der Luft und ließ sich nach unten sacken. Uuh, jetzt wurde es aber heiß. Viel zu heiß! Er wollte wieder hoch, doch es war zu spät, die Flügel reagierten nicht mehr, wie er wollte. So plumpste er unversehens hinein, schrammte an dem gleißenden, heißen Licht vorbei und landete weich auf einem riesigen Haufen vertrockeneter Insektenkadaver. Verzweifelt brummten seine Flügel, hektisch versuchte er nach oben zu gelangen, rasselte hier gegen Glas und dort gegen Glut. Es gab kein Zurück mehr. Kraftlos sank er wieder auf den Chitinhaufen längst verendeter Leidensgenossen. Seine Flügel waren geschmolzen, nichts brummte mehr, er war gefangen. Die Hitze wurde ihm jetzt unerträglich. Mit letzter Kraft stieg er über die Gerippe, durstig, fiebernd, gelangte an das Glas, versuchte daran hochzukrabbeln, doch es war zu heiß, seine Füßchen verbrannten, er fiel hinunter, lag jetzt auf dem Rücken, weich gebettet auf den Leichenhüllen, sah ein letztes Mal zum Licht und wurde eins mit den Toten.

Giselher Brumma wachte nicht mehr auf. Man fand ihn Tage später völlig ausgetrocknet und mit Brandmalen an Rücken, Füßen und Händen im Bett. Sein starrer Blick war auf die Hängelampe über seinem Nachttisch gerichtet, deren Licht noch brannte. Im unteren Teil der tropfenförmigen Glashülle hatten sich Insektenreste aus mindestens zehn Jahren angesammelt.

©Martin Bensen