Leuchtturm

Eine Art Idylle (III)

Mein Leuchtturm ist nicht hoch. Er steht auf einer Klippe über dem Strand, dem einzigen auf meiner einsamen Insel ganz im Norden. Danach ist nur noch Meer. An den meisten Tagen ist nicht auszumachen, wo das Wasser endet und die Luft beginnt, dort am Horizont, der unendlich scheint und doch irgendwo in der Ferne zu Eis erstarrt. Weiterlesen

Wunderwasser

Ein Märchen

Einmal in der Woche, immer sonnabends zogen die älteren Männer des Dorfes in aller Frühe hinauf auf ihren Hausberg. Sie taten dies bei jedem Wetter und selbst im tiefsten Winter. Dann war der Weg so beschwerlich, dass sie der Aufstieg gut und gerne einen halben Tag kostete. Nur einmal in der Geschichte des Dorfes blieb den Männern der Aufstieg drei Wochen lang verwehrt, zu widrig waren die Umstände, zu groß die Lawinengefahr, sodass sie um Leib und Leben fürchten mussten. In jenen Tagen strickten die Frauen ihnen Mützen aus Schafwolle, die zwar wärmten, aber doch auch gehörig kratzten, sodass die Männer den Abend herbeisehnten, an dem sie die wollenen gegen ihre leichten Nachtmützen aus lindernden Leinen tauschen konnten. In jenen drei Wochen trugen alle älteren Männer jenes Dorfes Tag und Nacht Mützen. Aber nicht wegen der Kälte allein taten sie das, denn ihre Häuser waren warm und draußen war zu dieser Jahreszeit ohnehin nichts zu tun. An Holz zum Heizen herrschte auch kein Mangel. Es gab einen anderen Grund für das Behüten ihrer Köpfe. Weiterlesen

Tannen-Hütte

Eine Art Idylle (II)

Meine Tannen-Hütte steht, wie kann es anders sein, an einer Lichtung, zu drei Seiten hin und am Ende der sanft abfallenden Lichtung umsäumt von hohen Tannen, die dahinter einen dichten, dunklen Wald bilden. Die Hütte ist aus eben diesen Nadelhölzern gebaut, nur der große Kamin mitten in dem einen Wohnraum besteht aus gemauerten Natursteinen. Im Winter, Weiterlesen

Frühling

Merkst du wie dein Herz sich öffnet wenn
Deine Füße durch saftige Wiesen schmatzen
Deine Augen gierig alle Farben verschlingen
Deine Nase bebend Frühling saugt

Spürst du was in dir passiert wenn
Pflanzen lustvoll ihre Knospen öffnen
In alle Wesen kraftvoll Saft einschießt
Die Welt wie von Sinnen sinnlich wird

©Martin Bensen

Wenn du gehst

Wie oft wird es mich an diesen Platz ziehen, genau dahin, wo wir gerade sind? Jetzt hältst du mich noch, streichst mit deinem Daumen zärtlich, fast unmerklich über meine Hand im Sand. Obwohl ich den Blick abgewendet habe, spüre ich deinen weiter auf mir ruhen. Das letzte Mal, als ich dich angesehen habe, war die Farbe deiner Augen genau die des Sees, an dem wir gerade sitzen – sie sind eins geworden. Jetzt schaue ich auf das Wasser, versuche mich einzuschwören auf die Zeit ohne dich, mir einzureden, dass die tanzenden Lichtreflexe auf der blau-grünen Oberfläche deine zauberhaften, mal träumenden, mal lustvollen Augen sein werden. Dass die Ufergrashalme, die meine entblößten Waden umschmeicheln, deine zärtlichen Finger seien, die mich heute ein letztes Mal und dann auf diese Weise immer streicheln werden. Dein Haar, das wie ein anmutig wogendes Kornfeld die milden Sonnenstrahlen auffängt, es wird auch dann noch nach Sommer riechen, wenn du fort bist, wenn nur noch das fruchtbare Hinterland seine feinen Düfte bis hierher schickt, die ich dann wohl unersättlich tief in mich einsaugen werde, so wie jetzt ein letztes Mal den unverwechselbaren, betörenden Geruch deiner Haut. Deine Lippen, die meine noch einmal berühren, ganz behutsam, nichts mehr fordern, sich langsam lösen, den Abschied besiegeln, es werden nur noch meine sein, die den Hauch des Windes spüren, seine sanfte Brise schmecken, als wäre es dein Atem, der sich immer noch mit meinem vereint. Jetzt spüre ich das Gras an meinen Beinen, den Sand auf meiner Hand, den Duft von Heu in meiner Nase, den warmen Sommerwind auf meiner Haut, auf meinen Lippen den letzten Kuss, sehe das Blau des Sees – in meinen Augen verschwimmen. Jetzt bist du weg.

©Martin Bensen