Vor dem Winter

Vor dem Winter ragen kahle Äste
In den grauen Himmel
Der Wind reißt letzte Blätter mit
Auf den nassen Boden

Das heiße Blut der Leidenschaft
Ist endlich abgekühlt
Die Kraft des Lebens weicht zurück
Es fällt in tiefen Schlaf

Was haderst du mit diesem Lauf
Treibst weiter Blüten aus
Zur Unzeit kommt dein Widerstand
Im Eis wird er erstarren

©Martin Bensen

Alltagssplitter: Sie isst Hähnchen

Warum habe ich eigentlich geglaubt, dass eine so schöne junge Frau, die soeben telefonisch einen Termin zum Spitzenschneiden ausmacht und die so schlank und sportlich wirkt – dass diese junge Frau sich nur an der Salatbar des Grillrestaurants bedient und vielleicht ein Glas Prosecco oder, weil sie allein dort sitzt, doch eher ein Glas stilles Wasser bestellt – stille Wasser sind tief, sagt man, aber wer ist man? Weiterlesen

Schattendasein

Eine imaginäre Idylle

Dieser Wurzelzwerg da, in der Bahnhofshalle. Der mit den quer über die Glatze gekämmten grauen Haaren, dem Frettchengesicht und dem Buckel. Der, tief in seinem viel zu großen Mantel versunken, schattengleich schon wieder aus meinem Blickfeld verschwindet. Ich hab ihn gesehen, kurz nur, aber doch. Mehr noch: Er bleibt mir im Kopf. Dachte wohl, er entwischt mir. Jetzt ist er dran. Pech gehabt, jetzt wird er erzählt. Es geht los:  Weiterlesen

Requiem „Im Dorfe“

Zusammengesunken sitzen sie
Und bestatten wieder einen
Aus ihren Reihen

Zwei Kirchenbänke reichen aus
Es sind nicht mehr so viele
Zum Trauern da

In der Luft ein Hauch von Leben
Im Stoff der Nachklang süßen Dufts
Aus besseren Zeiten

Aus dem Holz der alten Bänke
Weicht Muff von schwerem Balsam
Wie manche Flatulenz

Zum Himmel stinken tiefe Seufzer
Von halb verwestem Bratenfleisch
In fauligen Gebissen

Asche zu Asche Staub zu Staub
Sehet nur ihr alle seid des Todes
Wie der im Sarg

Blutleer aber voll von Ehrfurcht
Stehen sie schwankend vor dem Grab
Dem schwarzen Loch des Lebens

©Martin Bensen

Das Leben endet beim Discounter

Bleiche Gestalten im Novembergrau
Freudlose Gesichter im Neonlicht
Der fahle Morgen gehört ihnen
Den Nutzlosen und Aussortierten
Manche wollen nur etwas Wärme
Andere kaufen gerade das Nötigste
Was sie zum Leben noch brauchen
Das so trostlos wie die Ladenregale
So unüberlebenswichtig
So sterbenslangweilig ist

©Martin Bensen

Liebe meines Lebens

Wie lange habe ich Rebecca nicht gesehen? Jetzt sitzt sie tatsächlich vor mir. Wir haben uns den stillsten Winkel des Cafés ausgesucht. Frischer Kaffee dampft in unseren Tassen. Doch wir wollen uns nicht den Mund verbrennen. Um ehrlich zu sein: Wir können uns nicht satt sehen aneinander. Dabei müssen sich unsere Blicke noch aneinander gewöhnen, zögernd, fast schüchtern, suchen wir den lieben Menschen aus vergangenen Tagen. Zehn Jahre ist es her, dass Rebecca mich verlassen hat, uns verlassen hat. Jetzt, wo es mich zum Studieren in eine andere Stadt gezogen hat, das unverhoffte Wiedersehen. Ich weiß nicht, ob es Zufall war oder ob sie nach mir gesucht hat. Jedenfalls stand sie plötzlich vor mir, als ich mein Rad aufschließen wollte. Weiterlesen

Aggro

Neulich in der Straßenbahn:

Ein älteres Paar in festlichem Outfit steigt ein und setzt sich nebeneinander in Fahrtrichtung. Er entfaltet eine Einladung, sie schaut lustlos aus dem Fenster.
Er: Der *Soundso* kommt auch.
Sie: (laut) Den mag ich ja gar nicht. Der hat schon ein Gesicht zum Reinschlagen.
Er: (leise) Hm…

Ein junges Paar mir gegenüber lächelt unsicher:
Sie: (zu ihm, flüsternd) Die Alte ist ja voll aggro…

©Martin Bensen

Hölle

Mit ihrem Körper ist sie
Ihm zugewandt
Doch schaut sie auch
Was sich sonst noch bietet

Ihm scheint sehr wichtig
Was er sagt
Doch ihr Glas ist leer
Sie leckt sich ihre Lippen

Da holt der Kellner das Paar
Ab an seinen Tisch
Sie ist schon unterwegs
Als der Mann sich erst erhebt

Aus den Lautsprechern quält
Sich Jazzgesang
I’m on the highway to hell
Seicht entbeint von Carla Bruni

Hölle Hölle Hölle gröhlt es
Aus dem Club
Dorthin zieht es sie sobald
Er von ihrer Hand ermattet schläft

©Martin Bensen