Verlassen

Was ich dir gab gibst du
Zurück wie eine alte Haut
Als wäre nur noch Last
Was uns einst fliegen ließ

Was du mal Liebe nanntest
Ist doch nicht raus aus mir
Prallt jetzt nur ab läuft leer
So wie alles und noch mehr

Wer lädt mich wieder auf
Die Welt die nur mit dir
Die beste aller möglichen
Nun jedoch unmöglich ist

©Martin Bensen

Am Abgrund

Wenn er je einen Freund hatte, dann ihn. Ein Lichtblick unter den grauen Gestalten der Nachtschicht. Dabei war ein Job bei der Post nicht das schlechteste, zumal für einen Studenten wie Gabriel. Zehn Stunden die Woche reichten ihm für sein Budget. Allein sechs davon arbeitete er zwischen Mitternacht und Montagfrüh. Richtig zur Sache ging es nur in der ersten und in der letzten Stunde: erst Pakete in die Rollwägen mit den Postleitzahlen, später im Betriebshof alles in die gelben Transporter. Zwischen Hektik und Hektik lagen fast vier Stunden Leerlauf, die die Männer im kargen, neonhellen und überheizten Pausenraum verbrachten. Zeit, die sich endlos dehnte – bis Daniel auftauchte. Daniel, sein einziger Freund in diesen leeren Nächten. Damals ahnte Gabriel nicht, was mit ihm geschehen, was Daniels Geschenk auslösen würde – Jahrzehnte später, als ihm dieses seltsame Buch wieder in die Hände fiel. Weiterlesen

Drehspieß

„Na, wieder Stunk daheim? Feuchte Wände?“
„Ja hallo! Komm her, du Arsch!“
Die beiden Männer fallen sich in die Arme, kurz und kernig, klopfen sich auf die Schultern, lassen einen Abstand zwischen sich und sind schon wieder auseinander.
„Hey, Karin, wie immer!“
Der Mann im Kabuff schüttelt den Kopf. Dass er Karim heißt, sagt er schon lange nicht mehr. Am Anfang ist ihm das noch wichtig gewesen. Da hat er solche Typen noch verflucht. Leise nur, weil er keinen Ärger wollte, wie auch heute nicht. Weiterlesen

Im Turm

In meinem Turm habe ich eine Rundum-Sicht. Ich blicke vom höchsten Punkt in den Talkessel von Stuttgart, auf die gegenüberliegenden Höhen. Ich stelle mir vor, das da unten sei mein Königreich, die Niederungen des Lebens, über die ich herrsche, ich, der ich eigentlich immer noch nicht glauben kann, in einem solchen Anwesen wohnen zu dürfen – in einer eigenen Burg mit Turm, nur ich allein. Und meine Frau. Meine Frau, die damit hadert … Weiterlesen