Was bleibt von all den Büchern
Was mehr als Papier das vergilbt
Wie Haar auf einem alten Kopf
Ein Barthaar in der Totenmaske
Autor: seitenreiterblog
Honigbrust (Frühling)
Es fiel der Kirsche über Nacht
Bei sternenkaltem Himmel ein
Ob sie wohl früher als gedacht
Sich schmücken kann ganz fein
So treibt sie nach dem Morgenrot
Aus allen Knospen Blütenweiß
Und strahlt mit ihrem Aufgebot
Dem Frühlingsanfang zum Geheiß
Verzieh dich endlich graue Zeit
Sieh doch wie der Duft die Lust
Die Geilheit aus dem Eis befreit
Das Schwärmen um die Honigbrust
Verlassen
Was ich dir gab gibst du
Zurück wie eine alte Haut
Als wäre nur noch Last
Was uns einst fliegen ließ
Was du mal Liebe nanntest
Ist doch nicht raus aus mir
Prallt jetzt nur ab läuft leer
So wie alles und noch mehr
Wer lädt mich wieder auf
Die Welt die nur mit dir
Die beste aller möglichen
Nun jedoch unmöglich ist
Am Abgrund
Wenn er je einen Freund hatte, dann ihn. Ein Lichtblick unter den grauen Gestalten der Nachtschicht. Dabei war ein Job bei der Post nicht das schlechteste, zumal für einen Studenten wie Gabriel. Zehn Stunden die Woche reichten ihm für sein Budget. Allein sechs davon arbeitete er zwischen Mitternacht und Montagfrüh. Richtig zur Sache ging es nur in der ersten und in der letzten Stunde: erst Pakete in die Rollwägen mit den Postleitzahlen, später im Betriebshof alles in die gelben Transporter. Zwischen Hektik und Hektik lagen fast vier Stunden Leerlauf, die die Männer im kargen, neonhellen und überheizten Pausenraum verbrachten. Zeit, die sich endlos dehnte – bis Daniel auftauchte. Daniel, sein einziger Freund in diesen leeren Nächten. Damals ahnte Gabriel nicht, was mit ihm geschehen, was Daniels Geschenk auslösen würde – Jahrzehnte später, als ihm dieses seltsame Buch wieder in die Hände fiel. Weiterlesen
Eros an Aphrodite
Ich will dich nicht
Lieben wie mich selbst
Ich mag dich nicht
Vertraut in jeder Faser
Du sollst mir fremd
Und ein Geheimnis
Darfst mir Fährnis
Und Verderbnis sein
Sie singt
Aus dem Garten gegenüber
Dringt eine helle Stimme
Lieder die in diesem Moment
In dem die Kleine singt entstehen
Worte aus lauter Augenblicken
Verströmt und bald vergessen
Morgen wird sie wieder singen
Wie ein Vogel im Frühling
Abendstunde
In der Ferne bellt immer
Irgendwo ein Hund
Schlägt eine Turmuhr im
Viertelstundentakt
Rauscht Verkehr wie ein
Ständiger Strom
Nur die Amsel singt
Wann immer sie will
Lockdown-Krieger
Noch halten sie still
Die jungen Männer
Noch stehen sie nur
Hinter den Fenstern
Starren schweigend
Lauern auf etwas
Irgendwo da draußen
Ein Signal zum Aufbruch
Drehspieß
„Na, wieder Stunk daheim? Feuchte Wände?“
„Ja hallo! Komm her, du Arsch!“
Die beiden Männer fallen sich in die Arme, kurz und kernig, klopfen sich auf die Schultern, lassen einen Abstand zwischen sich und sind schon wieder auseinander.
„Hey, Karin, wie immer!“
Der Mann im Kabuff schüttelt den Kopf. Dass er Karim heißt, sagt er schon lange nicht mehr. Am Anfang ist ihm das noch wichtig gewesen. Da hat er solche Typen noch verflucht. Leise nur, weil er keinen Ärger wollte, wie auch heute nicht. Weiterlesen
Wie im Spiegel
Was werden wir noch sehen
Wenn wir unsere beiden Leben
Aneinander halten
Anders als unsere Körper
Die sich nicht berühren dürfen
Voreinander schützen
Uns nur von Ferne sehen
Den anderen wie mich selbst
In einem Spiegel
Und ohne
Es hieß, sie starb an oder mit …
Und ohne
Dass ihr jemand die Hand hielt
Und alle
Drei …
Zwei ..
Eins . am