Ein verdächtiges Gesicht

„‚Sollte sich ein Zusammenhang irgendeines von euch –‘ Er faßte den schwarzbärtigen Maschinenmeister ins Auge, der ein verdächtiges Gesicht machte, ‚– mit sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so zerschneide ich zwischen ihm und mir das Tischtuch. Denn für mich ist jeder Sozialdemokrat gleichbedeutend mit Feind meines Betriebes und Vaterlandsfeind …'“

Heinrich Mann: Der Untertan, 1918

Die zwei Schwarzbärtigen gefallen ihm nicht. Geht es nur ihm so oder ist es in der Straßenbahn plötzlich kälter geworden? Nein, nicht wegen der offenen Tür, sondern seitdem die zwei Männer mit den Kapuzenpullis dort stehen. Sie sind zusammen eingestiegen, haben ihre Rollkoffer neben sich gestellt, sind gleich am Entwerter stehengeblieben. Auf dem Einzelplatz für Reisende und Behinderte sitzt eine alte Dame, ihm gegenüber. Gut, dass sie die Männer nicht sehen muss, denkt er. Ihre langen, schwarzen Bärte in den hageren Gesichtern, die düsteren Augenhöhlen, die bis über die Stirn gezogenen Kapuzen – solche Leute können einem wirklich Angst einjagen. Beide Männer blicken auf ihre Handys. Doch ihm können sie nichts vormachen. Er durchschaut sie. Weiterlesen

Parkbank-Reigen

Schauspiel in fünf Begegnungen

von ©Martin Bensen

„Die ganze Sache ist die, dass die Menschen glauben, es gebe Situationen, in denen man mit den Menschen ohne Liebe umgehen dürfe; solche Situationen gibt es aber nicht!“

Leo Tolstoi

Begegnung 1

Licht an

Eine einsame Parkbank an einem Sommermorgen, auf ihr liegt ein schlafender junger Mann – modische Frisur, kurzgeschnittener Bart, fleckiges weißes Hemd, Designerjeans, Sneakers – seine Knie sind angewinkelt, dazwischen seine Hände. Vor ihm steht eine leere Wodkaflasche auf dem Boden, überall verstreut liegen Zigarettenstummel. Ein älterer Mann mit silbergrauer Künstlerfrisur, in schwarzem Leinenanzug, schlurft ins Bild, betrachtet den Jungen eine Weile, setzt sich dann auf den schmalen Platz zu seinen Füßen. Er klemmt seine Hände zwischen seine Knie, reibt sie unruhig gegeneinander, beugt seinen Körper vor und schaut ins Leere. Eine ganze Weile. Die Vögel zwitschern, sonst ist noch alles ruhig.

Der Alte:
Ach ja…

Der Junge bewegt sich etwas, grunzt, atmet hörbar aus und versucht sich vergeblich umzudrehen.

Der Alte:
Das habe ich nie gemacht.  Weiterlesen

Traumgesichte (III): Ostfremd

Welches Hotel? Gute Frage. Da konnte ich meine Unterlagen studieren wie ich wollte, es fanden sich keinerlei Hinweise darauf, wo ich heute Abend absteigen würde. Der erste Messetag für das Fachpublikum war gerade vorbei. Etliche Aussteller hingen noch an der Pilsbar ab. Darauf hatte ich mich auch gefreut, doch jetzt hatte ich ein Problem. Weiterlesen