Es sind nicht direkt ungebetene Gäste dadrinnen. Aber manche haben sich doch regelrecht eingeschlichen. Man kann ihnen gar nicht böse sein, im Gegenteil, sie haben es weder an Liebenswürdigkeit noch an Entgegenkommen fehlen lassen. Dennoch: Der Portier macht einfach einen verdammt schlechten Job, er weiß schon lange, dass nichts mehr frei ist, selbst die Besenkammer ist doch schon belegt. Weiterlesen
Begegnung
Life is a one way ticket
Zugfahren ist immer noch die lässigste Art zu reisen. Ohne etwas tun zu müssen auf einem vorgegebenen Weg durch die Gegend gleiten, mal schneller, mal langsamer, an fremden Orten halten, Menschen kommen und gehen sehen, sie begrüßen, mit ihnen ins Gespräch kommen und wieder von ihnen Abschied nehmen – während Landschaft vorüberzieht und Zeit vergeht. Eine Zugreise ist wie das Leben. Oder doch nicht? Einmal begab es sich, dass mir das Gefühl dieses einen Weges, ja sogar meines Lebens selbst, verloren ging. Ausgerechnet auf einer Zugreise.
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Begegnung
Wieder steht er da, der weiße Hyundai mit der blonden Frau hinter dem Steuer. Wie immer bin ich etwas früher dran, habe mein Auto schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite geparkt. Wie die Abende zuvor schaut sie zu mir rüber, schaue ich sie an, wendet sie sich wieder ab, wende ich mich ab, schaue ich wieder hin, während sie auch schon wieder her schaut. Ist das ein Flirt?
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Der Balkon
Es geht bergan, mein Wanderweg macht einen großen Bogen nach links. Da sehe ich den Baum und denke, was für ein schönes schattiges Plätzchen das ist. Und erst die Aussicht auf die grüne Ebene! Jetzt erst entdecke ich die Bank unter dem Baum, dann die elegante Dame, die darauf sitzt. Sie zieht ihr abgestelltes Fahrrad etwas zur Seite und bietet mir den noch freien Platz auf der Bank an. Ich grüße freundlich, gehe aber weiter, da sagt sie fast enttäuscht: „Möchten Sie denn nicht auf den Balkon? Ach, den kennen Sie wohl schon… ?“ Ich stutze, doch dann lehne ich höflich ab, verweise auf den Weg, der noch vor mir liegt. Die Dame lächelt milde und wendet sich wieder der Aussicht zu. Später fährt sie frisch und leichtfüßig radelnd an mir vorbei, ein Lied summend. Ich wische mir den Schweiß aus dem Nacken und bin noch lange nicht am Ziel.
©Martin Bensen, 14. Juni 2017 – Wanderung zum Ammersee
Drei Blicke und ein Wink
Der Radfahrer
Gleich oben. Mein Atem geht schnell, aber gleichmäßig. Ich radle in einem mittleren Gang, ruhig und routiniert. Meine Feierabendstrecke. Die Straße glänzt schon etwas weicher in der tiefstehenden Spätsommersonne. Alles wirkt friedlich hier abseits der Hauptstraße. Oder doch nicht? Von weiter oben dringen Stimmen an mein Ohr. Ein paar Leute hasten mir entgegen den abschüssigen Gehweg herunter, zwei Frauen vorne weg, ein Mann mit einem Kind auf den Schultern. Die beiden Frauen scheinen zu streiten, sie gestikulieren, ich höre “Mutter”, “Wohnung aufgeben”, “Pflegeheim”, blicke jetzt in angespannte Gesichter, die Augen starr geradeaus. Nur das Kind lächelt, scheint den Ritt auf den Schultern zu genießen. Das hellblonde Haar des kleinen Jungen wippt im Takt der schnellen Schritte. Gerade als ich meinen Blick wieder abwenden will, reißt der Junge einen Arm hoch, winkt mir freundlich lachend zu und ruft mit glockenklarer Stimme: “Haaallo!” Fast reflexartig hebe auch ich den Arm und winke zurück. Unwillkürlich muss ich lachen und brauche doch einen Moment, um zu merken, wie wundervoll das gerade war. Noch immer lächelnd schaue ich zurück, sehe sie jetzt einen Vorgarten betreten – drei Erwachsene mit einem Engel. Ob sie es wissen?
Der Mann
Schon wieder. Die immer gleichen Rituale, ein weiterer nutzloser Abend bei der Schwiegermama. Heute gab es ausnahmsweise mal einen Parkplatz in der Nähe. Aber sonst ist alles wie immer. Meine Frau und ihre Schwester streiten. Ich kann es nicht mehr hören. Wenn es nach mir ginge, hätten wir schon längst eine Entscheidung. Was soll eine alte Frau jenseits der Achtzig noch in einer Wohnung ganz alleine? Gut, meine Schwägerin, Essen auf Rädern, der ambulante Pflegedienst – sie ist versorgt. Aber was will sich die alte Dame beweisen? Warum klebt sie so an ihrer kleinen erbärmlichen Welt? Nicht mal die beherrscht sie mehr. Die Küche schon lange kalt, wenig mehr Bewegung als ein paar zittrige Meter zwischen Bad und Schlafzimmer, das jetzt auch ihr Wohnzimmer ist. An manchen Tage verlässt sie ihr Bett schon gar nicht mehr. Wir brauchen eine Lösung! Doch ich dringe nicht durch. Die beiden Schwestern sind hin- und hergerissen. Sie sind ja nicht blind. Und doch: “Wenn wir ihr das jetzt auch noch nehmen, die vertraute Umgebung, das letzte bisschen Selbstbestimmung, ihre Ehre, ihr Leben…” Die Zeit arbeitet nun mal dagegen. Was wackelst du da oben denn so? Gleich läufst du selber, wirst mir eh zu schwer. Es wird mir alles zu viel, man hechelt nur noch durchs Leben – wie dieser Radfahrer gerade. Strampeln, immer nur strampeln. Am Ende fällt man in die Klappe und das war’s. Das Gartentor quietscht. Wofür das alles?
Das Kind
Wie schön! Ich sitze hier oben auf meinem Pferd. Papa ist so groß und stark. Da habe ich keine Angst, bin ganz oben. Ich mag unsere Fahrten in die Stadt. Erst bei meiner Tante vorbei, dann mit ihr zusammen zu Oma. Meistens müssen wir noch etwas laufen. Dann darf ich immer auf die Schulter. Klar kann ich selber gehen, aber Reiten ist schöner. Und Papa scheint es auch zu gefallen, er hebt mich schon ganz automatisch hoch, sobald wir aus dem Auto steigen. Warum rennen die denn so? Meine Tante redet wieder so laut. Immer regen sie sich auf. Warum können sie nicht einfach mal nett sein? Später bei Oma ist immer alles gut. Da höre ich sie ganz normal reden. Dinge, die ich nicht verstehe. Dann gehe ich einfach zur Spielekiste beim Kachelofen, Oma hat ganz viele alte Sachen und Bilderbücher. Die kenne ich schon auswendig, aber es macht Spaß in der großen Kiste zu wühlen und manchmal entdecke ich sogar noch eine weiße Malbuchseite… Oma geht es nicht gut. Sie lacht nicht mehr wie sonst. Meistens schaut sie ernst, schaut mich gar nicht mehr an. Ich bin doch da! Mache extra Grimassen und lustige Verrenkungen, will, dass sie wieder lacht. Da, so wie jetzt: Der Mann auf dem Fahrrad schaut zu uns rüber. Hallo! Hat geklappt, er winkt zurück und lacht. Papa greift mir unter die Arme. Gleich sind wir da. Mama öffnet das Tor, dann sind alle still. Papa lässt mich runter.
©Martin Bensen, 10. September 2014
Alte Liebe
Düsseldorf Hauptbahnhof. Es ist später Nachmittag und der größte Teil der Reise liegt bereits hinter mir. Inzwischen habe ich den Großraumwagen des IC ganz für mich allein, die meisten Reisenden sind in Köln ausgestiegen. Eigentlich hätte es längst weitergehen sollen, aber der Zug steht immer noch. Zum Glück, denn sonst hätte es das ältere Paar nicht mehr geschafft – und ich hätte diese Geschichte nicht zu erzählen. Eine wahre Geschichte.
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