Damals, in den Achtzigern, habe ich einen Kurzfilm gesehen: Ein Modefotograf überschreitet die Grenze, lichtet seine Freundin mit der professionellen Kamera ab. Etwas, das sie immer abgelehnt hat. Als wüsste sie, warum: Es wird der Horror; als der Fotograf auf den Auslöser drückt, verschwindet seine Freundin. Erst denkt er, sie erlaube sich einen schlechten Scherz, bis er schließlich erkennt, dass das Unglaubliche geschehen ist: Sie bleibt verschwunden. Ist nur noch ein Foto, ein Negativ, noch dazu eines, das langsam verblasst wie eine Erinnerung, die vielleicht auch nur eine Illusion war. Und er, der die Welt bis dahin nur durch den Sucher, nur in Bildausschnitten betrachtet hat, ändert sein Leben. Lebt.
Wo bin ich jetzt? Eben noch saß ich am Laptop. Jetzt bin ich hier. Aber wo ist hier? Was zum Teufel ist das hier? Weiterlesen
Albtraum
Traumgesichte (IV): Fliege
Als Giselher Brumma eines Abends in unruhigen Schlaf fiel, fand er sich im Traum zu einer abscheulichen Fliege verwandelt. Dergestalt erhob er sich aus schweißnassen Laken, schwebte leicht empor und sah sein Zimmer wie eine neue Welt aus Licht und Farben. Da drüben war es hell, er flog dorthin, spürte wohlige Wärme. Noch vor wenigen Minuten hätte er es besser gewusst, jetzt ließ ihn sein Instinkt ganz nah an das Licht fliegen. Er landete auf dem oberen Rand der Lampe. Hier war es angenehm. Warme Luft stieg auf von dort unten, wo es noch heller war, noch schöner schien. Also lugte er vorsichtig über den Rand, spürte die verlockende Intensität von Licht und Wärme. Es kribbelte wohlig in den Beinchen, die Flügelchen summten vor Lust, so stieß er sich ab, schwebte kurz in der Luft und ließ sich nach unten sacken. Uuh, jetzt wurde es aber heiß. Viel zu heiß! Er wollte wieder hoch, doch es war zu spät, die Flügel reagierten nicht mehr, wie er wollte. So plumpste er unversehens hinein, schrammte an dem gleißenden, heißen Licht vorbei und landete weich auf einem riesigen Haufen vertrockeneter Insektenkadaver. Verzweifelt brummten seine Flügel, hektisch versuchte er nach oben zu gelangen, rasselte hier gegen Glas und dort gegen Glut. Es gab kein Zurück mehr. Kraftlos sank er wieder auf den Chitinhaufen längst verendeter Leidensgenossen. Seine Flügel waren geschmolzen, nichts brummte mehr, er war gefangen. Die Hitze wurde ihm jetzt unerträglich. Mit letzter Kraft stieg er über die Gerippe, durstig, fiebernd, gelangte an das Glas, versuchte daran hochzukrabbeln, doch es war zu heiß, seine Füßchen verbrannten, er fiel hinunter, lag jetzt auf dem Rücken, weich gebettet auf den Leichenhüllen, sah ein letztes Mal zum Licht und wurde eins mit den Toten.
Giselher Brumma wachte nicht mehr auf. Man fand ihn Tage später völlig ausgetrocknet und mit Brandmalen an Rücken, Füßen und Händen im Bett. Sein starrer Blick war auf die Hängelampe über seinem Nachttisch gerichtet, deren Licht noch brannte. Im unteren Teil der tropfenförmigen Glashülle hatten sich Insektenreste aus mindestens zehn Jahren angesammelt.
©Martin Bensen
Traumgesichte (II): Heimkehr
Was freute ich mich auf Zuhause! Die Fahrt war lang gewesen, zweimal war ich nur knapp am Sekundenschlaf vorbeigeschrammt. Das Adrenalin des Erschreckens hatte am Ende gereicht, um die Strecke ohne Pause durchzustehen. Jetzt befuhr ich den Zubringer in die Stadt, in meine Heimatstadt. Nur noch den Weg hoch, dann war ich endlich Zuhause. Dachte ich. Weiterlesen
Traumgesichte: Hunde
Ich stehe auf einer Wiese, die Sonne scheint, alles wirkt friedlich. Kein Mensch ist hier unterwegs. Dann eine Bewegung am Horizont. Etwas nähert sich in der flirrenden Hitze. Ich stelle meine Augen scharf und sehe sie: Hunde. Große Hunde mit bedrohlichen Gesichtern. Sie sehen nicht aus wie Wölfe, aber sie wirken wie gefährliche Raubtiere. Weiterlesen