Die über allem thronen (Gastein)

Reisesplitter IV

Über allem thronen die, denen es an nichts mangelt, nicht ganz auf dem Gipfel, dem nur kargen und schroffen, zu weit droben, den man gut im Rücken wissen kann, weil sie doch so hoch thronen, dass sie über die Baumwipfel hinweg ins Tal blicken können, auf die Spielzeughäuser, die Matchboxautos in einem schrägen Spinnennetz von Straßen, mittendrin eine kleine gelbe Kirche mit spitzem Turm, der sich hoch gen Himmel reckt und doch längst nicht die überragt, die über allem thronen, denen es an nichts mangelt, die auch eine Krise überstehen, was nicht ausgemacht ist für die da unten,
die das Dörflein bevölkern, um verwaiste Imbissbuden streunen, leere Gasthäuser und Kurhotels, in Kurkliniken wesen oder etwas glücklicher Wiesen und Äcker bestellen, das letzte Heu einfahren, die Gülle versprühen, umrahmt von vergilbenden Bäumen, bevor alles kahl und grau und wüst verbleibt für den Winter, der die Landschaft wie Palatschinken bepudert, das Leben vereist und erstarren lässt, während über alldem dann immer noch diejenigen thronen, am wohlig warmen Kamin, denen es an nichts mangelt, die ihre Schäfchen im Trockenen haben, komme, was da wolle, während unten im Tal der Bauernherbst von Farbe auf Schwarzweiß wechselt, ohne dass dies irgendjemand aufzuhalten vermag, auch die nicht, die über allem thronen, denen es an nichts mangelt, die jetzt mit rosigen Wangen vom prickelnden Prosecco in den dampfenden Infinity-Pool wechseln, eine kurze, wohlige Bahn ziehen und wieder hinabblicken auf das Dörflein, das auch noch ein bisschen Sonne kriegt, letzte wärmende Strahlen für alte Männer in leeren Cafés, für quirlige Schüler auf eiernden Fahrrädern, für die alte Frau am Grab ihrer Lieben, das Handy am Ohr, weil sie auch hier nicht mit schweigenden Toten, sondern mit Lebenden sprechen will, für einzelne umherirrende Spaziergänger, die schon in Skijacken und mit den Nasen im Wind vage ersten Schnee wittern, ihn ganz oben auf den Gipfeln schon sehen, das majestätische Weiß, das über allem thront, auch über schmalen Wolkenfetzen wie Gedankenstriche und selbst über jenen Menschen, die sich freuen, über vielem zu thronen, an wenig einen Mangel zu haben, vielleicht, das muss wohl doch gesagt werden, an einer zünftigen Jause am Mittag, die es nach der Krise nicht mehr gibt, in ihrem Rundum-Sorglos-Hotel hoch über den Alltagssorgen der Menschen im Gasteiner Tal.

©Martin Bensen