Sylvie (Concarneau)

Heiß, viel zu heiß. Das war so nicht ausgemacht. Bretagne geht anders. Dachte er. Ist den langen Weg gefahren, weil er genau ihr entfliehen wollte: der sengenden Hitze, die seit Wochen über dem Süden Deutschlands hängt. Der allem zusetzenden Trockenheit. Der lähmenden Trostlosigkeit. Hier an der Nordküste wollte er die bretonische Brandung spüren, rau und ungestüm. Frisch. Er hat auf das Tosen des Meeres gehofft, auf Gischt an Felsen, das Heulen des Windes, darauf, dass sich die Zunge endlich vom Gaumen löst, sei auch Salz auf den Lippen, dass das Wetter bretonisch ist – ruppig und kalt. Solcher Art scheint aber nur die Katze zu sein, die ihn unvermittelt anfaucht.
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Kulturschock

Er war schon einige hundert Mal in der Galerie gewesen, doch heute starrten die Bilder zurück, so sehr, dass er sie nach dem ersten Schock fragte, was sie von ihm wollten, woraufhin er natürlich keine Antwort bekam, stattdessen starrten sie nur weiter, was sie zunehmend dümmlich aussehen und ihn zugleich ratlos werden ließ, sodass er beschloss, die Galerie auf schnellstem Wege und für immer zu verlassen.

©Martin Bensen

Sentir le sable (Saint-Malo)

Das Meer ist weit draußen, der Strand unendlich. Zwei Freundinnen kommen Arm in Arm aus den bretonischen Mauern. Die eine schlank in weißer Hose, weiß-blauem Ringelpulli, an den Füßen taubenblaue Slipper. Die andere übergewichtig in rot-grün-weißem, luftigem Rock, rotem T-Shirt und Pumps. Sie trägt einen Strohhut. Sie humpelt. Die schlanke Freundin stützt sie, geht trotzdem aufrecht, leichtfüßig, vielleicht war sie früher einmal Model. Jetzt betritt sie den gelben Sand, löst sich von ihrer Freundin, die auf die seitliche Mauer zusteuert, sich mit einer Hand abstützt. Dort, wo der Strand beginnt, tänzelt die Schlanke auf der Stelle, murmelt etwas von »feinem Sand«, bückt sich, nimmt mit drei Fingern eine Probe, zerreibt sie und nickt – und schaut doch etwas angeekelt. Feiner Sand. Krauses Näschen.
Sie geht auf ihre Freundin zu, die gebückt an der Mauer steht und an ihren Schuhen nestelt, die Riemchen endlich gelöst und sie von ihrer Freundin gereicht bekommt. Mit ihren Pumps in der Hand steuert sie auf den Sand zu, die Schlanke folgt ihr, lässt ihre Schuhe aber an. Sie muss ihre Freundin nicht mehr stützen. Die lacht jetzt, krallt sich mit ihren Zehen in den feinen Sand, reißt sich den Hut vom Kopf, langes blondes Haar wird gleich vom Wind erfasst. Jetzt tänzelt sie voran, immer schneller, sie wendet ihr Gesicht zur Sonne, lässt ihr Haar im Wind flattern, breitet die Arme aus, in der linken Hand die Schuhe, in der rechten den Hut. Sie will nicht fliegen, sie will nur den Sand spüren, die Sonne, den Wind.
Ihre Freundin folgt ihr. Steif. Beherrscht.

©Martin Bensen

Champs de bataille

Nicht im TGV nach Paris
Doch auf der Autoroute
Erfährt jeder Reisende:
Felder und Wälder waren
Einst die Champs de bataille

Wenig zeugt noch von
Den Schlachten
Den Stellungskriegen
Der sinnlosesten Sinnlosigkeit
Menschlichen Verbrechens

Ein paar Schilder nur
Wer hier stoppt, sieht eine
Armee von weißen Kreuzen
Bald passé beim Shoppen
Auf der Champs-Élysées

©Martin Bensen

Lost

Damals, in den Achtzigern, habe ich einen Kurzfilm gesehen: Ein Modefotograf überschreitet die Grenze, lichtet seine Freundin mit der professionellen Kamera ab. Etwas, das sie immer abgelehnt hat. Als wüsste sie, warum: Es wird der Horror; als der Fotograf auf den Auslöser drückt, verschwindet seine Freundin. Erst denkt er, sie erlaube sich einen schlechten Scherz, bis er schließlich erkennt, dass das Unglaubliche geschehen ist: Sie bleibt verschwunden. Ist nur noch ein Foto, ein Negativ, noch dazu eines, das langsam verblasst wie eine Erinnerung, die vielleicht auch nur eine Illusion war. Und er, der die Welt bis dahin nur durch den Sucher, nur in Bildausschnitten betrachtet hat, ändert sein Leben. Lebt.
Wo bin ich jetzt? Eben noch saß ich am Laptop. Jetzt bin ich hier. Aber wo ist hier? Was zum Teufel ist das hier? Weiterlesen

Ein verdächtiges Gesicht

„‚Sollte sich ein Zusammenhang irgendeines von euch –‘ Er faßte den schwarzbärtigen Maschinenmeister ins Auge, der ein verdächtiges Gesicht machte, ‚– mit sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so zerschneide ich zwischen ihm und mir das Tischtuch. Denn für mich ist jeder Sozialdemokrat gleichbedeutend mit Feind meines Betriebes und Vaterlandsfeind …'“

Heinrich Mann: Der Untertan, 1918

Die zwei Schwarzbärtigen gefallen ihm nicht. Geht es nur ihm so oder ist es in der Straßenbahn plötzlich kälter geworden? Nein, nicht wegen der offenen Tür, sondern seitdem die zwei Männer mit den Kapuzenpullis dort stehen. Sie sind zusammen eingestiegen, haben ihre Rollkoffer neben sich gestellt, sind gleich am Entwerter stehengeblieben. Auf dem Einzelplatz für Reisende und Behinderte sitzt eine alte Dame, ihm gegenüber. Gut, dass sie die Männer nicht sehen muss, denkt er. Ihre langen, schwarzen Bärte in den hageren Gesichtern, die düsteren Augenhöhlen, die bis über die Stirn gezogenen Kapuzen – solche Leute können einem wirklich Angst einjagen. Beide Männer blicken auf ihre Handys. Doch ihm können sie nichts vormachen. Er durchschaut sie. Weiterlesen

Westfalen

Wie seltsam friedlich der Horizont
Nicht weit, nirgendwo ein Silberstreif
Bloß ein dünner Streifen hoher Bäume
Schützt ausgedehntes Land vor Ferne

Kronen übersät von Tintenklecksen
Krähen keckern ihr karges Winterlied
In den Nebel, die frühe Dämmerung
Ja, auch dieser öde Sonntag endet bald

Wie seltsam friedlich mein Westfalen
Nichts und niemand stirbt hier laut
Unter jedem Grün ist schwarze Erde
Blatternfleckig verwölkt der Himmel

©Martin Bensen

Dein Liebesbrief

Dein Brief, dein Liebesbrief
Worte einer anderen Zeit
Verblasst ist diese Tinte
Angegraut wie das Papier

Ob ich den Brief kopiere?
Ihn scanne, digitalisiere?
Dann wäre er nicht mehr
Dein Brief, dein Liebesbrief

Ob ich mir die Worte merke?
Sie in mein Herz einschließe?
Wie damals, nicht so gierig
Als es von dieser Liebe brannte

Nur Narben sind geblieben
Wehmut nur wie kalter Rauch
Ein bloßes Echo unserer Liebe
Ein Ende, das den Anfang frisst

Deine Worte, deine lieben Worte
Verblassen doch wie Zaubertinte
Dein Brief, dein Liebesbrief
Vergeht. Wie das Leben. Die Liebe.

©Martin Bensen

wenns gut läuft

von den ziegeln rinnt der regen
sammeln tausende tropfen
sich zu einem strom, der
gurgelnd in die Röhre
schießt, im sturzbach
sich ergießt in die erde
in tiefen grund bis zum
gestein bis irgendwo in
einen fluss, ins weite meer
dort verdampft zu neuem regen

©Martin Bensen

Wei(na)ch(t)en

Fünf Tage schon. Jeden Tag zur selben Zeit. Pünktlich. Das war nicht leicht, denn er kann nicht einfach Feierabend machen, wann es ihm passt. Zweimal hat seine Abteilung spontan späte Meetings angesetzt. Er hat sich entschuldigen lassen. Das macht einen schlechten Eindruck. Aber er musste einfach die Straßenbahn um 17:02 Uhr erreichen. Ankunft Charlottenplatz um 17.25 Uhr. Dort wird die Frau einsteigen. Heute wird sie es schaffen und er wird sie endlich wiedersehen. Richtig sehen. Es kann gar nicht anders sein. Weiterlesen