Wunderwasser

Ein Märchen

Einmal in der Woche, immer sonnabends zogen die älteren Männer des Dorfes in aller Frühe hinauf auf ihren Hausberg. Sie taten dies bei jedem Wetter und selbst im tiefsten Winter. Dann war der Weg so beschwerlich, dass sie der Aufstieg gut und gerne einen halben Tag kostete. Nur einmal in der Geschichte des Dorfes blieb den Männern der Aufstieg drei Wochen lang verwehrt, zu widrig waren die Umstände, zu groß die Lawinengefahr, sodass sie um Leib und Leben fürchten mussten. In jenen Tagen strickten die Frauen ihnen Mützen aus Schafwolle, die zwar wärmten, aber doch auch gehörig kratzten, sodass die Männer den Abend herbeisehnten, an dem sie die wollenen gegen ihre leichten Nachtmützen aus lindernden Leinen tauschen konnten. In jenen drei Wochen trugen alle älteren Männer jenes Dorfes Tag und Nacht Mützen. Aber nicht wegen der Kälte allein taten sie das, denn ihre Häuser waren warm und draußen war zu dieser Jahreszeit ohnehin nichts zu tun. An Holz zum Heizen herrschte auch kein Mangel. Es gab einen anderen Grund für das Behüten ihrer Köpfe. Weiterlesen

Kartoffelherz

„Es ist eine Schande!“ Wütend stampfte der Koch mit dem Fuß auf. Die Holzdielen knarrten unter seinem Gewicht, das Geschirr in den Schränken klirrte. Gerade einmal eine Gabel hatte die Herrin von ihrem Teller gegessen. Was man auch tat, wie schön man das Mahl auch dekorierte, nichts brachte diese… diese… Person dazu, etwas mehr zu nehmen als genau diese eine Gabel. Der dicke Koch rang die Hände, schließlich seufzte er und nahm sich des vollen Tellers an. Es hing ihm zum Hals heraus: Tagein, tagaus gab es Kartoffeln. Ausschließlich Kartoffeln. Aber nicht irgendwelche Kartoffeln. Weiterlesen