Das hatte doch alles keinen Sinn. Trotzig wie ein Kind blieb er stehen und stampfte mit dem rechten Fuß auf. Er war verzweifelt. Egal in welche Richtung er ging: der Weg endete früher oder später im Nichts. Oder vielmehr im Dickicht eines dunklen Waldes. Nirgendwo war auch nur der Ansatz eines Lichts zu erkennen. Überall nur tiefe, schwarze Nacht. Wurde es noch mal irgendwann hell?
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Einsamkeit
Verbrannt
„Ich lüge dich nicht an! Wie kommst du überhaupt darauf?“ Er hat das Messer, mit dem er eben noch den edlen Fisch für den Heiligen Abend filetiert hat, in die Spüle geworfen und schaut sie aufgebracht an. Sie hätten nicht schon so viel Wein trinken dürfen. Ein Schlückchen zum Kochen, dazu besinnliche Musik und im Kamin ein prasselndes Feuer – der Abend in ihrer einsamen Hütte hätte eigentlich nicht besser beginnen können. Weiterlesen
Alt
Kennst du diese alten Männer, die einsam ihre Runden drehen, nach dem rechten sehen, in ihrem Revier, ihrer kleinen, immer kleiner werdenden Welt, mit Stock oder ohne, manche tief gebeugt, langsamen Schrittes, die Sohlen über das Pflaster schleifend? Haben die alten Männer in unserer Stadt nicht viel mehr zu sehen als auf dem Land, wo es nicht mal mehr einen Dorfkern, einen Brunnen, Bänke, eine schattige Linde gibt, wo selbst ein Hund nichts mehr zum Schnüffeln findet?
Vielleicht waren da zu viele Penner gewesen, Alkoholiker, schräge Alte, die das Dorfbild verschandelt hatten. Dann lieber sauber und seelenlos, ein Altenheim am Ortsrand, ein gutes Gewissen. In der Stadt haben sich Fassaden und Plätze herausgeputzt. Edler Glanz blendet die Augen, Wind pfeift um die Ecken, macht kleine Wirbelstürmchen mit dem Unrat der Nacht, kein Baum spendet Schatten, verzinkte Gittersitze voller Taubendreck, die Betonstufen voller Skater, die ihre Bretter abwetzen, für etwas Leben sorgen.
Kein Platz für alte Männer. Was wollen sie auch hier, warum sind sie nicht bei ihren Frauen, immer allein unterwegs, wieso verbünden sich sie sich nicht, unterhalten sich wenigstens?
Hast du diesen alten Mann gesehen, der an der vielbefahrenen Straße entlang schlurft, die Hände auf dem krummen Rücken verschränkt, in speckiger Jacke und schlabbrig-weiter Cordhose, eine Schiebermütze auf dem Kopf? Siehst du sein gelbes, faltiges Gesicht, seine starren Augen? Jetzt bleibt er stehen, dreht sich steif zur Seite, starrt lange zur anderen Straßenseite. Was hat er entdeckt? Schaust du auch hinüber? Siehst du etwas? Nein, du siehst nichts. Weil dort nichts ist. Was sieht dieser alte Mann also? Ist er es nur leid auf die kaputten Pflastersteine zu blicken? Braucht er eine Verschnaufpause, die er mit einem scheinbaren Anlass, einer „wichtigen Beobachtung“ kaschiert?
Siehst du ihn wieder weitertrotten, wie er konzentriert den einen Fuß vor den anderen setzt, nur langsam wieder in Gang kommt? Du hast keine Zeit mehr, dich mit derart unwichtigen Fragen abzugeben? Du hast keine Zeit für sowas? Hast überhaupt keine Zeit? Und er? Wieviel hat er wohl noch? Ist dir egal, sagst du? Willst niemals so werden wie dieser alte Mann? Wirst vielleicht auch gar nicht so alt werden. Doch das hörst du nicht mehr. Keine Zeit…
Alleinzeit
Mit der Zeit
Wird aus der Zeit
Die Du allein sein willst
Nicht nur eine Zeit des Alleinseins
Sondern schleichend eine Zeit der Einsamkeit
So lässt die einmal gewollte Alleinzeit
Allein Dich und Deine Zeit
Schließlich allein Zeit
Dir Übrig
©Martin Bensen, 14. Juni 2017 / Dießen, Ammersee