Willkommen im Wartesaal

Sie ist eine notorische Zeitdiebin, eine Wiederholungstäterin, unverbesserlich. Ihre Beute ist Zeit. Lebenszeit, in Summe ganze Menschenleben – jeden Tag. Sie drangsaliert ihre Opfer mit dem Schlimmsten aller Foltern, sie zermürbt sie, durch Anlocken und Zuückweisen, ein manchmal stundenlanges Ringen und Vexieren; die Unberechenbarkeit ist ihr schärfster Dolch, tiefe Stiche in zarte Hoffnungen, das Brennen in den Wunden der Enttäuschung. Kollektives Leiden in zugigem Milieu, Viren haben leichtes Spiel. Wer ist diese Geißel der Menschheit oder besser: der Deutschen?
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Behringer rastet aus

Endlich am Gardasee. Die Strecke nach Torri del Benaco zog sich hin, zuletzt wollte er nur noch ankommen, in der Sonne, im Sommer, nach Tagen des Regens zu Hause. Doch er kommt nicht an, nicht mit dem Herzen, es ist, als bliebe es auf Abstand, das alte Städtchen mit den vielen Lokalen, vom kleinen Bootshafen bis weit nach Norden, wo das Ufer einen Knick macht, sich für Boote und Badende öffnet, die Gassen voller Menschen und Musik, die Düfte, das Licht und die Wärme des Südens. Darauf hat er sich gefreut. Und all das ist da – nur nicht für ihn. Zwölf Stunden ist er gefahren, per Bahn und Bus, er wollte es so, dachte, das ist noch wie früher per Interrail, aber das ist es nicht, es fordert ihn mehr als damals, vielleicht hätte er sich auch erholt bis zum Abend, doch sie beschäftigt ihn weiter, betäubt ihn regelrecht: die Sache im Zug.
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Signalstörung

Das klingt nur lästig
Und auch eher harmlos
Dringt nicht allzu schnell
In mein Bewusstsein vor
Signalstörung

Eine Störung halt naja
Ist sicher gleich behoben
Doch dann dauert das
Lange sehr sehr lange
S i g n a l s t ö r u n g

Auch nach einer Stunde
Immer noch kein Zug
Als die Anzeige erlischt
Ist die Ankunft unbestimmt
S I G N A L S T Ö R U N G

©Martin Bensen

Unter Leuten (in der Regionalbahn)

Die Frau mit dem Kopftuch setzt sich leise ans Fenster auf der anderen Seite des Ganges, sie hat den neuen Bestseller von Juli Zeh dabei und vertieft sich sogleich in das Buch.

Zwei italienisch sprechende Teenagerinnen kommen in mein Abteil, setzen sich an den Tisch eine Reihe vor mir und quatschen ohne Unterlass, während sie ihre Gummis aus den Haaren ziehen und sie wieder neu einfädeln. Die eine reizt das Klischee voll aus und lässt eine Kaugummiblase zwischen ihren knallrot geschminken Lippen platzen.

Ein sichtlich müder Radfahrer in gelbem Trikot stellt sein Fahrrad vorne an die seitliche Sitzreihe gegenüber der Tür und nimmt an dem anderen Tisch Platz. Er muss noch einmal aufstehen, um eine rabiate ältere Frau mit Bürstenfrisur und unfreundlichem Gesichtsausdruck durchzulassen, die mit dem Finger wortlos auf den Fensterplatz gedeutet hat. Auf der anderen Seite des Tisches sitzt schon seit einiger Zeit völlig unauffällig eine Frau mittleren Alters, die in einer osteuropäischen Sprache leise in ihr Handy spricht.

Eine punkige junge Frau kommt mit einem Schlaks ins Abteil und setzt sich mit ihm auf die seitlichen Sitze direkt neben der Eingangstür. Unvermittelt schreit sie los: „OhKacke! JetzthabichdochglattdenKuchenvergessenichsolltedemKevindocheinenbacken – aberegalkriegterhaltkeinenderArsch. Mann ej…“

Ein dicker Mann mit rötlichen Haaren ohne Hals setzt sich rülpsend zwei Sitze weiter und beobachtet das schräge Paar stumm von der Seite. Er sieht aus wie Peter Griffin aus „Family Guy“. Aus seinem schmutzig-grauen Rucksack zieht er eine messingfarbene Halbliterdose Discounterbier, öffnet sie, leckt den Schaum vom Daumen und trinkt die Dose in einem Zug leer. Dann rülpst er herzhaft, reibt sich seinen Kugelbauch und schaut stumpfsinnig ins Leere. An der nächsten Haltestelle zieht er eine weitere Dose hervor, diesmal trinkt er mit kleineren Schlucken. Er wirkt zufrieden, in sich ruhend. Auf seine Weise genauso wie die Frau mit dem Kopftuch, die ganz in ihr Buch vertieft ist.

Der Schaffner kommt, quetscht ein unverständliches Kommando heraus. Egal, die Fahrgäste wissen, was der Uniformierte will. Vielleicht nicht ganz, denn jetzt verlangt der beschnauzte Machthaber zusätzlich zu meinem ICE-Ticket und meiner Bahncard auch noch einen „Lichtbildausweis“. Überflüssig zu erwähnen, dass der Mann von kleiner Statur ist…

Zwei weitere Dosen später, an der Haltestelle Frankenthal, steigt Peter Griffin aus. Mit ihm die meisten lärmenden Gäste. Der dicke Mann folgt ihnen nicht zur Treppe. Er steuert auf den gläsernen Aufzug zu, drückt den Knopf und holt eine Packung Zigaretten aus dem Rucksack. Der Aufzug kommt, Peter Griffin zündet sich eine an und stößt mit seinem Kugelbauch gegen die Tür, die sich nur langsam öffnet. Es dauert, bis sich die Kabine in Bewegung setzt, schon reichlich mit blauem Dunst gefüllt.

Nach einer Stunde nähert sich der Zug in aller Ruhe der Endstation Mannheim. Die Frau mit dem Kopftuch klappt ihr Buch zu und hält es respektvoll in der Hand. Erst als die Bahn steht, erhebt sie sich von ihrem Sitz und geht auf leisen Sohlen Richtung Ausgang.

Ich genieße es, als letzter auf den sonnigen Bahnsteig zu treten und freue mich auf den ICE nach Hause.

Wenn sich Schnellzüge verspäten, und das tun sie oft in Mainz, landet man schon mal in den Bummelzügen der Regionalbahn. In ihnen ist man wahrhaft „unter Leuten“…

©Martin Bensen

Alte Liebe

Düsseldorf Hauptbahnhof. Es ist später Nachmittag und der größte Teil der Reise liegt bereits hinter mir. Inzwischen habe ich den Großraumwagen des IC ganz für mich allein, die meisten Reisenden sind in Köln ausgestiegen. Eigentlich hätte es längst weitergehen sollen, aber der Zug steht immer noch. Jetzt geht die Tür auf, ein älteres Paar kommt schnaufend herein. Die Frau, eine zierliche, aber energisch wirkende Person mit rötlich gefärbtem Haar – ich schätze sie auf etwa Achtzig – geht voraus, kopfschüttelnd und mit zitternden Lippen. Sie steuert auf den freien Tisch gegenüber zu, setzt sich leise stöhnend in Fahrtrichtung ans Fenster und deponiert ihre altmodische Handtasche auf dem Nebensitz. Der Mann, einen guten Kopf größer als sie, grau und dünn, folgt ihr leicht gebückt, nimmt seinen Hut vom spärlich behaarten Kopf, bleibt aber stehen. Er zögert, schaut zu Boden. Die Frau hat sich abgewendet, sieht aus dem Fenster, noch etwas außer Atem. Der Mann wartet, tappt unbeholfen von einem Bein auf das andere.

Ich kann mich nicht mehr auf mein Buch konzentrieren. Was passiert hier? Noch immer schwankt der Mann leicht hin und her, während die Frau wie unbeteiligt aus dem Fenster schaut. Sind sie etwa kein Paar, gehören sie gar nicht zusammen und hat sie ihm womöglich den Platz weggeschnappt? Während ich noch grüble, zerschneidet eine scharfe Stimme die Stille. Nur ein Wort. Ein Kommando. Augenblicklich geht ein Ruck durch den Körper des alten Herrn. Wie ein Roboter setzt er ein paar kleine Schritte zur Seite, dann plumpst er ungelenk auf den Platz gegenüber. Kaum dass er sitzt, beugt er seinen Oberkörper vor, bleibt sein Blick an der fleckigen Tischplatte haften. Die Frau hat sich wieder abgewendet, schaut aus dem Fenster.

Mein Buch habe ich längst zugeklappt. Ich gebe vor zu dösen, lasse meine Augen aber einen Spalt weit offen, um die Beiden heimlich weiter beobachten zu können. Mit einem Ruck setzt sich der Zug in Bewegung. Als wäre dies das Signal, wendet sich die Frau schlagartig dem verkrampft sitzenden Mann zu, beugt sich vor, stützt ihre Ellenbogen auf den Tisch und hebt die rechte Hand. Ein ausgestreckter Zeigefinger deutet jetzt auf den Mann, sticht in die Luft, wippt auf und nieder. Fast unmerklich bewegen sich die Lippen der Frau, aus ihrem Mund strömen Worte, gleichmäßig und ohne Pause, aber so leise, dass ich sie nicht verstehen kann. Auf den Mann scheinen sie eine verblüffende Wirkung zu entfalten: Es ist, als krümme er sich unter Schlägen. Noch immer vornüber gebeugt, den Blick gesenkt, zuckt sein Körper im Sprechrhythmus der Frau, windet sich unter ihrem schwingenden Zeigefinger, gerade so, als würde er an einem unsichtbaren Faden gezogen wie eine Marionette. Die Frau redet weiter eindringlich auf ihn ein, ihre Augen starr auf den geduckt kauernden Mann gerichtet. Was mich verblüfft: Ihr Gesicht hat eigentlich gar nichts Hartes an sich und doch geht von der ganzen Person eine bohrende Strenge aus, die selbst mich unangenehm berührt. Ich muss aufpassen, nicht ebenso zu erstarren wie der Mann oder wenigstens beide nicht blöd anzustarren, so sehr nimmt mich die Situation am Nachbartisch gefangen. Der Mann nickt jetzt ständig mit dem Kopf, sein Körper ein einziger Ausdruck der Unterwerfung.

Kaum zu glauben, aber der Zug wird schon wieder langsamer. Wir erreichen Dortmund. Ging das wirklich die ganze Strecke so? Oder bin ich eingenickt und habe das alles nur geträumt? Während der IC mit quietschenden Bremsen in den Bahnhof einfährt, lässt die Frau von dem Mann ab. Sie lehnt sich langsam zurück und schaut wieder aus dem Fenster. Vorsichtig richtet sich ihr Gegenüber auf, den Blick noch immer gesenkt. Der Zug kommt zum Stehen. Mit einem Ruck stemmt sich die Frau hoch, packt ihre Tasche und marschiert zielstrebig zum Ausgang. Diesmal reagiert der Mann sofort, beinahe geschmeidig erhebt er sich aus seinem Sitz, rückt seinen Hut zurecht und folgt ihr. Ich kann meine Neugier nicht zügeln, setze mich hinüber und sehe gespannt hinaus auf den Bahnsteig. Da kommen sie. Mit schnellen Schritten gehen die Beiden an meinem Fenster vorbei auf die Treppe zu. Fassungslos verfolge ich, was dann passiert: Auf der obersten Stufe bleiben sie nebeneinander stehen. Sie schauen sich an. Sie blickt zu ihm auf. Zaghaft, beinahe schüchtern, schiebt sie ihre rechte Hand in seine linke. Beide lächeln jetzt, halten sich fest. Dann gehen sie langsam die Treppe hinunter. Ein trautes Paar, Hand in Hand.

Auf einer meiner vielen Zugreisen notiert, irgendwann in den späten 80ern…
©Martin Bensen