Sie ist eine notorische Zeitdiebin, eine Wiederholungstäterin, unverbesserlich. Ihre Beute ist Zeit. Lebenszeit, in Summe ganze Menschenleben – jeden Tag. Sie drangsaliert ihre Opfer mit dem Schlimmsten aller Foltern, sie zermürbt sie, durch Anlocken und Zuückweisen, ein manchmal stundenlanges Ringen und Vexieren; die Unberechenbarkeit ist ihr schärfster Dolch, tiefe Stiche in zarte Hoffnungen, das Brennen in den Wunden der Enttäuschung. Kollektives Leiden in zugigem Milieu, Viren haben leichtes Spiel. Wer ist diese Geißel der Menschheit oder besser: der Deutschen?
Kenner wissen es längst: Es ist die Deutsche Bahn. Doch wer denkt, es handle sich um ein verwegenes, in voller Absicht handelndes Syndikat von Verbrechern, der irrt. Nein, sie selbst ist Opfer, runtergerockt von solchen, deren Aufgabe es war, sie zu kurieren. Ein Unternehmen, das dem Bund gehört, bundeseigen, aber nicht staatlich ist, sondern privatrechtlich und gewinnorientiert.
Etwas auf die Schiene oder ins Rollen bringen, Projekte anbahnen, gerne auch aufgleisen – noch rangiert ein bahnlastiges Vokabular im Managementsprech deutscher Unternehmen ganz oben, doch wie lange noch? Die Bahn selbst signalisiert derlei Agilität nicht. Die Gründe sind sattsam bekannt und eigentlich wundert es mich, wie lange die Bahn schon dem Zug der Zeit hinterherfährt und sich ihre abermillionen Fahrgäste so willfährig ihre Zeit rauben lassen. Statt zukunftsweisender Ideen fließt viel Kreativität in individuelle, oft recht originelle Begründungen notorischer Verspätungen – und offenbar in Fahrpläne, die aber in der maroden Struktur gar nicht funktionieren können, nicht unähnlich einem Fitnessplan fürs neue Jahr, bei dessen gutem Vorsatz es meist bleibt.
Immerhin gibt es jetzt einen Sanierungsplan. Bund und Bahn haben ihn ganz aktuell verabschiedet. Dafür müssen über viele Jahre Strecken gesperrt werden. Klar, geht nicht anders, nur: Ambitioniert geht anders. Aber solange es alle trifft, ist es quasi universell, fast schon ein allgemeines Prinzip. Seht her, wir haben das große Ganze im Blick. Dabei wäre mehr als ein Seitenblick zu den Nachbarn hilfreich, der Schweiz zum Beispiel.
Vorerst und wohl noch sehr lange gilt also: Willkommen im Wartesaal des Lebens, der perfekten Einheit von Zeit, Ort und Handlung, das alte Drama, das übrigens auch die Post zu inszenieren weiß – aber darüber vielleicht ein anderes Mal. Ich bin plötzlich so müde, ein kleines Nickerchen oder ein anderer Zeitvertreib täten gut oder wenigstens ein Platz zum Sitzen. Undenkbar am Bahnsteig, wo ich eher einen Zug abbekomme, als in einen pünktlichen einsteigen kann …
Anm.: In der vergangenen Woche hatte ich Gelegenheit, die Deutsche Bahn ausgiebig zu „testen“, vier Fahrten, insgesamt über tausend Kilometer quer durch Deutschland – eine zufriedenstellende Bilanz, Extra-Lob an das Bordrestaurant und das durchweg freundliche Personal im Zug, ihr könnt ja nix dafür. Allein die Verbindung Mainz – Stuttgart ein verlässlicher Ausreißer: Der gebuchte Zug hatte eine „anschwellende“ Verspätung; hätte ich nicht kreativ und vorausschauend eine andere Verbindung mit Umstieg genommen, wäre ich erst gestartet, als ich bereits kurz vor meinem Ziel war. Selbst ist der Kunde und die App funktioniert. Immerhin.