Heute, am 1. April, schicke ich meine Lesenden nicht in den wetterlaunischen Monat, sondern in die Sechziger zurück, das Jahrzehnt meiner Kindheit. Was habe ich in der Zwischenzeit nicht alles verloren, meinen naiven Glauben an Märchen, den Osterhasen, Weihnachten, ja, auch den lieben Gott, dessen kleine Welt mir als Kind vollkommen schien. An einem 1. April gegen Ende der Sechziger verirrte sich sogar ein Wolf darin.
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Stories
Kurzgeschichten, Prosa, Erzählungen
Buddharoid
Ein sokratischer Dialog mit einer KI – von einer KI
Gibt es so etwas wie die »Summe der menschlichen Philosophie«. Ist sie zentral gespeichert, jederzeit abrufbar? Das legt jedenfalls Gemini nahe. Ich habe die KI von Google mit einem fiktiven philosophischen Dialog beauftragt, den ich hier auch gerne abbilden möchte. Doch am Ende habe ich mich und dann auch Gemini gefragt, ob die KI den Dialog zu ihrem oder zu meinem Gefallen geschrieben hat. Und da gab es zwei erwartbare, aber auch eine überraschende Antwort.
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Frost in Westfalen
Wie lange er im Morast gelegen hat, kann er nur vermuten, und selbst das liegt ihm fern, er erwacht wieder, starr vor Kälte, es muss noch Wärme in ihm sein, auch wenn es sich nicht so anfühlt und immerhin hat sie den eisigen Boden unter ihm aufgeweicht. Um Mattes herum ist die Wiese gefroren, durch einen Schleier erkennt er Grasbüschel, eine in der Abendsonne schimmernde Eisfläche unweit von ihm, er kann sich nicht bewegen, alles ist taub, aber er spürt die Nässe unter sich, riecht die feuchte Erde, modrig, moorig und immer mit diesem Hauch Gülle, während ihm die Augen zufallen, ohne dass er das Bild dieser Landschaft verliert.
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Ein magischer Moment
Eine Weihnachtsgeschichte
Gibt es die eine Liebe? Oder ist sie vielgestaltig, von jedem Menschen unterschiedlich stark empfunden – wie der Hass? Ist die Liebe absolut? Oder gibt es verschiedene Grade? Wer oder was kann ermessen, wie sehr ich liebe? Wie will ich es vergleichen? Jede Liebe ist einzigartig und gleichzeitig universell – über ein Leben hinaus. Was sie vermag, zeigte mir ein einziger Moment kurz vor Weihnachten. Ein magischer Moment.
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Strahlender Mond
Erst ganz hinten hob das Flugzeug ab, verschwand wie eine Geistererscheinung im Nebel des Novembermorgens. Hier, wo ich stand, hatte er, der jetzt mit meinem Ticket flog, jeden Tag ausgeharrt. Wie sehnsuchtsvoll er durch das Panoramafenster gestarrt hatte, zugleich geduldig, lange bevor die Maschine nach Laos an den Start gehen würde. Nur ihr galt sein Sehnen. Ich habe es beendet, jetzt war es an ihm, dass sich sein einziger Wunsch erfüllte, sein letzter in diesem Leben.
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Flucht zurück
Er war einen großen Umweg gegangen, unfreiwillig. Alles schien verändert. Eigentlich kein Wunder nach einem Vierteljahrhundert. So lange war er nicht mehr hier gewesen. Warum auch? Warum jetzt? Selbst als er sich dem Studentenwohnhaus näherte, war er sich nicht sicher, erst vor dem Eingang war er es. Aber noch immer war da das Gefühl, besser wieder zu gehen. Hätte er das nur getan, die Vergangenheit ruhen lassen.
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Eupathie
Als Levin Müller erwachte, sah er über sich acht Augenpaare, eines kannte er nicht.
»Endlich«, sagte seine Frau. »Wir mussten den Notarzt rufen. Was ist mit dir?«
»Eine sehr tiefe Ohnmacht«, brummte der Arzt – das fremde Augenpaar.
Levin stöhnte, alles drehte sich, er fühlte sich matt, als wäre er einen Marathon gelaufen. Wie vor fünf Jahren, das erste und das letzte Mal, ihm war hundeelend gewesen. Eine Woche tat ihm alles weh, selbst der Kopf. Jetzt auch, aber anders, eine Art Nervenschmerz, wie nach einem Elektroschock. Und wie ein Schlag die Erkenntnis: »Ich war eine Fliege.«
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Behringer rastet aus
Endlich am Gardasee. Die Strecke nach Torri del Benaco zog sich hin, zuletzt wollte er nur noch ankommen, in der Sonne, im Sommer, nach Tagen des Regens zu Hause. Doch er kommt nicht an, nicht mit dem Herzen, es ist, als bliebe es auf Abstand, das alte Städtchen mit den vielen Lokalen, vom kleinen Bootshafen bis weit nach Norden, wo das Ufer einen Knick macht, sich für Boote und Badende öffnet, die Gassen voller Menschen und Musik, die Düfte, das Licht und die Wärme des Südens. Darauf hat er sich gefreut. Und all das ist da – nur nicht für ihn. Zwölf Stunden ist er gefahren, per Bahn und Bus, er wollte es so, dachte, das ist noch wie früher per Interrail, aber das ist es nicht, es fordert ihn mehr als damals, vielleicht hätte er sich auch erholt bis zum Abend, doch sie beschäftigt ihn weiter, betäubt ihn regelrecht: die Sache im Zug.
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Zuckerjungs
Zwei junge Männer im Bordbistro, Zug aus München. Sie sitzen an dem kleinen Tisch einander gegenüber, sehen aus dem Fenster, an dem eine eintönige Landschaft vorbeizieht. Vielleicht ist alles gesagt, unter Brüdern, sie sehen sich ähnlich, haben beide dieses breite Gesicht, weit auseinander stehende Augen, die bei dem einen, dem jünger wirkenden Mann, etwas hervortreten, bei seinem Gegenüber zusammengekniffen sind. Der Ältere trägt eine Art Arbeitsjacke, blau verwaschen, der andere ein Fußballtrikot, Bayern München, es trägt auf, kaschiert kaum seine über den Hosenbund wabbelnden Hüften.
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Liebe – warum?
Warum sollte ich dich lieben?
Unsere Begegnung im Wald so schattenhaft. Als wäre sie nicht wahr. Als wärest du nicht wahr. Dünn. Blass. Todesgleich. Lebst du überhaupt?
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Traumgesichte (IX)
Ich muss da durch. Es ist heiß in dem dämmrigen Raum, feucht und stickig. Meinem Vordermann rinnt der Schweiß in den Kragen, die halbe Rückenpartie seines Hemdes ist bereits durchnässt. Die Kontrolle wirkt dadurch bedrohlich: Mein Vordermann breitet die Arme aus, der uniformierte Mann vor ihm, tastet mit beiden Händen Arme und Oberkörper ab.
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Die weiße Lady
Ein Afrika-Märchen
An jenem Abend, als ihr Mann auf den Berg stieg, blickte sie ihm vom Dorfplatz aus lange nach. Über seinem Pfad ging ein blutroter Mond auf, da wusste sie, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor.