Ein magischer Moment

Eine Weihnachtsgeschichte

Gibt es die eine Liebe? Oder ist sie vielgestaltig, von jedem Menschen unterschiedlich stark empfunden – wie der Hass? Ist die Liebe absolut? Oder gibt es verschiedene Grade? Wer oder was kann ermessen, wie sehr ich liebe? Wie will ich es vergleichen? Jede Liebe ist einzigartig und gleichzeitig universell – über ein Leben hinaus. Was sie vermag, zeigte mir ein einziger Moment kurz vor Weihnachten. Ein magischer Moment.
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Strahlender Mond

Erst ganz hinten hob das Flugzeug ab, verschwand wie eine Geistererscheinung im Nebel des Novembermorgens. Hier, wo ich stand, hatte er, der jetzt mit meinem Ticket flog, jeden Tag ausgeharrt. Wie sehnsuchtsvoll er durch das Panoramafenster gestarrt hatte, zugleich geduldig, lange bevor die Maschine nach Laos an den Start gehen würde. Nur ihr galt sein Sehnen. Ich habe es beendet, jetzt war es an ihm, dass sich sein einziger Wunsch erfüllte, sein letzter in diesem Leben.
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Flucht zurück

Er war einen großen Umweg gegangen, unfreiwillig. Alles schien verändert. Eigentlich kein Wunder nach einem Vierteljahrhundert. So lange war er nicht mehr hier gewesen. Warum auch? Warum jetzt? Selbst als er sich dem Studentenwohnhaus näherte, war er sich nicht sicher, erst vor dem Eingang war er es. Aber noch immer war da das Gefühl, besser wieder zu gehen. Hätte er das nur getan, die Vergangenheit ruhen lassen.
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Eupathie

Als Levin Müller erwachte, sah er über sich acht Augenpaare, eines kannte er nicht.
»Endlich«, sagte seine Frau. »Wir mussten den Notarzt rufen. Was ist mit dir?«
»Eine sehr tiefe Ohnmacht«, brummte der Arzt – das fremde Augenpaar.
Levin stöhnte, alles drehte sich, er fühlte sich matt, als wäre er einen Marathon gelaufen. Wie vor fünf Jahren, das erste und das letzte Mal, ihm war hundeelend gewesen. Eine Woche tat ihm alles weh, selbst der Kopf. Jetzt auch, aber anders, eine Art Nervenschmerz, wie nach einem Elektroschock. Und wie ein Schlag die Erkenntnis: »Ich war eine Fliege.«
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Behringer rastet aus

Endlich am Gardasee. Die Strecke nach Torri del Benaco zog sich hin, zuletzt wollte er nur noch ankommen, in der Sonne, im Sommer, nach Tagen des Regens zu Hause. Doch er kommt nicht an, nicht mit dem Herzen, es ist, als bliebe es auf Abstand, das alte Städtchen mit den vielen Lokalen, vom kleinen Bootshafen bis weit nach Norden, wo das Ufer einen Knick macht, sich für Boote und Badende öffnet, die Gassen voller Menschen und Musik, die Düfte, das Licht und die Wärme des Südens. Darauf hat er sich gefreut. Und all das ist da – nur nicht für ihn. Zwölf Stunden ist er gefahren, per Bahn und Bus, er wollte es so, dachte, das ist noch wie früher per Interrail, aber das ist es nicht, es fordert ihn mehr als damals, vielleicht hätte er sich auch erholt bis zum Abend, doch sie beschäftigt ihn weiter, betäubt ihn regelrecht: die Sache im Zug.
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Zuckerjungs

Zwei junge Männer im Bordbistro, Zug aus München. Sie sitzen an dem kleinen Tisch einander gegenüber, sehen aus dem Fenster, an dem eine eintönige Landschaft vorbeizieht. Vielleicht ist alles gesagt, unter Brüdern, sie sehen sich ähnlich, haben beide dieses breite Gesicht, weit auseinander stehende Augen, die bei dem einen, dem jünger wirkenden Mann, etwas hervortreten, bei seinem Gegenüber zusammengekniffen sind. Der Ältere trägt eine Art Arbeitsjacke, blau verwaschen, der andere ein Fußballtrikot, Bayern München, es trägt auf, kaschiert kaum seine über den Hosenbund wabbelnden Hüften.
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Traumgesichte (IX)

Ich muss da durch. Es ist heiß in dem dämmrigen Raum, feucht und stickig. Meinem Vordermann rinnt der Schweiß in den Kragen, die halbe Rückenpartie seines Hemdes ist bereits durchnässt. Die Kontrolle wirkt dadurch bedrohlich: Mein Vordermann breitet die Arme aus, der uniformierte Mann vor ihm, tastet mit beiden Händen Arme und Oberkörper ab.
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Nirgendwomensch

»Wer hat dir das befohlen? Rede endlich, du Ratte!«
Er weiß es nicht. Er weiß nichts mehr. Er sieht. Immer wieder sieht er dieses Gesicht, sieht die Angst in den Augen des Mannes, sieht ihn fallen und unter der S-Bahn verschwinden. Ein Schrei und der Film reißt. Nein, er reißt nicht, nur etwas in ihm, nichts wird hell, es ist kein Film. Es beginnt von vorne. In seinem Kopf pfeift es wieder. Und damit fängt alles an. Nichts wird sich ändern. Es endet, wie es endet. Am Ende ist nichts.
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Odyssee – oder: Die lange Heimkehr aus Kreta

Den letzten Kontakt mit einer Betreuerin unseres Reiseanbieters, eines angeblich führenden Touristikkonzerns, haben wir bei der Ankunft unseres kleinen Transferbusses am Flughafen Heraklion. Ein schöner Urlaub gehe zu Ende, sagt sie routiniert, jetzt wünsche sie allen noch eine angenehme Rückreise nach Stuttgart. Die Schalter der Fluggesellschaft seien zwar noch nicht besetzt, dennoch solle man gleich ins Terminal gehen, denn dort sei es klimatisiert und nicht so heiß wie draußen, so die junge Frau in Blau. Zwei Dinge, die nicht ganz stimmen, weitere sollten folgen, eine wahre Odyssee erst beginnen …
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Homunkulus

Ich weiß nicht, warum ich mir das antue. Erst dieser grässliche, knallgelbe Tee. Dann dieses lächerliche Namasté, die servile Verbeugung, die »betenden« Hände vor der Brust. Warum? Die Vibration der Klangschale durchströmt meinen Körper, da liege ich schon. Wird eh nicht klappen, denke ich. Hypnose nicht, Meditation erst recht nicht. Meine Frau liegt neben mir, ist schon ganz bei sich. Wo ist das: bei mir? Alles, was ich sehe, ist ein dunkler Raum, eine Art Verlies – und dieses kleine Wesen. Wo bin ich? Weiterlesen