Ein Stückchen
Beim Altenheim kommt der Herbst früher.
»Das ist die Natur«, sagt der Gärtner. »Die jungen Bäume kriegen ihr Laub schneller, dafür verfärbt es sich früher wie bei den alten.«
»Als! Hm, aber ja«, sagt der Passant. »Sehr früh, würde ich sagen. Der September ist ja kaum rum. Zum Glück ist das bei uns Menschen anders.« Er deutet auf seine blonde Fönfrisur und auf das schüttere graue Haar des Gärtners.
G: Oh, das würde ich nicht sagen, was alte Menschen längst haben, müssen sich junge erst noch verdienen.
P: Na, ich weiß nicht. Aber das mit den Bäumen ist doch blöd für die Alten. Da gucken sie raus und sehen Herbst. Haben sie nicht selber schon genug Herbst?
G: Wieso? Dahinter ist der Wald und der ist noch ganz grün. Weitblick ist immer gut.
P: Aber dazwischen ist die Straße und viele haben bestimmt nicht mehr so gute Augen. Die sehen gelbe und rote Blätter, absterbendes Laub. Schön ist sowas nur für Junge, die Alten gucken da anders drauf.
G: Also wisset Se, es isch fei bloß Laub. Die alten Bäume verlieren es auch, nur nicht ganz so bald. Aber die konnten nicht bleiben, das neue Altenheim brauchte Platz. Und dann der viele Schatten – ganz duschter wärs g’worde do nei. Mehr Licht! Das wollte doch der alte Goethe, gell?
P: Seine letzte Worte, ne ne, schlecht gelegen hat er. Als Frankfurter kenne ich den Dialekt, ihr Schwaben romantisiert eben gerne – selbst das Sterben.
G: Ha …!
P: Egal, es geht um die Sonne, um Hitze. Für alte Menschen ist Schatten besser.
G: Alte Bäume kann ich aber nicht pflanzen.
P: Klar, einen alten Baum verpflanzt man nicht, ich weiß. Aber was sollen die Alten hier im Heim sagen? Entwurzelt – alle.
G: Also woisch, Kerle, so brauchsch du mir net komme. Ich bin hier nur der Gärtner und für die Pflanzen zuständig und da geht alles nach der Natur.
P: Dann bleiben Sie mal schön dabei, Sie wissen ja: Der Mörder ist immer der Gärtner.
G: Jetzt wirsch komisch. Mach, dass weiterkommsch, ade.
Kopfschüttelnd lädt der Gärtner den Rechen auf die Karre mit dem Herbstlaub und schiebt sie davon.
»Ich muss ihn häufiger besuchen«, murmelt der Passant und betritt das Altenheim.