Warum habe ich eigentlich geglaubt, dass eine so schöne junge Frau, die soeben telefonisch einen Termin zum Spitzenschneiden ausmacht und die so schlank und sportlich wirkt – dass diese junge Frau sich nur an der Salatbar des Grillrestaurants bedient und vielleicht ein Glas Prosecco oder, weil sie allein dort sitzt, doch eher ein Glas stilles Wasser bestellt – stille Wasser sind tief, sagt man, aber wer ist man? Weiterlesen
Shots
Lyrikfetzen, Gedanken, Kurzprosa
Fliegen
Im kalten Nebel steht
Einer der gar nichts hat
Das Pennerblatt verkauft
Schenkt denen die viel haben
Und trotzdem miesepetrig sind
Ein beseeltes Lächeln ins Gesicht
Zaubert das Grau des Novembers weg
Indem er tanzt und laut Volare singt
Aggro
Neulich in der Straßenbahn:
Ein älteres Paar in festlichem Outfit steigt ein und setzt sich nebeneinander in Fahrtrichtung. Er entfaltet eine Einladung, sie schaut lustlos aus dem Fenster.
Er: Der *Soundso* kommt auch.
Sie: (laut) Den mag ich ja gar nicht. Der hat schon ein Gesicht zum Reinschlagen.
Er: (leise) Hm…
Ein junges Paar mir gegenüber lächelt unsicher:
Sie: (zu ihm, flüsternd) Die Alte ist ja voll aggro…
©Martin Bensen
Alles drin
Weit aufgerissene Augen
Heftiges Schlucken
Zittern
Sein Rucksack ist weg
Da sei alles drin
Alles?
Auch sein Leben?
©Martin Bensen
Alt werden
Ob ich eine Krankenfahrt gebucht habe, will der Taxifahrer wissen, sieht dann, wie ich zu meinem Auto gehe, dreht sich wieder zum Eingang des Dialysezentrums, das gleich neben dem Supermarkt liegt.
Ich verneine noch blöd, stutze, sehe mich plötzlich mit den Augen des Fahrers, wie ich weißhaariger Mittfünfziger nach vorne gebeugt, weil auf mein ihm verborgenes Handy blickend, mehr schlurfe als gehe.
So hielt er, der deutlich Ältere, mich wohl für älter als ich bin, vielleicht für verwirrt, nicht mehr auf Ballhöhe, für einen seiner üblichen Fahrgäste, meist hochbetagt, hinfällig, auf Hilfe angewiesen.
Alt bist du – du bist alt, mit diesem Mantra fahre ich heim, sehe unterwegs einen kurzatmigen Alten an der Hauswand lehnen, einen spindeldürren Grauschopf humpelnd joggen.
An der roten Ampel sitzt im Auto neben mir ein Fahrer mit lichtem Haar, der mit leerem Blick nach vorne starrt, vielleicht wie ich sinniert, was war, und schließlich lustlos weiterfährt.
©Martin Bensen
Pöttmes
Pöttmes ist kein Essen
Und kein Ort
In Norddeutschland
Pöttmes ist kein Eintopf
Und kein Kiez
In Köln
Pöttmes ist ein Markt
Und kein ganz kleiner
In Bayerisch-Schwaben
©Martin Bensen
Der Geizer
Nur von Marulls Geschichten eine:
Fundstück: Marull / Sprüche. Spruchgedicht von Friedrich Haug (Johann Christian Friedrich Haug, Dichter aus Württemberg, 1761 – 1829) – https://gedichte.xbib.de/Haug_gedicht_Marull.htm
Der Geizer blickte wann er aß
Erfindrisch durch ein Augenglas,
Damit sein Bißchen groeßer scheine.
Spitzel im Ruhestand
Sie können nicht anders
Sie sitzen da und hören zu
Sie lauschen den Gesprächen
Sie sehen hin nur scheinbar weg
Sie verarbeiten ständig Informationen
Sie geben sich arglos harmlos
Sie lächeln dünn und unnahbar
Sie wirken grau fast unsichtbar
Sie haben es nicht anders gelernt
©Martin Bensen
Lächerlich
Wie der alte Mann
Linkisch galant
Zur Seite hüpft
Für die junge Kellnerin
Die spöttisch lächelnd
Seinen Tisch abräumt
Macht er sich einfach
Lächerlich
©Martin Bensen
Wildes Herz
Du isst
Geschmortes Wildherz
Mein Herz
War auch mal wild
©Martin Bensen
Aus dem Schatten
Die aus dem Schatten treten
Waren sie schon immer da
Oder ist das Licht verblasst
Der Vernunft und Wahrheit
Ehrenburger
Vielleicht hätte sie
Der Titel gefreut
So aber steht
Die Dame nur
An der Haltestelle
Mit der Werbung
Für ein Hackfleischbrötchen
Namens Ehrenburger